Luther bei Lorenz von Bibra

 

Unterhaltsame Szenen und gehaltvolle Statements – in der „Nacht der offenen Kirchen“ am 2. Oktober 2007 in der Augustinerkirche zu Würzburg gespielt von Dekan Dr. Günter Breitenbach (Lorenz von Bibra) und von Br. Peter Reinl OSA (Martin Luther).

 

Sonntagnachmittag, 18. April 1518

auf der Festung Marienberg in Würzburg,

ein halbes Jahr nach Luthers Thesenanschlag.

Noch sind alle Türen offen.

 

Lorenz von Bibra, Fürstbischof zu Würzburg (B) empfängt Dr. Martinus Luther, Augustinereremit und Professor aus Wittenberg (L)

 

So oder so ähnlich oder auch ganz anders könnte das Gespräch verlaufen sein:

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B: So, nun darf ich den fahrenden Mönch Dr. Martinus hereinbitten!

 

L: Excellenz, hochwürdiger Herr Bischof, euer untertäniger Diener Bruder Martinus. Danke, dass Ihr Euch die Zeit für mich nehmt.

 

B: Ich habe den Empfehlungsbrief Eures Landesherrn, meines lieben Freundes Friedrich von Sachsen gelesen. Ihr seid also Distriktsvikar der Augustinereremiten in Thüringen und Sachsen einschließlich Unterfranken und auf der Durchreise nach Heidelberg zum Ordenskonvent. Ich hoffe, unsere Würzburger Augustiner haben Euch gut aufgenommen und verköstigt. So ein Fußmarsch ist ja lang.

 

L: Danke, so ist es, Euer Gnaden. Meine Würzburger Ordensbrüder sind gastfreundlich und der Wein ist gut.

 

B: Ja, wir hoffen sehr, dass er auch heuer gut gedeiht. Wenn ein schöner Mai kommt, kann´s gut werden. –

Professor in Wittenberg seid Ihr also. Schön! Wir haben nicht wenige Landeskinder, die bei Euch studieren. Ich hoffe, irgendwann kriegen wir unsere eigene Hochschule auch wieder hoch.

Über unsere Studenten bekommen wir natürlich auch so manches mit. Ihr seid doch der mit den 95 Thesen vom letzten Allerheiligentag. Nicht schlecht, was Ihr da meinem Mainzer Amtsbruder Albrecht von Brandenburg ins Stammbuch geschrieben habt. Ich hab seinem Tetzel bei uns von vorneherein das Werben verboten. Bei allem Verständnis für den Heiligen Vater und seine Peterskirche, aber unsere Ablässe brauchen wir für uns selbst. Ich hab erst an Kiliani wieder einen für die Domrenovierung ausgeschrieben. Zehn Beichtväter waren da im Einsatz, das müsst Ihr Euch vorstellen. Wir haben eben doch opferbereite Leute hier.

 

L: Mit Verlaub, hochwürdiger Herr Bischof, vor Gott zählen nicht unsere Opfer, sondern allein das Opfer Christi für uns. Nicht durch unsere Werke werden wir selig, sondern allein aus Gnaden. Unser ganzes Leben soll deshalb eine tägliche Buße sein.

 

B: Ja, ja. Ich habe Eure theologischen Thesen gelesen. Alles gut und recht, aber verfahrt Ihr nicht zu hitzig? Lasst Euch eines sagen, und zwar von einem langjährigen Diplomaten unseres Kaisers Maximilian, Gott hab ihn selig, und einem erfahrenen Kirchenmann: Die Kirche ist der Reform bedürftig, an Haupt und Gliedern. Aber das geht nur mit Vernunft und Frieden. Nur mit der Zeit verschwindet das Gebresthafte. Das Bessere bricht sich ohnehin Bahn. So halt ich es jedenfalls bei uns in Würzburg mit Klerus und Klöstern. Und dass es in den Klöstern am meisten krankt, das werdet Ihr wohl selber wissen.

 

L: Mit den Klöstern habt Ihr recht, ehrwürdiger Herr Bischof. Wir werden in Heidelberg darüber zu verhandeln haben. Auch unser Augustinerorden ist ja gespalten in die traditionellen Konventualen und uns strenge Observanten. Ich soll dazu einige Thesen zu Disputation vorlegen. Sie laufen darauf hinaus, dass in der heutigen Kirche eine Theologia Gloriae gegen die Theologie des Kreuzes steht. Gott zeigt sich uns im Kreuz, nicht in Glanz und Pracht.

 

B:  Naja, ein bisschen Glanz und Pracht braucht der Glaube schon auch. Wie soll die heilige Kirche anders die Gegenwart Christi repräsentieren? Was wäre Würzburg ohne Kiliansdom und Künste, ohne Fahnen und Prozessionen, ohne Hirtenstab und Herzogsschwert? Ich hab gerade erst bei Meister Til meinen Grabstein in Auftrag gegeben. Ich hoffe, er wird den Dom zieren. Aber ich kann Euch sagen, das ist ein teurer Spaß.

