Die Frucht der Lippen - Predigt zu Hebr. 13,15-16
am 5.10.08 (Erntedankfest) in Würzburg St. Stephan von Pfarrer Jürgen Dolling
Liebe Gemeinde,
heute hält unser Altarschmuck eine ganz besondere Predigt. Kartoffeln, Äpfel und Kürbisse, Brot und andere Lebensmittel liegen da. Es sieht nicht nur schön aus, es ist verlockend. „Nimm mich in die Hand, schmeck mich und genieße den Geschmack, genieße auch Dein ganzes Leben und Deinen Reichtum, alles, was Du geschenkt bekommen hast, daß Du atmest und gehen kannst, die Menschen um dich herum, Dein Glück, aber auch manche Hilfe in schwierigen Zeiten und manchen Trost. Schön und verlockend zugleich, diese Predigt der Früchte! Sie weist uns aber auch an Gott, dem wir das alles verdanken. Und heute danken wir ihm dafür, ganz bewußt. Darum geht es heute.
Ein Wort aus dem Brief an die Hebräer begleitet uns dabei. Es ist eine Art theologisches Lehrschreiben. Im letzten Kapitel, Kap. 13, stehen noch letzte Ermahnungen und Grüße – „das wollte ich auch noch loswerden, das ist mir noch ganz wichtig!“ –und im Vers 15 und 16 heißt es dann:
So laßt uns nun durch ihn Gott allezeit das Lobopfer darbringen, das ist die Frucht der Lippen, die seinen Namen bekennen. Gutes zu tun und mit andern zu teilen, vergeßt nicht; denn solche Opfer gefallen Gott.
Nein, es geht an Erntedank nicht nur um die Früchte des Feldes, sondern auch um die Frucht der Lippen. Wir reden oft und viel. Sprache ist ein wunderbares Ausdrucksmittel. Wie schön ist es, wenn ein kleines Kind versucht, die ersten Worte zu bilden – vom Babbeln bis zu den ersten richtigen Worten. Es lernt die Namen von Dingen und Menschen, bald kann es Gefühle ausdrücken und von Erinnerungen und Hoffnungen erzählen. Wie schwierig ist es dagegen, sich mit einem Menschen zu verständigen, der stumm oder taub ist oder eine fremde Sprache spricht. Da braucht es andere Mittel und Wege der Kommunikation. Im vergangenen Sommer war ich mit meiner Familie in Frankreich ohne daß ich selber Französisch kann – manchmal ist da schon die Speisekarte im Restaurant eine Hürde, die es zu bewältigen gilt! Ja, Sprechenkönnen und Sprache, das ist schon viel wert. Die Früchte der Lippen aber noch viel mehr! Denn es kommt auch darauf an, was man sagt und wie man es sagt. Man kann schimpfen und zornig sein, beleidigen oder loben, liebenswürdig oder giftig reden. Man kann die Wahrheit sagen oder lügen, jemanden anklagen oder sich entschuldigen – jedesmal sehen die Früchte der Lippen anders aus. Warum nur geraten wir immer wieder beim Reden ins Abseits, achten nicht darauf, was wir mit Worten anrichten können? Zu schnell ist einem oft ein Vorwurf herausgerutscht oder ein Vorurteil. Zu oft sind wir selber zu empfindlich und manchmal auch ungerecht, ohne daß wir das wollen. Früchte, die schnell verderben, und sie verderben einem manchmal auch die Stimmung und die Freude am Leben.
