Predigt zu Apk. 21,1-7 am Ewigkeitssonntag 2006

in Würzburg St. Stephan

 

Und ich sah  einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn  der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr. Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet  wie eine geschmückte Braut für ihren Mann. Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron her, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein; und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen. Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu! Und er spricht: Schreibe, denn diese Worte sind wahrhaftig und gewiß! Und er sprach zu mir: Es ist geschehen. Ich bin das A und das O, der Anfang und das Ende. Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst. Wer überwindet, der wird es alles ererben, und ich werde sein Gott sein, und er wird mein Sohn sein.

 

Liebe Gemeinde,

wir erinnern uns heute an unsere Verstorbenen, aber wir richten auch unseren Blick auf die Ewigkeit Gottes.

Beides gehört zusammen. Und wir müssen es auch immer wieder neu zusammen bringen, besonders dann, wenn wir den Abschied von einem lieben Menschen erleben.

 

Dazu hat Trauernder aus eigener Betroffenheit heraus folgendes geschrieben:

 

„Ich will nicht rasch kommen mit tröstlichen Gedanken für die, denen ein Mensch gestorben ist. Der Tod ist eine große Unverschämtheit und ein erbarmungsloser Zerstörer. Er zerstört den Leib. Er schneidet die Fäden durch, die Menschen miteinander verbunden haben. Nie mehr wird die Geliebte meine Hand halten. Nie mehr werden wir zusammen die Zauberflöte hören, nie mehr werden wir miteinander Wein trinken. Dieses irdische Leben mit seiner Köstlichkeit ist abgeschnitten und ruiniert. Warum das so sein muß, weiß ich nicht. Es soll mir keiner sagen, der Tod sei der Sünde Sold. Das wäre zu viel bezahlt für das bisschen Sünde. Ich will keine billigen Tröster und keinen billigen Trost.

 

Als meine Frau gestorben war und als es viele Gedächtnisfeiern für sie gab, haben mir manchmal Menschen gesagt: „Wir haben ganz deutlich gespürt, dass Dorothee unter uns war.“ Ich gestehe, ich habe bisher nur ihre Abwesenheit gespürt. Es gibt also die einen billigen Tröster, die sofort und umweglos mit religiösen Lösungspatenten kommen.

Und es gibt andere billige Jakobs, die puren Aufklärer. Sie sagen, dass der Tod nicht so fürchterlich sei; dass alles seine Zeit habe; dass es zwar kein persönliches Fortleben gäbe, aber dass alles Leben einginge in den allgemeinen Kreislauf der Natur und dass man da ganz gut aufgehoben sei. Über sie kann ich nur mit Gottfried Keller spotten: „Seinen (des liberalen Pfarrers) Schilderungen konnte dann die unvermählt gebliebene Greisin entnehmen, dass wir in unseren Kindern und Enkeln fortleben; der Arme im Geist getröste sich der unsterblichen Fortwirkung seiner Gedanken und Werke … Der Mühselige und Beladene endlich durfte auf ein durchgreifendes Ausruhen von aller Beschwerde hoffen.“

Die erste Antwort ist mir zu rasch und zu versöhnlerisch, die zweite zu bescheiden.

 

Was also? Gibt es eine andere Lösung? Ich weiß nicht, ob es eine Lösung ist, aber ich beharre auf einem Versprechen. Einmal wird der Tod nicht mehr sein, ist versprochen. Einmal werden Schmerzen und Seufzer geflohen sein, ist versprochen. Einmal werden die Toten leben, ist versprochen. Einmal wird Gott alles in allem sein, ist versprochen. Weil ich niemanden aufgeben will, wiederhole ich diese alten Behauptungen. Weil ich die Opfer nicht Opfer sein lassen kann, sage ich, dass der Tod entmachtet ist – jetzt schon….

Doch, ich fürchte den Tod, den Tod derer, die ich liebe. Und zugleich mache ich mich widersprüchlich und singe das alte Lied vom Tod des Todes… Wo suche ich dann meine Toten, die ich nicht verloren gebe? Ich suche sie in Gott…“

 

Soweit die Worte von Professor Fulbert Steffensky aus Hamburg nach dem Tod seiner Frau Dorothee Sölle – beide waren ja schon hier in Würzburg zu Vorträgen in St. Stephan und im Rudolf-Alexander-Schröder-Haus, manche von Ihnen werden die beiden kennen.

