Predigt im
Jahresschlussgottesdienst 2007, Würzburg St. Stephan
Dekan Dr. Günter
Breitenbach
„Jesus Christus, gestern und heute, und derselbe auch in alle Ewigkeit.
Lasst euch nicht durch mancherlei und fremde Lehre umtreiben, denn es
ist ein köstlich Ding, dass das Herz fest werde, welches geschieht durch
Gnade.“ (Hebräer 13, 8-9b).
I.
Meine lieben Schwestern und Brüder,
am Ende des Jahres 2007 werden wir angesprochen auf unser Herz:
Es ist ein köstlich
Ding, dass das Herz fest werde.
· Fest - nicht hart, nicht starr – fest.
· Fest werde – das ist kein Zustand, sondern ein Prozess, eine Entwicklung, ein immer neuer Vorgang.
· Ein festes Herz –das ist nichts, worüber wir verfügen oder das wir machen könnten, es ist ein Geschenk: Welches geschieht durch Gnade.
· Aber es ist etwas ganz Wertvolles und Kostbares, wie Luther es in seiner schönen Sprache sagt: Es ist ein köstlich Ding.
Liebe Gemeinde,
wenn wir auf das zu Ende gehende Jahr 2007 zurückschauen, werden wir uns an so manches erinnern, das unser Herz bewegt hat. Wie immer dieses Jahr aussah, die wirklich wichtigen Ereignisse waren die, die unser Herz berührt haben.
Da gab es Situationen, da waren wir mit dem Herzen dabei. Mit ganzem Herzen haben wir uns hineinbegeben. Und da und dort hüpfte das Herz uns im Leibe.
Es gab Momente, die haben unser Herz weit gemacht und es erfreut, die ließen es höher schlagen. Und möglicherweise war es uns sogar geschenkt, dass Herzen sich berührten.
Freilich, es blieb wohl auch niemandem von uns in diesem Jahr erspart, dass ihm das Herz schwer wurde, weil ihm Dinge zu Herzen gingen. Weil sie ihm weh taten. Oder leid taten. Es gab Probleme, die unser Herz bedrückten, die es sich verkrampfen ließen oder die es aus dem Rhythmus brachten.
Und mancher hat auch die Wahrheit des Prophetenworts erfahren: Es ist des Menschen Herz ein trotzig und verzagt Ding. Wer mag es ergründen? (Jer 17,9).
Aber immer noch besser so, als wenn sich unser Herz verhärtete und verkapselte, nur um nicht mehr berührt zu werden, nur um nicht mehr verletzt zu werden, nur um nicht mehr vergebens voll Hoffnung zu schlagen. Immer noch besser, als hätten wir unser Leben so versachlicht und unsere Emotionen so im Griff, dass wir über alle Warnungen und Wallungen unseres Herzens souverän hinweggehen könnten.
Liebe Gemeinde,
die biblische Botschaft setzt sich ganz intensiv mit dem menschlichen Herzen auseinander. Sie will unser Herz berühren und weit machen. Sie erzählt von einem Gott, der für uns ein Herz hat, der unsere Herzen kennt und in ihnen wohnen will, der unser Herz fröhlich macht, empfindsam und liebevoll. Und eben auch fest. Geborgen in Gottes Herzen.
Der christliche Glaube ist eine Religion des Herzens.
Wo freilich das Gegenteil herauskommt und sich für christlich hält, Herzlosigkeit, Enge und Starrheit, da haben wir Gottes Herzensanliegen verkannt und seinen Namen missbraucht. Lassen Sie mich dies an dem Satz aus unserem Predigttext deutlich machen, der dem Wort vom festen Herzen vorausgeht:
II.
Lasst euch nicht durch
mancherlei und fremde Lehre umtreiben.
Es war zur Zeit des Hebräerbriefes so wie heute auch: Die Welt war voll von Meinungen und Lehren, von Kontroversen und neuartigen Trends. In oft aggressiver Weise wurde dabei auch der christliche Glaube in Frage gestallt oder an den Pranger gestellt. Oft waren die Christen verunsichert von dem, was da mit Vehemenz vorgetragen wurde. Vieles kannten und überblickten sie einfach nicht. Das Urteil im Einzelfall fiel ihnen schwer. Oft fehlten ihnen die Argumente und ihre eigene Position wurde ihnen selbst fragwürdig. Manchmal wussten sie selbst nicht mehr, woran sie glauben und wofür sie einstehen sollten. Und sie nahmen auch um sich herum wahr, dass vielen die Überzeugungen verschwammen und sie nicht mehr wussten, was sie schon alles für richtig oder falsch, für gut oder böse, für wahr oder unwahr gehalten hatten.
