Predigt zu Offenbarung 3, 1-6 am 3. Advent 16.12.2007 in Würzburg von Pfarrer Jürgen Dolling

 

Text: Und dem Engel der Gemeinde in Sardes schreibe:

Das sagt, der die sieben Geister Gottes hat und die sieben Sterne: Ich kenne deine Werke: Du hast den Namen, daß du lebst, und bist tot. Werde wach und stärke das andre, das sterben will, denn ich habe deine Werke nicht als vollkommen befunden vor meinem Gott. So denke nun daran, wie du empfangen und gehört hast, und halte es fest und tue Buße! Wenn du aber nicht wachen wirst, werde ich kommen wie ein Dieb, und du wirst nicht wissen, zu welcher Stunde ich über dich kommen werde. Aber du hast einige in Sardes, die ihre Kleider nicht besudelt haben; die werden mit mir einhergehen in weißen Kleidern, denn sie sind's wert. Wer überwindet, der soll mit weißen Kleidern angetan werden, und ich werde seinen Namen nicht austilgen aus dem Buch des Lebens, und ich will seinen Namen bekennen vor meinem Vater und vor seinen Engeln. Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt!

 

Liebe Gemeinde,

wie schön ist in diesen Tagen der Weihnachtsmarkt mit dem Duft von Glühwein und Bienenwachs, Lichter verbreiten tausendfachen Glanz, überall gibt es Christbäume, in einer Woche wird es Weihnachten. Das ist die schöne Seite im Advent.

Ganz anders aber begegnet uns heute die Bibel mit einem Wort aus dem Buch der Offenbarung. „Dazu dünkt mich das allzu viel“, sagt Martin Luther, „daß er – Johannes - so streng auf solch sein eigenes Buch mehr als irgendein anderes heiliges Buch tut … befiehlt und drohet, wer etwas davon tue, von dem werde Gott auch tun“ (Vorrede von 1522).

Es sind tatsächlich ernste, kritische Worte. Aber sie haben einen guten Sinn. Es sind die Brief gewordenen Predigten von Johannes, dem Seher auf der Insel Patmos, einem kleinen Eiland im Mittelmeer. Dort schreibt er an sieben Gemeinden in Kleinasien, der heutigen Türkei. Auch an die Gemeinde in Sardes. Einst eine blühende Stadt unter dem Lydierkönig Krösus, aber von den Persern erobert, später durch ein Erdbeben zerstört und wieder aufgebaut. Vielleicht gab es dabei Engel? Menschen, die anderen durch ihre ganz praktische Hilfe zu Engeln geworden sind. Oder Boten Gottes, die einen trotz allem beten und hoffen und lieben ließen und damit die Verbindung zu Gott erhalten haben. Zu diesem Engel sage ich Ihnen später noch mehr.

Der Seher Johannes jedenfalls schreibt an den Engel der Gemeinde in Sardes: „Das sagt, der die sieben Geister Gottes hat und die sieben Sterne: Ich kenne deine Werke: Du hast den Namen, daß du lebst, und bist tot.“

In Sardes damals ging es wohl oft nur um äußerliche Dinge, viel Fassade aber nichts dahinter, mehr Schein als Sein. Manchmal ist das auch bei uns so. Besonders an Weihnachten, wo alles so friedlich und harmonisch sein soll. Umso sensibler, verletzbarer aber auch sehnsüchtiger wird man. Es soll doch wirklich Weihnachten werden! Das ist viel wichtiger als alle Fassaden dieser Welt. Und wichtig ist, daß wir uns vorbereiten für den, der an Weihnachten zur Welt kommt in einem zugigen Stall, von Anfang an konfrontiert mit der Härte des Lebens, später verfolgt und verurteilt zum Tod am Kreuz. Und wer an ihn glaubt, wird leben.

Nein, lieber Johannes, wir sind nicht tot! Weil da einer kam, der durch seine Predigten aufgerüttelt hat. Nicht durch Drohungen, sondern mit Liebe, die man nicht wegschieben kann. Einer, der der Bequemlichkeit widersprochen hat, der einen antreibt, immer weiter zu lieben und weiter zu leben.