Ich suche die Toten in Gott – genau das tun wir heute. Wir gehen nicht nur auf den Friedhof um ein Licht anzuzünden oder um frische Blumen auf das Grab zu stellen. Sondern wir suchen Antworten hier in der Kirche. Wir suchen sie in diesen uralten Glaubensbildern des Propheten Johannes: „Ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde, wo Gott die Tränen abwischen wird und wo kein Leid, kein Geschrei, weder Schmerz noch Tod sein werden.“

 

Nicht umsonst stehen diese Worte auch oft am Ende einer Beerdigung. Weil sie einem die Kraft zum Weiterleben geben können mit diesem wunderbaren Blick in Gottes Reich. Ein Ort, an dem wir Menschen nur noch wenig sagen oder tun können. Aber dass wir kommen und hier in der Kirche zusammen beten, das genügt schon. So wie viele regelmäßig zum Friedhof gehen um die Gräber zu besuchen, obwohl wir wissen, dass wir für einen Menschen dort nichts mehr tun können. Aber wir tun etwas für uns. Wir vergewissern uns eines Friedens, den uns nur Gott geben kann. Eines Friedens, der auch dem größten Leid standhält. Wir vergewissern uns des Friedens im Kreuz Jesu, das viele Grabsteine schmückt. Es ist nicht nur ein Schmuck. Es ist ein Hinweis auf die Liebe Gottes, die stärker ist als der Tod.

 

Das allein ist unser Trost als Christen. Es ist keine billige Vertröstung, die wir sowieso nicht brauchen können. Sondern es ist ein Halt, wenn wir nach einem Verlust erst so langsam spüren, wie tief der Schmerz einen berührt hat. Es ist ein Halt, wenn wir einen Gegenstand in die Hand nehmen, der einem verstorbenen Menschen gehört hat und dabei die Einsamkeit besonders spüren. Dann Gott ist da, der uns hält und tröstet und über alles liebt.

 

Der Maler Max Beckmann hat diesen Gott in das Bild hineingemalt, das Sie zu diesem Gottesdienst bekommen haben.

Es entstand zu genau diesen Worten aus der Offenbarung des Johannes. Und es entstand im Jahr 1943, im vierten Jahr des Weltkriegs, wo man dem Leid, dem Geschrei und den Toten der Bombenangriffe vieltausendfach begegnete. Max Beckmann war zu dieser Zeit nach Amsterdam geflüchtet. Und obwohl er kein Gefühlsmensch war – „ich weine nicht, Tränen sind mir verhaßt und Zeichen der Sklaverei. Nichts hasse ich so wie Sentimentalität“, hatte er als junger Mensch geschrieben – hier in diesem Bild hält er die Tränen und die Spuren des Lebens nicht verborgen.

 

Ein alter Mann liegt auf einem Bett. Nur wenig kann man von ihm erkennen. Das Gesicht wirkt hart, kantig und angespannt. Neben ihm kniet ein Engel. Eine menschliche, zärtliche, liebevolle Gestalt. In der rechten Hand hält sie ein Tuch und wischt damit die Tränen des alten Mannes ab. Mit der Linken berührt sie sanft sein Gesicht. Im Hintergrund ein Ausblick aus einem Fenster: Der Stern erinnert an den Stern von Bethlehem, darunter vielleicht die Hirten auf dem Weg, daneben ein kreisrundes Wolkenloch, das sich zu drehen scheint – ein Stück der Kriegsmaschinerie, oder vielleicht eine Art Tunnel zum Reich Gottes?

 

Es sind sehr wichtige Kleinigkeiten. Was wäre dieses Bild ohne den tröstenden Engel, und was ohne einen kleinen Blick in Gottes Zukunft?

 

Man müsste verzweifeln! Aber wir machen – Gott sei Dank! - oft andere und gute Erfahrungen. Menschen, von denen man es vorher vielleicht nicht gedacht hätte, schenken einem auf einmal Nähe und Trost. Wenn man die ersten Unsicherheiten überwunden hat, dann kann man über vieles reden und vielleicht doch wieder Dinge unternehmen und das Leben für sich gestalten. Behutsamer und bewusster. Denn die Zeit, die man noch hat für sich und für andere, die zu einem gehören, diese Zeit ist unendlich wertvoll.

Und dann können wir einander zu Engeln werden. Zu Boten Gottes, die trotz mancher Trauer sagen und zeigen, dass die Liebe nicht tot ist. Daß die Liebe gar nicht sterben kann, weil sie den Tod schon längst überwunden hat. Damals am Kreuz, das uns den Zugang zu jener neuen Welt geöffnet hat, von der der Prophet Johannes spricht.

 

Daß es für uns immer nur ein ganz kleiner Blick von sehr weit weg sein kann, das darf uns nicht vom Glauben abhalten. Und wir dürfen umgekehrt auch nicht den Fehler machen, dass wir aus dem Reich Gottes menschliche Luftschlösser machen, in denen nur unsere Vorstellungen und Wünsche Platz haben.

 

Nein, es ist und bleibt immer noch Gottes Angelegenheit, wie und warum er aus Liebe heilt, was heilsbedürftig ist: Den Schmerz, die Einsamkeit, den Tod, alles, was in unseren Augen abgebrochen erscheint. Gott heilt es auf seine Weise. Immer aber setzt Gott die Kraft seiner Liebe gegen unsere Endlichkeit, gegen das Leid dieser Welt, gegen unsere Trauer und gegen den Tod. Und Gott wird sich damit durchsetzen, auch heute und im Leben und Sterben eines jeden von uns.

 

Und damit, liebe Gemeinde, können wir weiterleben. Denn wir werden gehalten, wir werden getröstet und geliebt – in dieser Zeit und in Ewigkeit.

Amen.