Predigt zu 1. Kor. 7, 29-31 am 29.10.06 in Würzburg

 

Liebe Gemeinde,

haben Sie eigentlich schon Ihre Weihnachtsgeschenke beieinander? Und haben Sie die Spekulatius und Lebkuchen gekauft, die seit Wochen schon in den Läden angeboten werden? Ich lasse sie – ehrlich gesagt – gerne noch liegen. Denn alles hat seine Zeit. Und Advent ist eben erst im Dezember!

Andere Planungen aber sind notwendig und sinnvoll.

Wenn Sie im kommenden Jahr eine Reise machen wollen zu einer bestimmten Zeit an einen bestimmten Ort, dann müssen Sie rechtzeitig buchen. Und in unserem Pfarramt wissen wir auch schon, wer im kommenden Jahr am Ostersonntag predigt und daß am 9. Dezember 2007 das Weihnachtsoratorium aufgeführt wird.

Das muß man planen!

Und trotzdem: Unsere Pläne sind immer nur vorläufig. Sie werden manchmal ganz und gar über den Haufen geworden, von anderen Menschen, von Ereignissen in unserem Leben und wohl auch von Gott.

Daran erinnert der Apostel Paulus die Gemeinde in Korinth. Dort in der Provinzhauptstadt Achajas hatte er eineinhalb Jahre gelebt und die Gemeinde mit aufgebaut. Und als er schließlich weiterzieht, hält er einen intensiven Kontakt durch Boten, Besuche und durch Briefe. Er will die Gemeinde nicht alleine lassen, zumal sich immer mehr Probleme im Gemeindealltag herausgestellt haben. Da geht es zum Beispiel um Fragen zur Ehe, zur Ehescheidung und zum Unverheiratetsein. Paulus antwortet darauf, und dann schreibt er folgendes (1. Kor. 7, 29-31):

 

Das sage ich aber, liebe Brüder: Die Zeit ist kurz. Fortan sollen auch die, die Frauen haben, sein, als hätten sie keine; und die weinen, als weinten sie nicht; und die sich freuen, als freuten sie sich nicht; und die kaufen, als behielten sie es nicht; und die diese Welt gebrau-chen, als brauchten sie sie nicht. Denn das Wesen dieser Welt vergeht.

 

Die Zeit ist kurz und das Wesen der Welt vergeht – eine Wahrheit, die wir gerne verdrängen, aber die uns doch immer wieder einholt. Und dazwischen Lebensregeln, die einem zunächst recht seltsam erscheinen.

Versuchen wir, diesem Zusammenhang auf die Spur zu kommen!

 

Die Kürze der Zeit beschäftigt einen immer wieder. „Ich habe keine Zeit!“, so hieß es am vergangenen Sonntag bei der Präparandenvorstellung in St. Johannis. Aber dann haben wir die Zeit langsamer gemacht, wir haben versucht, die Zeit zu genießen und zu teilen – so wie Jesus das wenige Brot und die wenigen Fische so unter den vielen Leuten verteilt hat, daß es für alle reichte. Für uns im übertragenen Sinn die Geschichte einer wunderbaren Zeitvermehrung!

Haben wir noch die Zeit dafür? Können wir es uns noch leisten, die Zeit ganz bewusst zu erleben, die Gott uns heute schenkt?

 

Wir schätzen unsere beschränkte Zeit oft erst dann, wenn wir nicht mehr viel Zeit haben. Mir sind im Krankenhaus oder im Altenheim oft Menschen an den Grenzen ihres Lebens begegnet. Aber ich habe es immer als etwas sehr schönes empfunden, wenn jemand trotzdem noch Ziele und Wünsche gehabt hat: Das möchte ich noch erleben, die Konfirmation meiner Enkelin oder das nächste Weihnachtsfest. Oder Menschen, die gesagt haben: Dort will ich noch einmal in meinem Leben hinfahren, an einen Ort, der mir wichtig ist.

Denn die Zeit ist kurz, und das Wesen der Welt vergeht!

 

Ich will Ihnen von jemandem erzählen, der das ganz besonders intensiv durchlebt hat: Eberhard Gottsmann, ein katholischer Priester aus Eschenbach, einem kleinen Ort in der Nordoberpfalz. Ich kannte ihn nicht mehr persönlich – er ist vor 6 Jahren an Krebs gestorben – aber ich kenne sein geistliches Testament, das er in seinen letzten Lebenswochen für seine Beerdigung aufgeschrieben hat.

Darin heißt es in Auszügen:

„In den Tagen seit meiner sicheren Diagnose hatte ich viele Gespräche, telefonisch und von Angesicht. Die meisten waren verwundert oder verunsichert über meine Gelassenheit, ja über meinen Humor - trotz des sicheren "Todesurteils". Daher möchte ich Ihnen sagen, was der Grund für diese Haltung war.

Jahrelang habe ich im Unterricht, in Vorträgen oder Bibelstunden begeistert von der Frohen Botschaft gesprochen. Ich habe meiner sicheren Zuversicht Ausdruck gegeben, daß unser Gott die absolute, unverlierbare, bedingungslose und stets verzeihende Liebe ist, die uns Menschen niemals schaden wird, sondern im Gegenteil heilen und glücklich machen möchte, und der man nur völlig und uneingeschränkt vertrauen kann. Wer mich kennt, weiß, daß das keine leeren Worte waren, sondern aus innerster Überzeugung kam.