Es gibt aber – Gott sei Dank - auch andere Früchte: Gute Worte, die ich im vergangenen Jahr „ernten“ durfte, manches Lob oder Begeisterung, auch liebevolle Zuwendung, wenn mir jemand neuen Mut gemacht oder Trost geschenkt hat. Vielleicht habe ich auch über schwierige Dinge reden können, über etwas, was mich stört, über etwas, was nicht in Ordnung ist. Vielleicht ist es mir doch auch einmal gelungen, behutsam miteinander umzugehen mit Worten, die nicht verletzen, sondern neue Wege auftun, die von Vertrauen zeugen und Wertschätzung, die trotz unterschiedlicher Meinungen in die Zukunft und zu neuer Gemeinschaft geführt haben. Das alles hat auch heute hier Altar seinen Platz. Und deshalb feiern wir ja heute ganz bewußt Abendmahl, wo diese Gemeinschaft zum Ausdruck kommt. Es ist eine Gemeinschaft über alle Familien- und Altersgrenzen hinweg. Sie verbindet mich mit allen, die neben mir sitzen. Sie verbindet mich auch nachher mit den Kindern, wenn sie aus dem Kapitelsaal wieder hierher in die Kirche kommen. Mancher unter Ihnen denkt vielleicht: Erntedank ist doch mehr so ein Kinderfest, an dem sie mit dem Erntewagen Kirche kommen und ihre Kinderlieder singen – das ist weniger etwas für mich, wenn ich Ruhe und Besinnung suche. Ruhe und Besinnung haben auch ihr Recht. Aber ist das im Grundsatz wirklich so? Ist die Gemeinschaft mit den Kindern weniger wert? Oder ist sie nicht besonders wertvoll, wenn ich wieder lerne, mich einfach zu freuen, ohne daß ich etwas dabei denken muß? Und daß ich die Kinder so annehme, wie sie eben sind, wenn sie mit mir zu Abendmahl gehen? Machen wir uns doch die schönen Dinge im Leben nicht so schwer. Bleiben wir einfach neugierig – wie die Kinder! -, was der nächste Augenblick an Gutem bringt und reden wir auch davon. Reden wir von einer positiven Lebenseinstellung ohne Vorurteile und ohne nur uns selber in den Vordergrund zu stellen. Reden wir davon, daß wir gerne andere Menschen annehmen. Und reden wir nicht nur davon, sondern tun wir’s auch. Und tun wir’s, weil es die Konsequenz unseres Glaubens ist. Es geht ja schließlich im Hebräerbrief um die Frucht der Lippen, die seinen Namen bekennen! Nichts anderes tun wir jedesmal im Gottesdienst mit unserem Glaubensbekenntnis, das schon fast 1700 Jahre alt ist. Es ist trotzdem weder veraltet noch eine Worthülse. Sondern wir bekennen uns mit diesen Worten zur Gemeinschaft der Jünger Jesu Christi, und wir feiern sie, wenn Brot und Wein miteinander teilen.
Auch diese wunderbaren Augenblicke verdanken wir Gott. Und je mehr ich achtsam und dankbarer gegenüber Gott lebe, desto mehr solcher Momente werde ich entdecken und mich daran freuen.
Natürlich gibt es auch immer wieder Dinge, die mir schwer fallen, wo ich mich überwinden muß. Zum Beispiel wenn mir jemand weh getan hat, dann kann ich mich ihm nicht mehr so einfach wieder zuwenden. Aber auch das drückt der Hebräerbrief aus. Er redet nicht umsonst von Opfern: „Gutes zu tun und mit andern zu teilen, vergeßt nicht; denn solche Opfer gefallen Gott.“ Ja, es ist schon auch ein Opfer, aber ein „Lobopfer“! Es hat einen guten Sinn, sich anzustrengen, nicht nachzulassen, trotz mancher Widerstände das Schöne im Leben zu suchen, die Liebe, die Jesus selber gelebt hat, und die Vergebung, mit der wir schwierige Dinge im Leben vielleicht doch annehmen und verändern können.
Und dann dieser Satz, der so kurz aber auch so gewichtig ist: „Gutes zu tun und mit andern zu teilen, vergeßt nicht.“ Was bedeutet das, wenn heutzutage 923 Millionen Menschen auf der Erde zuwenig zum Essen haben? Und es werden immer mehr. Sicher, wir spenden und sammeln auch heute am Ausgang für „Mission eine Welt“, das früher einmal das Missionswerk in Neuendettelsau hieß. Viele von Ihnen werden wissen, daß sich damit unsere Landeskirche vor allem in Tanzania und in Papua-Neuguinea engagiert, und da bedeutet Mission umfassende Hilfe: Nicht nur ein Weitergeben des christlichen Glaubens – das natürlich auch -, aber auch den Bau von Krankenstationen und Schulen, daß die Menschen lernen, wie sie besser mit ihren Möglichkeiten umgehen und gesünder leben können. Da hat unser Glaube auch seine praktischen Konsequenzen!
