Predigt Kantate 2008 (25jähr. Orgeljubiläum) am 20.4.2008 in Würzburg St. Stephan zu 1. Sam. 16, 14-23
Von Pfarrer Jürgen Dolling
Der Geist des HERRN aber wich von Saul und ein böser Geist vom HERRN ängstigte ihn. Da sprachen die Großen Sauls zu ihm: Siehe, ein böser Geist von Gott ängstigt dich. Unser Herr befehle nun seinen Knechten, die vor ihm stehen, dass sie einen Mann suchen, der auf der Harfe gut spielen kann, damit er mit seiner Hand darauf spiele, wenn der böse Geist Gottes über dich kommt, und es besser mit dir werde. Da sprach Saul zu seinen Leuten: Seht euch um nach einem Mann, der des Saitenspiels kundig ist, und bringt ihn zu mir. Da antwortete einer der jungen Männer und sprach: Ich habe gesehen einen Sohn Isais, des Bethlehemiters, der ist des Saitenspiels kundig, ein tapferer Mann und tüchtig zum Kampf, verständig in seinen Reden und schön gestaltet, und der HERR ist mit ihm. Da sandte Saul Boten zu Isai und ließ ihm sagen: Sende zu mir deinen Sohn David, der bei den Schafen ist. Da nahm Isai einen Esel und Brot und einen Schlauch Wein und ein Ziegenböcklein und sandte es Saul durch seinen Sohn David. So kam David zu Saul und diente vor ihm. Und Saul gewann ihn sehr lieb und er wurde sein Waffenträger. Und Saul sandte zu Isai und ließ ihm sagen: Lass David mir dienen, denn er hat Gnade gefunden vor meinen Augen. Sooft nun der böse Geist von Gott über Saul kam, nahm David die Harfe und spielte darauf mit seiner Hand. So wurde es Saul leichter und es ward besser mit ihm und der böse Geist wich von ihm.
Liebe Gemeinde,
David war also nicht nur König, sondern auch Kantor. Diese Erkenntnis ist nicht neu, aber gerade zu einem Orgeljubiläum eine bemerkenswerte Tatsache. David konnte zwar nicht Orgel spielen – es gab ja damals noch keine Orgeln – aber auch die Harfe ist religiöses Instrument. Das Instrument der Engel. Feine und sensible Töne begleiten das himmlische Halleluja – kein Wunder, daß es dem Saul dabei gleich besser ging! Und damit war David nicht nur Kantor, sondern auch ein guter Psychotherapeut. Was man heute mühsam wissenschaftlich entwickelt, das hat man damals einfach getan, gesungen, gespielt, mit Harmonien, die das Herz und die Seele beschwingten. Heute ist das nicht anders. Die Musik in der Kirche drückt am besten Gefühle und den Zustand der Seele aus. Eine Orgel kann klagen, einem ganz lieblich eine Melodie ins Ohr legen, sie kann aber auch wie ein Orkan durch das Kirchenschiff brausen. Das kann nur eine Orgel, die Königin der Instrumente, ein Orchester mit Solostimmen zusammengenommen. Natürlich hat sich manches verändert. David war damals auch noch Waffenträger – das muß der Kantor heute nicht mehr machen. David damals spielte zuerst wohl oft draußen bei seinen Schafen, dann bei Saul während seiner melchancholischen Gemütszustände. Heute spielt die Orgel für uns. Sie ist zum Kircheninstrument geworden, das nicht nur für Gefühle oder die Psyche eines Menschen zuständig ist, sondern ein Bestandteil unseres Gottesdienstes. Sie lobt Gott, sie erzählt das Evangelium auf ihre Weise mit immer neuen Melodien, wenn sie klagt oder jubiliert, dann ist das ein einziges musikalisches Gebet.
Das war nicht immer so. Die ersten Orgeln waren Festinstrumente für das Theater oder am Hof. Sie müssen am Anfang grauenhaft geklungen haben. Im 3. Jahrhundert vor Christus wurden sie mit Wasser betrieben und – passend zum Wasser – „Hydraulis“ genannt. Schon bald waren es mit Winddruck betriebene Pfeifeninstrumente. Den Namen „Orgel“ bekamen sie durch die Griechen – „organon“ bedeutet „Werkzeug, Instrument“. Ein Werkzeug zum Tönemachen. Und recht handwerklich ging es auch für den Orgelspieler zu, der immer eine Holzlatte vor- und zurückschob, um die Windzufuhr für einzelne Pfeifenblöcke zu steuern. Später wurde es einfacher, als man die noch handbreiten Tasten mit den Fäusten niederschlug. Als die erste Stephanskirche im 11. Jahrhundert gebaut wurde, gab es solche Orgeln schon vor allem in den Bischofskirchen. Ihnen Töne zu entlocken, das war ein echtes Großunternehmen. In Winchester zum Beispiel mußten ganze 70 Balgtreter die Bälge treten, um genug Windkraft zu erzeugen. Aber dann entwickelte man in relativ kurzer Zeit Orgeln so, wie wir sie heute kennen. Sie waren ursprünglich gar nicht als Begleitinstrument für Lieder gedacht, sondern für eine eigenständige Kirchenmusik, die mit Johann Sebastian Bach einen der größten Komponisten hervorbrachte. Seine Musik hat schon immer Menschen in Erstaunen versetzt durch gewaltige Fanfaren eines Präludiums oder mit den endlosen Windungen und Verschachtelungen einer Fuge. Mozart dagegen war oft einer, der durch Leichtigkeit und Genialität einer Melodie zu bezaubern wußte.
