Dialogpredigt
zum Gottesdienst am Himmelfahrtsfest 2008 im Hofgarten der Residenz
Pfarrerin Susanne Wildfeuer (St. Johannis)
– Pfarrer Jürgen Dolling
(St. Stephan)
Nach dem Gemeindelied:
„Erglänze neu, Himmel und wandle dich, Erde, berühret einander und gebt Gott
die Ehre…“:
Das
soll also der Himmel sein, um den’s heute an Christi Himmelfahrt geht? Ein
bisschen nett zueinander sein, ein bisschen fröhlich und unbeschwert
miteinander leben und dabei Gott auch noch ein bisschen loben. Also, das ist
mir zu wenig. Der Himmel, von dem wir heute, am Himmelfahrtstag reden, der ist
doch bedeutender, da ist Geist, da ist Energie, da ist Macht. Nicht umsonst
spricht die Bibel davon, dass der Thron Gottes in diesem Himmel zu finden ist.
Um liebevolle und zärtliche Blicke zu tauschen, für Lust auf Leben brauche ich
keine Himmelfahrtsgeschichte, da kann ich hier auf der Erde bleiben.
Aber trotzdem finde ich
dieses Lied schön. Wer wünscht sich das nicht: ab und zu einen kleinen Zipfel
Himmel erleben, ganz sinnlich, beglückend, ein tiefes Gefühl der Freude? Sicher
ist das nicht alles im Leben. Aber es wäre so wichtig. Besonders, weil’s viel
zu oft anders ist. Menschen machen sich gegenseitig das Leben schwer, mit
Worten, mit Gewalt und Zerstörung – eine selber gemachte Hölle auf Erden!
Da
denke ich an Amstetten in Österreich – und wie das sein kann, dass ein Mann
jahrzehntelang seine eigene Tochter missbraucht und sie mit den Enkeln im
Keller einsperrt. Da verschlägt’s einem wirklich die
Sprache.
Oder
heute am 1. Mai, da geht’s ja in besonderer Weise um die Arbeit. Die
himmlischen Verhältnisse auf dem Arbeitsmarkt sind schon längst Geschichte. Da
gibt es welche, die noch Arbeit haben, andere haben keine mehr. Nokia geht
einfach woanders hin, wo die Arbeitskräfte momentan billiger sind. So sind die
Herrschaftsverhältnisse. Man braucht gar keine Sklaverei mehr. Der Tarif
bestimmt, wie viel ein Mensch kostet und der Mensch muss damit zurechtkommen,
dass er für den Arbeitsmarkt nicht mehr geeignet ist.
Die Welt ist schon
ungerecht, und man fragt sich immer wieder nach dem Sinn: nicht nur wenn ein
Verbrechen passiert oder wenn die Verhältnisse so wenig freundlich sind. Was
hat es für einen Sinn, wenn Menschen unheilbar krank werden, wenn Kinder
sterben, wenn Beziehungen zerbrechen? Aber genau deswegen, damit die
Schattenseiten nicht die Oberhand gewinnen in unserem Leben, genau deswegen
brauchen wir ein Stück von dem Himmel, an den wir glauben.
Der
Himmel als Perspektive für unser Leben?
Ja, natürlich. Der biblische
Himmel ist nicht das Firmament über uns, die Galaxien und die Milchstraßen.
Sondern der Himmel ist ein Bild dafür, dass Gott uns ganz nahe ist.
Das
Bild können wir auch noch anders beschreiben, so wie im Bekenntnis: Jesus
Christus, aufgefahren in den Himmel, sitzend zur Rechten Gottes, des
allmächtigen Vaters. Da ist diese Nähe deutlich spürbar. Gott zieht sich Jesus
an sein Herz. Aber jetzt sag’ doch, wie du das mit dem Himmel als
Lebensperspektive gemeint hast!
Ganz einfach: Gott wird
diese Welt – meine Welt – einmal ganz heil machen. Da wird es kein Leid, kein
Geschrei, keinen Schmerz mehr geben. Da herrscht nur der liebende Gott. Bei ihm
bin ich geborgen. Zeit spielt da keine Rolle mehr, auch nicht das was war oder
das was kommt. Er ist Anfang und Ende zugleich. Und auch der Raum ist nicht
mehr wichtig, die Körperlichkeit, das Aussehen – all das ist vergänglich. Das,
was Gott in einem Menschen liebt, das wird er behüten in Ewigkeit.