Ich denke, daran hat sich bis heute nicht viel geändert. Lassen Sie mich das
andeuten an einigen Diskussionen aus dem vergangenen Jahr:
1. Da gab es Filme, die erneut die uralte These aufwärmten, Jesus sei gar nicht wirklich am Kreuz gestorben, sondern habe irgendwo weitergelebt, natürlich mit Maria Magdalena, die er liebte. Da gab es andererseits ein Jesusbuch aus Rom, das alle Fragen nach dem historischen Jesus beiseite schob zugunsten feststehender dogmatischer Konstrukte. Da war nichts dabei, was einer seriösen historischen und theologischen Prüfung standhielt. Aber Christen, auch evangelische Christen, waren verunsichert. Was sagte ihnen ihr Herz?
2. Ein zweites Beispiel: Da gab es intensive Debatten über Gewalt und Fundamentalismus in den Religionen, zu Recht. Da wurde gefragt, wo Religion wirklich friedensstiftend wirkt und wo sie durch ihren Absolutheitsanspruch untergründig Gewalt fördert. Und schnell waren die neuen Atheisten bei der Hand, die in jeder monotheistische Religion von Haus aus Gewaltpotentiale sehen. Gerne wurden sie in die Talkshows geladen. Lasst uns den Gotteswahn endlich beenden – um des Friedens willen. Und sofort war auch alles Bemühen um einen christlich-islamischen Dialog verdächtig. So, als ob gesprächsbereite Christen dabei Christus preisgeben wollten zugunsten eines allgemeinen Eingottglaubens. So, als ob der in Christi Nehmen handle, der andere Hochreligionen zu Feinden stempelt und ihr Recht auf Religionsfreiheit in Frage stellt. Statt klar im Bekenntnis und getragen von Respekt mit ihnen in Frieden zu leben, so wie es uns Jesus ans Herz gelegt hat.
3. Oder die Debatte um Sterbehilfe: Schnell war die öffentliche Meinung mit dabei, als es hieß, eine aktive Sterbehilfe sei doch für schwer Pflegebedürftige das Beste. Statt in die Häuser und Heime zu gehen und Sterbende in herzlicher Liebe zu begleiten. Statt sich am Sterben Jesu zu orientieren: Wer so stirbt der stirbt wohl. Statt endlich Pflegesätze zu vereinbaren, die eine menschliche Pflege ermöglichen. Was sagt uns unser Herz, wenn es um Alter und Sterben geht?
4. Und dann, um noch einmal in den kirchlichen Bereich zurückzukehren, die Aussage der römischen Glaubenskongregation, nur die römische Kirche sei Kirche, die Protestanten bestenfalls christliche Gemeinschaften mit einzelnen Aspekten des Heils. Warum fiel es uns Evangelischen so schwer, in aller Ruhe zu sagen: Kirche heißt kyriake - dem Herr gehörig. Kirche ist, wer zu Jesus Christus gehört, unabhängig von konfessionellen Ausprägungen. Wie konnte eine einzige, so offenkundig interessengeleitete und biblisch unbegründete Lehraussage so viel ökumenische Eiszeit auslösen? Oder war es vielleicht gar nicht so und die Debatte hat die, die mit Ernst Christen sein wollen, in ihrer Einheit in Christus eher bestärkt? Bleibt uns um Christi willen die Einheit der Christen eine Herzensangelegenheit?
5. Noch ein Letztes: Die Debatte um die Kinderkrippen. Hat sie die Kinderfreundlichkeit in unserem Land wirklich vorangebracht? War das so schwierig, einfach zu sagen: Alles, was Kindern, Müttern und Vätern hilft, ist gut. Musste man Frauen, die früh wieder arbeiten wollen oder müssen, als Gebärmaschinen diffamieren und andererseits Mütter, die länger daheim bleiben wollen, verunsichern? Hätte man nicht lieber die überflüssigen Energien darauf konzentrieren können, wie Kinder wirksam vor Gewalt geschützt, vor Armut bewahrt und chancengerecht erzogen werden können? Wie viel wurde da von Fachleuten gewarnt und keiner im politischen Raum wollte es hören vor lauter Einsparungswahn. Jetzt auf einmal ist die Aufregung groß. Jesus aber herzte sie und legte die Hände auf sie und segnete sie. Herzte sie!