 

L: Unser Leben ist in Gottes Hand, ehrwürdiger Herr Bischof. Und wir sind Bettler, das ist wahr.

 

B: Weil Ihr gerade von Bettlern redet: Für Euer letztes Wegstück bis Heidelberg gebe ich Euch gerne einen Boten mit.

 

L: Danke, euer Gnaden, das ist nicht nötig. Heute sind auch die Nürnberger und die Erfurter angekommen. Und die reisen mit Wagen und nehmen mich mit.

 

B. Ach, da ist sicher auch der hochgelehrte Bartholomäus von Usingen dabei. Ich hoffe, den können wir irgendwann noch nach Würzburg holen.

 

L: Ja, mein alter Lehrer. Wir werden unterwegs viel zu disputieren haben. Ich fürchte, er ist nicht erfreut über meine Thesen.

 

B. Einen Geleitbrief will ich Euch noch gerne schreiben. Gott möge Euch erleuchten, Bruder Martinus. Handelt nach Eurem Ermessen, aber bleibt der Kirche treu!

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Am folgenden Montag, dem 19. April 1518 schreibt der Mönch Dr. Martinus an seinen Freund Spalatin in Wittenberg:

 

„An Georg Spalatin, Priester zu Wittenberg.

Sei gegrüßt! Endlich sind wir in Würzburg angekommen, gerade am Sonntag Misericordia, mein lieber Spalatin. Noch am selben Tag nachmittags trugen wir die Empfehlungsbriefe unseres erlauchten Fürsten aus.  … Der hochwürdige Herr Bischof nahm persönlich den Empfehlungsbrief in Empfang, ließ mich rufen und von Angesicht zu Angesicht sich mit mir unterhalten, wollte er auf seine eigenen Kosten mir einen Boten bis Heidelberg zugesellen. Ich aber, da ich hier mehrere Ordensgenossen traf, lehnte dankend ab, indem ich es nicht für nötig hielt, meinethalben einen Boten zu belästigen. Ich will nämlich mit jenen im Wagen weiterreisen, da ich durch den Fußmarsch hinlänglich erschöpft bin. … Die Hoffnung der Franken geht darauf hinaus, wie wohl heuer der Wein gedeiht. Sie meinen, wenn ein schöner Mai kommt, kann´s gut werden. Lebe wohl! Geschrieben in unserem Kloster zu Würzburg am Montag nach Misericordia Domini 1518, Br. M. Luther“

 

 

 

Ein halbes Jahr nach dem Gespräch, am 14. Oktober 1518 schreibt Bischof Lorenz von Bibra an Kurfürst Friedrich den Weisen von Sachsen:

„Euer Liebden wolle ja den frummen Mann, Dr. Martinus, nicht ziehen lassen, ihm geschähe Unrecht.“

 

Kurz vor seinem Tod, im Januar 1519, schreibt der Bischof ein zweites Mal an Kurfürst Friedrich:

„Lieber Herr Ohm, ich bitt, ihr wollet wohl Achtung haben auf den Münch Doctorem Martinum, denn er ist rechtschaffen, und so Euer Lieb ihn nicht länger darf behalten, so schicke er ihn mir zu, er soll mir ein lieber Gast sein.“

 

 

Georg Spalatin, Hofkaplan des Kurfürsten, meint Jahre später:

„Dieser Bischof von Würzburg  ist ein solcher verständiger, weiser, ehrlicher Mann gewest. Hätte auch dieser Bischof Lorenz von Bibra länger sollen leben, so halten viele Leut´ dafür, die ihn sehr wohl gekannt haben, dass er das heilige Evangelium angenommen hätte, denn er war wohl übel gewest an dem römischen Wesen, wollte auch ihr erdichtet gülden Gnadenjahr und Ablasskrämerei nit zulassen, je länger, je weniger.“

 

Und auch der alte Luther erinnert sich gern und spekuliert, ob nicht Lorenz von Bibra

 „… noch wäre lutherisch worden, so er länger gelebt hätte.“

 

 

Lorenz freilich, von Riemenschneider dargestellt mit Mitra, Hirtenstab und Herzogsschwert, schaut in den Dom und schweigt.

 

 

Luther und Lorenz im Himmel

(Szene II)

 

 

B: Du, Martin, wie lange ist das jetzt wohl schon her, seit wir uns damals in Würzburg getroffen haben?

 

L: Fast 500 Jahre, mein lieber Lorenz, 489 genau. Hier oben bemerkt man kaum, wie die Zeit vergeht.

 

B: Was die Würzburger wohl heute so machen? Da sollte man doch mal wieder runterschauen!

Naja, viel hat sich scheinbar nicht verändert. Alles noch da - die Weinberge,  die Festung, die Mainbrücke, die Marienkapelle, der Dom. Hoffentlich ist mein Grabstein noch drin.