Eine
nahezu himmlische Perspektive, aber die Gegenwart ist halt doch immer noch so
ganz anders. Was nützt mir in meinem ganz konkreten Alltag ein zukünftiger
Himmel? Um beim Bild zu bleiben: ich möchte jetzt etwas vom Himmel spüren.
Jetzt brauche ich manchmal solche Himmelserfahrungen: mitten im Leben, mitten
in meinem Alltag, damit ich die Kraft habe, weiterzumachen oder den Mut etwas
Neues anzufangen.
Aber das gab es doch schon
bei den Jüngern. Am Anfang waren sie auch erst einmal ratlos und unsicher. Sie mußten sich erst daran gewöhnen, daß
er nicht mehr so greifbar war wie früher. Vielleicht mußten
sie auch dieselbe Erfahrung machen wie wir, daß sich
Gott immer wieder entzieht, sich nicht festlegen läßt
und nicht für uns verfügbar ist. Aber Gott hat uns Menschen trotzdem Mut
gemacht, sogar dann noch, als sie ihn festnageln wollten ans Kreuz.
Es
kommt also auf die Perspektive an. Man soll nicht vor allem den Himmel suchen,
sondern Gott.
Genau. Ein Theologe hat es
einmal so formuliert: „Nicht wo der Himmel ist, da ist Gott, sondern wo Gott
ist, da ist der Himmel.“ Gott hat also den Himmel auf die Erde gebracht und in
diesem Augenblick alle Schattenseiten dieser Welt verwandelt. Und immer, wenn
ein Unglück passiert oder Gewalt herrscht, dann ist Gott
da und leidet mit und liebt die Menschen trotzdem.
Und
Du glaubst, daß damit der Himmel beginnt?
Ja, womit denn sonst? Ich
glaube nicht an einen Himmel, auf den ich mich vertrösten lassen muß. Sondern ich glaube an den Himmel, den Gott für uns
macht – schon jetzt.
Irgendwie
hat dann das Lied schon recht. Es ist ein großes Geschenk Gottes, wenn sich
Menschen gegenseitig halten und trösten und lieben können. Es ist auch nicht
unmöglich, daß sich Strukturen ändern und Armen
Gerechtigkeit widerfährt. Leichtigkeit und Lebensfreude entstehen immer wieder
neu – und warum soll ich mich davon heute nicht anstecken lassen?
Ja, warum eigentlich nicht?
Das bringt Bewegung, Dynamik und Leben. Die Männer in den weißen Kleidern, von
denen die Apostelgeschichte erzählt, haben ja auch gesagt: Ihr Männer von
Galiläa, was steht ihr da und seht zum Himmel? Ihr sollt nicht fixiert sein auf
irgendwelche Dinge, auch nicht auf den Himmel. Lebt einfach mit Eurem Glauben
an Gott weiter. Macht ihn fruchtbar. Laßt andere
etwas davon spüren und Euch selbst. Und habt Vertrauen, daß
alles so vollendet wird, wie Gott es will.
Dann
ist das Ziel der Himmelfahrt Jesu die Erde der Menschen?
So könnte man es auch sagen.
Die Jünger sollen ja wieder in ihre Realitäten zurückkehren. Nicht nach oben
schauen, sondern um sich herum. Dort, wo es noch andere Zweifelnde und
Glaubende gibt. Dort, wo die, die Jesus nachfolgen, zur Kirche werden. Zur
Kirche, das heißt, zu etwas, was dem Herrn gehört. Jetzt schon. In aller
Unzulänglichkeit zwar und mit Fehlern. Aber eben doch dem Herrn gehörend und
ein Raum des Glaubens, den wir gestalten können und sollen.
Und
dann wär’s doch unsere Aufgabe, die Christen hier in Würzburg im Hofgarten
daran zu erinnern. Auch hier können wir den Himmel Gottes suchen und finden.
Wir finden ihn nicht, wenn wir nur in die Luft starren. Wir finden ihn in
unseren Herzen, im gemeinsamen Beten, im Lächeln und im Getröstet-werden
anderer Menschen. Da leben wir unseren Glauben an den unsichtbaren aber doch
lebendigen Gott.
Dieser Glaube übersteigt
unsere menschliche Vernunft. Aber er macht Sinn. Und er bewahrt unsere Herzen
und Sinne in Jesus Christus, unserm Herrn.
Amen.