Und trotzdem waren das nur "Trockenübungen". Denn ich hatte keine Ahnung, ob ich diese Überzeugung, dieses Gottvertrauen auch durchhalten könnte, wenn es mich einmal selbst trifft - und zwar endgültig. Heute kann ich Ihnen sagen: es hat durchgehalten und mich getragen, und nicht nur mich: auch meine unmittelbare Umgebung, die Freunde um mich.

Es tut mir leid, es Ihnen sagen zu müssen: kein einziger Lehrsatz, kein einziges Dogma, keine einzige Moralvorschrift oder kein einziges Lehrschreiben konnte mir diesen Halt und diese freudige Gelassenheit vermitteln. Es war einzig und allein die Frohe Botschaft Jesu, die Botschaft von der unendlichen Liebe Gottes!

Und noch etwas habe ich in den letzten Tagen meines Lebens klar erkannt: diese Botschaft, die wirklich leben läßt - selbst im Angesicht des Todes - wurde jahrhundertelang in ihr Gegenteil verzerrt. Die Angst vor Gott und vor der Hölle war das Ziel von Predigten, Schuldgefühle wurden erzeugt und das Gewissen manipuliert, die Freiheit der Menschen wurde geknebelt - und das alles im Namen des liebenden Gottes! Wieviele Menschen haben dadurch ein verkrüppeltes Leben geführt, wie viele sind mit angsterfüllten Augen gestorben! Und das alles unter dem großartigen Titel: Frohbotschaft!

Ich bin am Ende meines Lebens zur Überzeugung gekommen, daß der Hauptsinn meines - und wahrscheinlich auch Ihres - Lebens darin besteht, dieses Vertrauen (in Gott) immer stärker einzuüben.

Mein Wunsch für Sie alle:

- daß auch Sie erfahren, daß dieses Gottvertrauen auch in schwersten Zeiten trägt und hält,
- daß Sie ihre gottgeschenkte Freiheit bewahren und sich von keiner totalitären Hierarchie, von keinem noch so "wohlmeinenden" Freund oder Verwandten vom als richtig erkannten Weg abbringen lassen,
- daß Sie stets einzig und allein Ihrem eigenen Gewissen und Ihrem eigenen Verantwortungsgefühl verpflichtet fühlen - und beides niemals durch einen anderen Menschen, auch durch keine "Autorität" ersetzen lassen,

und schließlich:

- daß Sie die Liebe und Vergebung, die Sie täglich von Gott empfangen, als "Engel" an andere weitergeben.

Denken Sie daran: ich kann Ihnen nun näher sein als jemals im Leben - und es ist nur noch eine Frage der Zeit, wann wir uns wiedersehen. Ich freu mich drauf!“

 

Worte eines katholischen Priesters. Seine eigene Grabrede. Das hat mich sehr beeindruckt! Und auch die Klarheit der Gedanken, die das wesentliche des Lebens wiedergeben. Denn die Zeit ist kurz und das Wesen der Welt vergeht!

Und dann versteht man auch die anderen Gedanken des Apostels Paulus, wenn er schreibt, daß alle Dinge dieser Welt angesichts der Endlichkeit relativ werden. Das wusste auch Martin Luther. Vielleicht ist es auch hierzulande noch üblich, am Reformationstag das alte protestantische Trutzlied zu singen „Ein feste Burg ist unser Gott“: Darin heißt es ja in der letzten Strophe: „Nehmen sie den Leib, Gut, Ehr, Kind und Weib: laß fahren dahin, sie haben’s kein Gewinn, das Reich muß uns doch bleiben.“

Da läuft mir immer ein Schauer über den Rücken. Weil es gar nicht so einfach ist, die Dinge, die zu einem gehören und die man lieb hat, so relativ zu sehen. Aber beide Seiten des Lebens gehören eben zusammen: Das Wissen um die Endlichkeit und die unbekümmerte, sorglose Liebe des Augenblicks, den man nicht versäumen darf. Man muß in vollen Zügen leben, aber man muß sich immer auch darin üben, Dinge wieder loszulassen. Auch die Menschen, die zu einem gehören, auch die Tränen, die einen belasten, auch die unbändige Freude, auch unseren Besitz und alles, was wir sonst so gerne haben und was wir meinen, daß wir’s zum Leben brauchen.

Wir müssen es irgendwann loslassen und dann auch loslassen können. Das der Punkt, auf den es Paulus ankommt.

So radikal diese Forderung auch ist, sie ist auch verbunden mit einer großen Freiheit. Denn wir können unsere kurze Lebenszeit füllen mit Liebe und Vertrauen, und es gibt nichts, wovon wir sonst abhängig sein müssten. Unser Leben hängt einzig und allein an Gott dem Herrn. Er nimmt die Bruchstücke unserer Zeit in seine Hände, er dankt und teilt sie aus. Und dann wird die kurze Zeit mehr. Was übrig bleibt und was zurückkommt, das sammelt Gott und bewahrt es für ewig in seiner Liebe.

Und der Friede Gottes…