„Gutes zu tun und mit anderen zu teilen, vergeßt nicht.“
Was bedeutet das in einer Welt, wo die Finanzwirtschaft 700 Milliarden Dollar durch Spekulation und Abhängigkeiten vernichtet hat, ein Wertverlust, der für viele Menschen bedeutet, daß sie ihre Arbeit und ihr Einkommen verlieren werden? Ja, auch wir müssen dazulernen, wie wir unsere Gesellschaft so gestalten, daß nicht nur Hedge-Fonds und Renditen zählen, sondern daß auch internationale Spielregeln die schützen, die wenig haben und unter Rezessionen am meisten leiden. Auch das bedeutet Erntedank: Sich bewußt werden, welche Verantwortung wir haben mit unserem Besitz und mit unserer Finanzkraft hier in Deutschland.
Verantwortung haben wir aber auch im ganz persönlichen und zwischenmenschlichen Bereich:
„Gutes zu tun und mit anderen zu teilen, vergeßt nicht.“ – es ist schon ein guter Brauch in unserer Gemeinde, nach dem Erntedankfest ins Matthias-Claudius-Heim zu gehen. Nicht nur, daß die Kinder den alten Menschen eine Freude machen. Auch wir haben etwas davon. Wir nehmen für uns das Thema Alter und das Nicht-mehr-so-können-wie-früher an, und wir selber bringen ein Stück unseres Lebens mit hinein in Räume, denen wir sonst lieber ein wenig aus dem Weg gehen, wenn wir nicht gerade einen Angehörigen oder Freund dort besuchen. Nein, wir gehen dorthin, weil wir dort auch Schwestern und Brüder haben, die unseren Glauben teilen. Und weil dort auch Jesus Christus zu finden ist, der ja selber sein Leben geteilt hat mit Armen, mit Benachteiligten, mit Kranken oder mit Menschen im Gefängnis. Und wer dorthin geht, der bringt wirklich ein „Lobopfer“. Er sieht in einem anderen Menschen auch Gott selber, der ihm begegnet auch in den Grenzen des Lebens und in seiner Schwäche.
Eine kleine Geschichte erzählt ganz auf ganz besonders nette Weise:
Mittagessen mit Gott
(aus: Andere Zeiten – Magazin 2/2008, Quelle unbekannt)
Ein kleiner Junge wollte Gott treffen. Er packte einige Coladosen und Schokoladenriegel in seinen Rucksack und machte sich auf den Weg. In einem Park sah er eine alte Frau, die auf einer Bank saß und Tauben zuschaute. Der Junge setzte sich zu ihr und öffnete seine Rucksack. Als er eine Cola herausholen wollte, sah er den hungrigen Blick seiner Nachbarin. Er nahm einen Schokoriegel heraus und gab ihn der Frau. Dankbar lächelte sie ihn an – ein wundervolles Lächeln! Um dieses Lächeln noch einmal zu sehen, bot ihr der Junge auch eine Cola an. Sie nahm sie und lächelte wieder, noch strahlender als zuvor. So saßen die beiden den ganzen Nachmittag im Park, aßen Schokoriegel und tranken Cola. Sie sprachen kein Wort. Als es dunkel wurde, wollte der Junge nach Hause gehen. Nach einigen Schritten hielt er inne, ging zurück und umarmte die Frau. Die schenkte ihm dafür ihr allerschönstes Lächeln. Zu Hause fragte ihn seine Mutter: „Was hast du denn heute Schönes gemacht, daß du so fröhlich aussiehst?“ Der Junge antwortete: „Ich habe mit Gott Mittag gegessen – und sie hat ein wundervolles Lächeln!“ – Auch die alte Frau war nach Hause gegangen, wo ihr Sohn sie fragte, warum sie so fröhlich aussehe. Sie antwortete: „Ich habe mit Gott Mittag gegessen – und er ist viel jünger, als ich dachte.“
Ein zweifacher Erntedank. Wir können ihn vermehren!
Und der Friede Gottes…