Wie
das geht? Eigentlich ganz einfach, sagt Johann Sebastian Bach. Ein Ratsherr der Stadt Leipzig, der in der
Thomaskirche gerade von der Zaubergewalt der Orgeltöne in Verzückung geraten
war, pries Bach mit den Worten: „im ganzen Reich gibt es keinen zweiten
Menschen, der die Orgel so beherrscht wie Sie. Sie verfügen über ein wunderbares
Geheimnis des Spiels.“ - „Aber Herr Ratsherr“, wehrte Bach bescheiden ab, „da
gibt es kein Geheimnis. Man muss nur zur rechten Zeit die rechten Tasten mit
der rechten Stärke drücken, dann gibt die Orgel ganz von selber die
allerschönste Musik.“
Unsere Orgel tut das auch, wenn sie einer
spielt, der es das gut kann. Damals vor 25 Jahren hätte die Renovierung der
alten Orgel eine Viertelmillion Mark gekostet. Der Kirchenvorstand entschied
sich nach langen Diskussionen für einen Neubau durch die Firma Weigle aus
Echterdingen unter Verwendung alter Register. Die Einweihung fand am Pfingstfest
1983 statt mit Kreisdekan Oberkirchenrat Rudolf Meiser, an der Orgel saß
Bezirkskantor Werner Wolfrum, abends spielte Landeskirchenmusikdirektor Dr.
Joachim Widmann bei Konzert unter anderem das Präludium und die Fuge in C-Dur,
die wir auch heute von Christian Heidecker hören. „Dieser Einstand war
geglückt“ titelte damals die Mainpost, und: „St. Stephan bereichert die
Orgelszene“. Man hätte die Orgel damals gerne fertig gebaut. Aber schon dieser
erste Bauabschnitt, den wir heute noch haben, dem noch 17 Register, ein Manual und
das Schwellwerk fehlen, kostete damals 330.000 D-Mark – ein halbes Jahr nach
der Fertigstellung hatte die Gemeinde erst die Hälfte davon beieinander. Und
wenn der Orgelbauverein nun in nächster Zeit zusammen mit der Kirchengemeinde
die Orgel überholen und fertig bauen will, dann ist das ein genauso großer
Brocken wie damals. Etwa 250.000 Euro sind dafür notwendig. Fast ein Viertel
haben wir schon zusammen.
Warum tun wir das? Warum so ein Aufwand?
Warum genügt denn nicht eine doch wesentlich günstigere Harfe?
Auf diese Frage kann ich Ihnen keine
allgemeingültige, sondern nur meine persönliche Antwort geben. Ich finde es
schön, daß wir solche Kirchen wie St. Stephan haben, Gotteshäuser, die einem
offen stehen, und die auch mit ihrer Kirchenmusik Menschen anrühren, wo man
sich öffnen und auch Gott begegnen kann. Wieviele tausend Menschen sind wohl in
den letzten 25 Jahren von unserer Orgel begleitet worden? Wieviele sind begeistert, beschwingt oder getröstet aus
dieser Kirche wieder nach Hause gegangen? Wieviele hat manche Melodie im Leben
getragen, wieviele böse Geister der Melancholie oder Depression hat dieses
Musikinstrument im Lauf eines Vierteljahrhunderts vertrieben?
Wer sich einmal von ihr hat anrühren lassen,
der hat schon die Frage nach dem Warum dieses Aufwands beantwortet. Die Königin
der Instrumente ist das beste Instrument, einen Kirchenraum mit Klang zu
füllen, mit dem Lob Gottes, mit musikalischen Predigten, die unsere Gefühle und
unseren Glauben stärken. Das ist die eigentliche Stärke auch unserer Orgel. Das
soll uns heute wieder neu bewußt werden. Und das ist auch ein Stück Gnade
Gottes: Daß wir hier in unserer Kirche sitzen, daß uns das Hören und das Singen
Freude macht, daß hier unsere Sorgen und Probleme in den Hintergrund treten und
wir eine Zeit der Geborgenheit bei Gott unserem Herrn erleben. „Dir, dir o
Höchster will ich singen, denn wo ist solch ein Gott wie du?“ Sein Lob hat
David damals mit seiner Harfe und mit seinen Psalmen gesungen. Stimmen wir
heute mit unseren Liedern ein, vielstimmig, jede und jeder mit seiner Stimme so
gut er kann, so wie die Töne aus vielen Pfeifen einer Orgel, die doch eins
werden, eine Harmonie, eine Gemeinde, die das Lob Gottes singt zu seiner Ehre.
Und an diesem Punkt sind wir nun – nach einem
kleinen Ausflug in die Musik- und Orgelgeschichte – bei uns selber angelangt,
da wo ich Ihnen keine Anekdoten oder Geschichtsdaten mehr erzähle, sondern wo
es auf Sie selber ankommt und auf Gott. Das Sich-öffnen, das
Sich-anrühren-lassen – das ist das eine. Es geht ja weiter. Was durch unser
Herz hindurchgegangen ist, das können wir auch weitergeben, als eine
Lebensmelodie, die nicht nur uns, sondern auch andere beschenkt und die
letztlich als Danklied zu Gott dem Herrn zurückkehrt.
Und sein Friede, der höher ist als alle menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserm Herrn.