Predigt zur Weihnachtsbotschaft am Heiligen
Abend (Christmette) in Würzburg St. Stephan – Bild „Der vergessliche Engel“
(Paul Klee)
Liebe Gemeinde,
so ein Heiliger Abend hier in der
Kirche ist ein echter Genuß – man hat Zeit, es ist
wunderbar, der Musik und der Weihnachtsgeschichte zuzuhören. Und die alten
Weihnachtslieder klingen auch jetzt erst so richtig schön.
Bei einem aber scheint diese heilvolle
Botschaft noch nicht angekommen zu sein: bei dem „vergesslichen Engel“. Auf der
Vorderseite des Liedblatts finden Sie ihn, mit ein paar Strichen hingeworfen,
aber voller Ausdruck und Gefühl, ein wenig traurig, aber doch ernst und
konzentriert, voller Anmut und stiller Schönheit. Paul Klee hat ihn gezeichnet
im Jahr 1939. In diesem Jahr begann der Krieg, Paul Klee selber war unheilbar
krank, seine Haut verhärtete sich und er konnte sich kaum bewegen – für einen
Maler eine Katastrophe! Und es sollte auch sein letztes Lebensjahr sein. Und
doch zeichnete er Engel. Eine ganze Serie! Engel ohne Heiligenschein, aber mit
Flügeln. Engel, die die Erde und seine Gefühle mit dem Himmel verbinden. Paul
Klee zeichnete dünne Arme, die nicht mehr alles so wie früher können. Die Seele
verbirgt sich wie hinter einem
Schutzschild. Die Hände berühren sich und sammeln die innere Kraft zum Gebet
und suchen die Verbindung zu Gott.
Solche Augenblicke sind wertvoll,
besonders in Zeiten, die von stimmungsvollen Gefühlen und hohen Erwartungen
überfrachtet sind. Damit uns das Eigentliche wieder bewusst wird, damit wir
unser Innerstes sammeln und damit wir die Verbindung mit Gott suchen. Und dann
geschieht etwas, auch heute am Heiligen Abend 2007. Dann empfangen wir etwas,
was in dem ganzen Getriebe rund um Weihnachten nicht untergehen und nicht
vergessen werden darf.
Denn dieser Engel heißt nicht
umsonst „der vergessliche Engel“. Was hat er denn eigentlich vergessen? Paul
Klee hat dazu keine Erklärung geliefert, sondern seine Bilder offen gelassen
für unsere Interpretation.
Für mich ist es der Augenblick kurz
vor der erlösenden Botschaft. Ein Engel, der sein eigenes Leben überdenkt mit
all seinen Defiziten und manchem Leid. Ein Engel, dem vielleicht auch bewusst
wird, wie bedroht der Friede auf Erden trotzdem noch ist, der diejenigen in
sein Gebet einschließt, die an diesem Abend mit Gewalt und Hunger leben müssen.
Ein Engel, der auch an Weihnachten sensibel ist für manche Not auch bei uns,
und der vielleicht darum viel empfänglicher ist für das, was man nicht
vergessen darf: Die Botschaft vom Kind in der Krippe.
Und ich stelle mir vor, wie diese
Botschaft bei unserem Engel ankommt, die befreiende und liebevolle Stimme
Gottes, die sagt: Mache dich auf, geh zu den Menschen und verkündige ihnen, daß der Erlöser zur Welt gekommen ist, von Maria in Windeln
gewickelt und zu finden in einer einfachen Futterkrippe im Stall von Bethlehem.
Diese Botschaft geht dem Engel durch
und durch. Er schlägt die Augen auf voller Staunen, der Mund beginnt zu
lächeln. Er breitet die Flügel aus und gesellt sich zu den Engeln aus der
Weihnachts-geschichte und beginnt, das Lob Gottes mitzusingen:
„Ehre sei Gott in der Höhe und
Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen.“
So hat es die Cappella auch vor zwei
Wochen beim Weihnachtsoratorium gesungen mit dem Choral Nr. 21, dem „Ehre“-Chor, der mit seinen vielen Koloraturen gar kein Ende
zu nehmen schien. Johann Sebastian Bach hat da seinen singenden Engeln eine
große Aufgabe zugemutet. Aber die Mühe dafür hat sich gelohnt. Denn die Ehre
Gottes muß ausgebreitet und groß gemacht werden,
besonders an Weihnachten. Und wenn dann die Engel zart und fein mit dem
„Frieden auf Erden“ einsetzen, dann spürt man im Herzen die liebevolle Stimme
Gottes, die nichts davon verdrängt, was auf dieser Welt noch unvollkommen ist.
Eine Stimme, die auch den vergesslichen Engel so nimmt wie er ist, mit seinen
Gefühlen und Einschränkungen, mit seinen Sorgen und mit seiner Sehnsucht nach
Heil und Erlösung.
Lassen wir uns heute abend doch auch von dieser Stimme
Gottes anrühren. Laßt uns zu Engeln werden, die sich
an das Heil Gottes erinnern, das von dem Kind in der Krippe ausgeht. Laßt uns anfangen zu staunen mit Augen voller stiller
Freude. Laßt uns versuchen, Unvollkommenes und Leid
anzunehmen und tolerant zu sein gegenüber schwierigen Menschen. Damit wir nicht
zuviel von anderen erwarten aber alles von Gott. Laßt
uns zu Engeln werden, die sensibel sind, geduldig und offen, und dien bereit
sind, die Weihnachtsbotschaft in jeden Winkel ihres Lebens hineinzutragen.
Und das sind dann keine
vergesslichen Engel mehr.
Sondern Engel, die wissen, warum sie
Weihnachten feiern, und die dann einfach feiern und einstimmen in den
himmlischen Lobgesang über den Feldern von Bethlehem und über den Weinbergen
von Würzburg:
Ehre sei Gott in der Höhe, und
Friede auf Erden, Friede in unseren Häusern und in unseren Herzen, getragen von
Gott, menschlich und himmlisch zugleich in dem Kind in der Krippe.
Dieser lebendige Gott bewahre unsere
Herzen und Sinne im Glauben an Jesus Christus, unsern Herrn. Amen.