Helmut Ammann, Gespräch am runden Tisch
Predigt am 21.10.2007, St. Stephan, Würzburg (Dekan Dr.
Breitenbach)
Liebe Gemeinde,
heute ist der 100. Geburtstag des Bildhauers Helmut Ammann. Wir haben ihn in diesem Frühjahr mit einer großen Ausstellung geehrt und dabei vertiefte Einsichten in sein Gesamtwerk, aber auch in die Entstehung unserer Stephaner Kreuzigungsgruppe gewonnen. Es wurde uns klar, wie stark unsere ganze Kirche in ihrer Gestaltung von der Krypta bis zum erhöhten Chor auf den Erhöhten Christus ausgerichtet ist.
Gott, der sich austeilt und verschweigt – so steht auf einem kleinen Zettel, den der Künstler bei der letzten Renovierung auf der Rückseite in einer Spalte im Holz dieses Kunstwerkes deponiert hat.
Als die Erben und Ausstellungsmacher die mitgebrachten Werke wieder abgebaut haben, haben sie uns ein Geschenk hinterlassen. Eine kleine Bronzeskulptur mit dem Titel „Gespräch am runden Tisch“ aus dem Jahr 1973, 21 cm hoch.
Wir sollten uns überlegen, was diese Skulptur zum Leben unserer Gemeinde zu sagen habe und auch, was sie gegebenenfalls zur Finanzierung der Kirchenrenovierung beitragen könne.
Dem Kirchenvorstand war sofort klar: Verkaufen werden wir die Skulptur in keinem Fall. Nein, sie soll uns in Zukunft in den Abendmahlsgottesdiensten begleiten.
Darüber, was sie uns zum Herrenmahl, aber auch darüber hinaus zu sagen hat, möchte ich heute, an Ammanns Geburtstag, mit Ihnen zusammen nachdenken.
Am besten sehen wir uns das Werk
erst einmal in Ruhe an.
Die ausgeteilte Postkarte mit dem schönen Foto von Herrn Pfr. Dolling kann Ihnen dabei helfen.
So ist es kein Zufall, dass Helmut Ammann nicht der erste ist, der dieses Motiv künstlerisch aufgegriffen hat.
Mich hat diese Skulptur sofort an
eine russische Ikone erinnert, die viele kennen und die auch an meiner
früheren Wirkungsstätte in Rummelsberg in der Gemeindeakademie hing.
Der Besuch der 3 Männer bei Abraham.
Auch dort ein Tisch in der Mitte, um ihn drei Männer mit Botenstab. Mit
Heiligenschein. In langen, bunten Gewändern. Sie sind die drei unbekannten
Boten, die Abraham die Nachricht bringen, dass seine Frau einen Sohne gebären wird.
Abraham nimmt sie gastlich auf.
Sie lüften ihre Identität nicht.
Aber sie sagen Worte von Gott, Worte voll Verheißung und Zukunft.
Sollte dem Herrn etwas unmöglich sein?
Danach weiß Abraham: Gott ist in ihnen in meinem Zelte zu Gast gewesen.
Die frühen Christen fügten später hinzu: Es war der dreieinige Gott.
So sehe ich auch Ammann´s Skulptur als einen dezenten
Hinweis auf den dreieinigen Gott, der sich nicht zu schade ist, an den Tischen
der Menschen zu Gast zu sein.
Sollte Gott etwas unmöglich sein?
Bei jedem Tischgebet bitten wir den ewigen Gott um seine Gegenwart an unserem
Küchen- oder Wohnzimmertisch.
Komm, Herr Jesu, sei du unser Gast.
Und auch beim Abendmahl bitten wir ihn:
Sei du in unserer Mitte. Sei du unsere Gabe.
In, mit und unter Brot und Wein.
Übrigens, es ist kein Zufall, dass das Symbol des Runden
Tisches während der Wende von 1989 und bereits davor in der
damaligen DDR für die christlich geprägte Friedens- u. Freiheitsbewegung so
wichtig war.
Herr Schorlemmer, der Pfarrer aus Wittenberg, hatte vor dem reformatorischen
Runden Tisch Gottesdienst gefeiert und gebetet. Und was er da sah, wurde ihm
auch zum Modell für einen herrschaftsfreien Dialog unter den Menschen in Zeiten
von Krise und Übergang. Der Runde Tisch hat aber auch ein verändertes Bild von
Kirche gezeichnet. Der Runde Tisch wurde über diese politische Bedeutung hinaus
aber auch zum Symbol für ein konziliares Verständnis
von Kirche und Ökumene.
Auch wenn sie nach dem Anschluss schnell wieder beiseite
geräumt wurden – die Runden Tische haben uns das Bild einer Bürgergesellschaft
vermittelt, die mehr will als die Macht der Manager, Politiker und Funktionäre.
Am runden Tisch gelingt um Wort und Sakrament die Suche nach der Wahrheit.
Einheit in versöhnter Verschiedenheit, weil Christus unser aller Gastgeber ist.
Um wie viel überzeugender ist dieses ök. Modell des Miteinander Teilens, Miteinander
Redens, Hörens, Betens und Feierns als eine Einheitsvorstellung, die sagt: Brot
und Wein kommt erst auf den Tisch, wenn ich den Vorsitz habe und alle
Wahrheitsfragen in meinem Sinne geklärt sind.
Ein Runder Tisch steht übrigens auch in St. Stephan im Pfarramt. Dort,
wo die Dienstbesprechungen und die Kasualgespräche
stattfinden. Gespräche am Runden Tisch.
Und einer im Amtszimmer des Dekans. Dekan Beer hat ihn angeschafft.
Mir wurde erst mit der Zeit klar, was für ein Zeichen er damit für den Dienst des Dekans gesetzt und seinem Nachfolger hinterlassen hat.
Liebe Gemeinde,
der Künstler Helmut Ammann hat in seinem Werk immer wieder dieses Motiv des Gesprächs am Runden Tisch variiert.
Das Gespräch 1972
Gespräch am runden Tisch 1973
Drei Männer im Gespräch 1976
Gespräch auf hohem Sockel 1976
Spannungsreiches Gespräch 1977
Selbstgespräch 1979
Debatte 1979
Gespräch über den Zaun 1982
Gespräch zu dritt 1983
Raumgespräch 1987
Die Gesprächsszenen und Gesprächsatmosphären wechseln.
Immer aber bleibt das Grundprinzip.
Unsere Plastik, von der wir einen der wenigen Abgüsse haben, entstand übrigens 1973 ursprünglich für die Bay. Landesbank in München. Die, die die Zahlen und Finanzströme bewegen, wurden darauf hingewiesen, dass nicht das Rund der Münze die Mitte sein darf, um die sich alles dreht.
Dass es vielmehr um den Menschen geht, und dass Menschen einander nur gerecht werden, wenn sie sich an einen Tisch setzen, aufeinander hören und miteinander reden.
- Ob die Herren in München es erahnt hatten, dass Helmut
Ammann ihnen darüber hinaus noch den Hinweis auf eine ganz andere Dimension der
Tischgemeinschaft ins Haus geliefert hatte? Die Mahlgemeinschaft in Gegenwart
des Dreieinigen Gottes.
- Ob wir es erahnen, wenn wir uns hier in St. Stephan nun
künftig in der Gegenwart dieser Figur im Kreis um den Tisch des Herrn das
Abendmahl versammeln?
Wie sagten die Drei Männer zu Abraham?
„Sollte Gott etwas unmöglich sein?“
Und der Friede………..