 

L: Aber wo ist das Augustinerkloster? Da steht jetzt alles voll Polizeiautos. Merkwürdig. Ah, aber eine Uni gibt es jetzt wieder.

 

B: Da mussten wir ja nachlegen, nachdem Du überall verbreitet hattest, alle sollten das Lesen lernen und selber denken.

 

L: Na hoffentlich denken sie auch, frei, klar und gottesfürchtig. So, wie ich damals zu sagen pflegte: Hier stehe ich und kann nicht anders.

 

B: Ja, ist ja schon gut. Schau Dir lieber die Stadt an!

 

L: Ein bisschen größer ist alles geworden.

 

B: Wo früher das Hauger Stift war, ist jetzt eine große Kuppel, fast wie beim Petersdom.

 

L: Und da hinten, ein neuer Kirchturm ganz aus Glas! Der ist wohl noch nicht ganz fertig.

 

B: Und was das wohl für ein prächtiger Bau ist mit dem riesigen Garten und dem gepflasterten Platz davor? So etwas hätte mir als Bischof auch gefallen.

L: Das kann ich mir vorstellen.

 

B: Das Spitzige daneben, das muss etwas Evangelisches sein. Etwas spitz warst Du ja damals schon, mein lieber Martin.

 

L: In die Kirche gehen die Würzburger anscheinend immer noch eifrig, wenigstens heute Abend hat es den Anschein.

 

B: Früher sind alle gemeinsam in den Dom gegangen, auch Deine Anhänger, mein lieber Martin.

 

L: Klar, die haben eben immer gehofft, dass sich etwas ändert. Jedenfalls bis sie vertrieben wurden.

 

B: Ja, leider waren da meine bischöflichen Nachfolger nicht gerade zimperlich. So wenig wie Deine Leute. Gebracht hat es nichts, Ihr seid ja immer noch da. Aber viel Leid und Krieg hat es gegeben, leider.

 

L: Ich wollte ja damals überhaupt keine Konfessionen, sondern dass die ganze Kirche sich durch das Evangelium erneuert.

 

B: Genau. Erneuerung an Haupt und Gliedern. So habe ich auch immer gesagt. Du erinnerst Dich. Aber man kann ja sagen, was man will. So ganz haben das wohl beide noch immer nicht verstanden, Gott sei´s geklagt.

 

L: Naja, aber trotzdem scheint es inzwischen besser zu laufen. Schau nur, wie sie heute Abend alle zusammenkommen! Sogar nachts sind die Kirchen offen! Da kann ich nur sagen: Nun freut euch, lieben Christen gmein!

 

B: Hörst du, wie sie miteinander singen? Sogar einige Deiner Lieder stehen inzwischen in den katholischen Gesangbüchern.

 

L: Hoffentlich machen sie nicht nur etwas miteinander, damit man denkt, sie machen etwas miteinander. Ich habe den Verdacht, die wahre Kirche will am Ende doch jeder alleine sein. Stimmt das, dass Rom immer noch bestreitet, dass auch die Evangelischen Kirche sind?

 

B. Ach, das war doch nur die Glaubenskongregation. Und so haben sie es auch wieder nicht gemeint. Sie wollten halt nur sagen: Ihr seid Kirche in eurem Sinn, wir sind Kirche nach Seinem Sinn. Ihr dürft Euch nicht immer so künstlich aufregen.

 

L: Naja, spätestens hier oben kommen sie auch noch dahinter.

 

B: Wie wohl heuer der Wein gedeiht?

 

L: So lange sie den miteinander trinken, ist nichts verloren. Brot und Wein, darauf kommt es an.

 

B: Oh schau, da läuft mein neuer Nachfolger, der Bischof!

 

L: Wo?

 

B: Na, der Kleine, der so strahlt, der aus Köln!

 

L: Ob er sich schon eingelebt hat?

 

B: Er sagt: JA.

 

L: Und meine Lutherischen haben es in Würzburg noch nicht einmal zu einem Regionalbischof gebracht. Der kommt noch immer aus Ansbach.

 

B: Au weh, Ansbach, das war schon zu meiner Zeit ein Problem. Aber egal, Hauptsache ist, dass sie miteinander reden.

 

L: Du weißt, jeder Christ ist Priester und Bischof. Da gibt es genügend Leute, die miteinander reden können.

 

B: Wenn sie so weitermachen wie heute Abend, kommen sie vielleicht eines Tages wieder dahin, wo wir beiden 1518 schon waren.

 

L: Lorenz, weißt Du was, zur 500-Jahrfeier unserer Begegnung fragen wir den Chef, ob wir mal runter dürfen. Dann sagen wir ihnen, was Sache ist.

 

B: Aber erst trinken wir einen Schoppen.

Und Du, lieber Martinus, darfst Dich am Tisch dann auch setzen.

 

 

 

Entwurf: Dr. Günter Breitenbach, Sept. 2007