„Werde wach und stärke das andre, das sterben will, denn ich habe deine Werke nicht als vollkommen befunden vor meinem Gott.“

 Wach gerüttelt werden wir da. Denn erst wache Menschen nehmen die Dinge um sich herum richtig wahr und sind fähig, sie anzunehmen und zu verändern. Manches muß auch verändert werden, wenn etwas in mir schon abgestorben ist durch Enttäuschungen, oder Einsamkeit, oder das Gefühl, Dinge nicht mehr zu können. Aber das ganze Leben ist ein Vergehen und wieder neu werden. Und dieses Neu-werden hat bei Gott immer eine Chance, die wir ergreifen können:

„So denke nun daran, wie du empfangen und gehört hast, und halte es fest und tue Buße!“

Buße tun ist wenig attraktiv. Aber es ist eine gute Übung des Lebens. Die Adventszeit ist ja eigentlich nicht eine Zeit des Feierns, denn das Fest kommt ja erst noch. Im Advent beginnt die Freude zu wachsen. Kann bei uns Freude überhaupt noch wachsen? Hektik, zu viele Belastungen und zu hohe Erwartungen lassen einem manchmal kaum den Raum und die Zeit dafür. Darum suchen wir sie, tun wir Buße, tun wir in der Fülle der Vorbereitungen und zu etwas, was wir als sinnvoll erleben. Suchen wir Gottes Nähe in den einfachen Dingen und werden wir selber zu Engeln für andere.

Daran soll Sie diese Federstrichzeichnung erinnern. Sie stammt von dem Maler Paul Klee. Er hat als Student in München in derselben Straße wie Wassiliy Kandinsky gewohnt, um den es ja am vergangenen Sonntag ging. Auch Paul Klee gehörte zur Künstlergruppe „Die Blauen Vier“. Er war Professor an der Kunstakademie in Düsseldorf, ein paar Jahre später wurde er von den Nationalsozialisten entlassen, seine Bilder galten als „entartet“.

Paul Klee wurde unheilbar krank, seine Haut verhärtete sich, er konnte sich kaum bewegen, aber er zeichnete trotzdem – unter anderem diesen „Schellenengel“ im Jahr 1939.

 

Da tappt ein Engel mit energischem Schritt durch die Zeit. Er hat den Kopf nach hinten gewendet und schaut nach unten. Denn an seinem Kleid hängt etwas. Eine kleine Schelle, wie sie auch an Narrenhemden zu finden ist. Der Blick des Engels ist fürsorglich und heiter. Dieses kleine Anhängsel scheint ihm offenbar viel Freude zu bereiten. Und auch das lächelt, lächelt über das ganze Tropfengesicht. 

Faszinierend ist diese Heiterkeit. Dabei besitzen Engel doch eigentlich etwas Sakrales, Ehrwürdiges! Der Engel von Paul Klee aber wirkt menschlich, neugierig, veränderbar. Fast so wie ein Kind mit seinem Spielzeug.

Und genau das ist so berührend an diesem Engel, der erst noch erwachsen werden muß.  Trotz aller Heiterkeit aber hat Paul Klee diesem Engel auch die Krankheit ins Gesicht gemalt, der Arm, der sich verlängert zur Nase, der nichts greifen kann und wie eine Barriere die Bewegungen einschränkt. Aber der Fuß lässt sich nicht halten. Er will einfach vorwärts, und damit geht es weiter.

 

Solche Engel – so heißt es dann in der Johannesoffenbarung weiter – werden mit mir einhergehen in weißen Kleidern, denn sie sind's wert. Wer überwindet, der soll mit weißen Kleidern angetan werden, und ich werde seinen Namen nicht austilgen aus dem Buch des Lebens, und ich will seinen Namen bekennen vor meinem Vater und vor seinen Engeln. Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt!“

Vorher klangen die Worte von Johannes noch ernst, mahnend, bewertend.  Jetzt sind sie verheißungsvoll – die richtigen Worte für unseren Advent heute. Wir sind es Gott wert. Er will, daß auch wir alles überwinden, was uns jetzt noch einschränkt, belastet und niederdrückt. Gott will, daß wir leben, und daß uns die adventliche Vorfreude beflügelt. Und Gott beschenkt uns immer wieder mit liebevollen Kleinigkeiten, die ein Lächeln auf unser Gesicht zaubern können – so wie dieser wunderschöne Engel von Paul Klee mit seiner Schelle.

Nehmen Sie ihn mit und werden Sie selber zu einem Engel, der die frohe Botschaft verbreitet!

Und der Friede Gottes…