Lasst euch nicht von
mancherlei und fremder Lehre umtreiben, mahnt der Apostel. Das heißt nicht,
das wir als Christen den Debatten ausweichen sollen. Nach dem Motto: Was anders
ist, als ich bisher gedacht habe, lehne ich sowieso ab. Nein, es heißt, dass
wir unaufgeregt und mit festen Grundüberzeugungen in diese Debatten gehen. Mit
ganzem Herzen. Dass wir Festigkeit zeigen in den Grundfragen unseres Glaubens.
Und Offenheit für weiterführende Lösungen in Sachfragen. Offen, sachlich und
deutlich sollen wir ins Gespräch gehen, nie feindlich gesonnen, aber auch nicht
anpasserisch, sondern in dem lernbereit, was uns zu unseren Grundlagen führt
und dort widerständig, wo sie verwässert oder abgelehnt werden. Es ist ein köstlich Ding, dass das Herz fest
werde, welches geschieht durch Gnade.
III.
Meine lieben Schwestern und Brüder,
jede und jeder von uns kommt im eigenen Lebenskreis immer wieder neu in die Lage, sich mit Unbekanntem, Widersprüchlichen und Fremden auseinanderzusetzen. Das wid auch 2008 so sein. Und da macht es einen Unterschied, ob ich etwas habe, von dem ich ausgehe und an dem ich mich orientieren kann, oder ob ich mit dem, was mir begegnet, einfach mitschwimme. Und da ist es auch nicht dasselbe, ob ich bereit bin, in meiner Erkenntnis weiter zu wachsen oder ob ich einfach ablehne, was mir fremd ist.
Was aber ist es, das unser Herz fest macht? Unser Predigttext formuliert es klipp und klar:
Jesus Christus,
gestern und heute, uns derselbe auch in alle Ewigkeit.
Als Christen gehen wir davon aus, dass sich uns Gott in Jesus Christus ein für alle mal, verlässlich und gültig gezeigt hat. Das war so und daran ändert sich nichts.: gestern und heute. Und das bleibt auch so: derselbe auch in Ewigkeit. Diese Verlässlichkeit, liebe Gemeinde, ist der Schatz, den wir durch unseren christlichen Glauben empfangen. Wir sind nicht einfach preisgegeben dem Wandel der Meinungen, der Welt- und der Gottesbilder. Wir können uns angstfrei in diesen Wandel hineinbegeben, weil Christus sich treu bleibt und uns.
Wir brauchen nicht den Anspruch zu erheben, dass wir
Christus schon zureichend begriffen hätten. Wir brauchen unser Christusbild
nicht mit Christus selbst zu verwechseln. Er ist größer als unser Herz.
Christusbilder verändern sich. Weltanschauungen und Lebensauffassungen auch.
So, wie wir selbst uns verändern im Laufe unseres Lebens, so verändert sich
auch das Christentum im Laufe der Geschichte. Aber Christus bleibt derselbe. Er
war da und er ist da und er ist uns längst voraus. Er kommt uns von vorne
entgegen, im Neuen und Unbekannten und sagt: Fürchtet euch nicht! Ihm werfen wir unsere Herzen entgegen und
antworten: Es ist der Herr! Auf ihn
gehen wir zu und bekennen: Mein Herr und
mein Gott!
Friedrich Nietzsche, der ja nun wahrlich kein Freund des Christentums war, hat es besser formuliert, als mancher Christ es könnte: „Christus ist eine Erfahrung des Herzens.“ So ist es. In Christus hat Gott uns sein Herz gezeigt. Ihm haben wir unsere Herzen geschenkt. Von ihm dürfen wir uns gehalten wissen in aller Unruhe unseres Herzens. Ihm wollen wir beherzt folgen, auch im vor uns liegenden neuen Jahr.
Liebe Gemeinde,
das Jahr 2007 geht zu Ende. Es ist wichtig, dass unser Herz jetzt zur Ruhe kommt.
· Das Gestern, das uns noch nachhängt,
· das Heute, das so schnell vorübergeht,
· das Morgen, das wir noch nicht kennen,
all das braucht unser Herz jetzt nicht zu beunruhigen.
Jesus Christus,
gestern und heute, und derselbe auch in alle Ewigkeit.
Lasst euch nicht durch
mancherlei und fremde Lehre umtreiben.
Denn es ist ein
köstlich Ding, dass das Herz fest werde,
welches geschieht
durch Gnade.
Und der Friede Gottes, welcher höher ist als unsere Vernunft,
bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.