Predigt am Heiligen Abend 2006 in Würzburg
St. Stephan
Symbol: Strohhalm
Liebe Gemeinde,
am schönsten ist die
Weihnachtsgeschichte, wenn man sie nicht nur hört, sondern sie auch miterlebt,
wenn man sie in seinem Herzen bewegt wie Maria die Botschaft des Engels, oder
wenn man sie ganz einfach selber darstellt – so wie es die Kinder vorhin im
Familiengottesdienst beim Krippenspiel haben.
Einen Ausschnitt dieser erfundenen
aber im Kern wahren Weihnachtsgeschichte will ich Ihnen noch einmal mit meinen
Worten erzählen:
Die Hirten waren nach Bethlehem
gekommen auf der Suche nach dem neugeborenen Kind. Sie fanden es so, wie es die
Engel verkündigt hatten, sie beteten es an, und schließlich kehrten sie nach
Hause zurück mit einer großen Freude im Herzen. Einer von ihnen aber, ein
kleiner Hirte, hatte noch etwas anderes aus dem Stall mitgenommen: Einen
Strohhalm aus der Krippe Jesu Christi. Und immer, wenn er ihn in die Hand nahm,
freute er sich darüber. „Das“, sagte er, „ist meine Erinnerung an den
liebevollen und lebendigen Gott, an den ich glaube“. Die anderen Hirten lachten
nur darüber. „Was willst Du denn mit einem Strohhalm? Das ist doch nur Abfall.
Wirf ihn weg!“. Aber der kleine Hirte ließ sich nicht beirren. Gerade das
Einfache und Schlichte, das hatte Gott lieb, davon war er überzeugt. Einer der
anderen Hirten begann sich zu ärgern. „Wir haben keine Zeit für solche
Spielereien und Diskussionen!“, sagte er. „Was soll diese Gefühlsduselei? Wir
müssen sehen, daß wir wieder zu unseren Herden
kommen, wir sind sowieso schon viel zu lange unterwegs.“ Und dann nahm er den
Strohhalm an sich, knickte ihn wieder und wieder und warf ihn voller Zorn auf
den Boden. Der kleine Hirte hob ihn auf, strich ihn glatt und sagte: „Schau
doch, er ist heil geblieben! Deine ganze Wut hat er ausgehalten.“ Und er
steckte den Strohhalm behutsam in seine Tasche.
Etliche Jahre später sollte sich der
kleine Hirte wieder an diese Begebenheit erinnern. Es war in Jerusalem, als
Jesus sein Kreuz trug und schließlich starb am Kreuz. „Ja“, dachte er, „das ist
genauso wie damals bei dem Strohhalm. Alle Wut dieser Welt kann ihn nicht klein
kriegen. Den geknickten Halm wird er nicht zerbrechen – das haben schon die
Propheten verheißen. Und nun hat Gott es liebevoll erfüllt mit seinem Kreuz und
mit seiner Auferstehung.
Davon war der kleine Hirte überzeugt.
Und dieser Glaube hinterließ einen tiefen Eindruck bei den anderen Hirten. Sie
lachten nicht mehr über ihn und seinen unscheinbaren Strohhalm. Sondern sie
fingen an, von ihren Erlebnissen, von ihren Erinnerungen und Hoffnungen zu
reden und vom Kind in der Krippe, das Heil und Leben in die Welt gebracht hat.
Heil und Leben! Das erst macht den
heutigen Abend zu einem Heiligen Abend. Wir feiern eben nicht nur ein
traditionelles Familienfest mit einem schön geschmückten Weihnachtsbaum, mit
vielen Geschenken, mit Plätzchen und einem guten Essen, mit Besuchen und ein
paar schönen Feiertagen. Sondern es ist ein Fest des Glaubens an den lebendigen
Gott.
Ich wünsche Ihnen, daß es für Sie zu einem solchen Glaubensfest wird! Und
auch, wenn Sie selber von sich vielleicht sagen können: Ich habe meinen
persönlichen Glauben an Gott, der zu meinem Leben dazugehört, dann wünsche ich
Ihnen, daß Gott Sie noch überraschen kann, so wie
damals die Hirten auf dem Feld. Und wenn Sie sich unsicher sind und vielleicht
noch auf der Suche nach dem, was der Glaube und was Weihnachten für Sie
bedeuten kann, dann denken Sie daran, daß damals die
Hirten auch unterwegs gewesen sind. Im Glauben ist man immer unterwegs. Aber
auf diesem Weg gibt es immer wieder Begegnungen mit dem lebendigen Gott. Und
von jeder Begegnung kann man etwas für sich mitnehmen - so wie der kleine Hirte
den Strohhalm aus der Krippe mitgenommen hat als Erinnerung an den lebendigen
Gott.
Was nehmen wir heute mit aus diesem
Gottesdienst?
Hoffentlich auch etwas ganz
persönliches. Hoffentlich auch das Bewusstsein: Gott kommt zu mir. Mitten
hinein in meine Sehnsucht nach echtem Frieden. Mitten hinein in diese besondere
Stimmung dieses Abends. Und Gott kennt meine Unsicherheit, ob die Geschenke und
alles drum herum wirklich passt. Er weiß, wie empfindlich familiäre Stimmungen
gerade an Weihnachten sein können und wie tief man Einsamkeit gerade in diesen
Tagen erleben kann. Aber Gott kommt. Er kommt zu Ihnen, wenn Sie jetzt gerade
nach all dem Streß nach Gemütlichkeit und schönem
Feiern sehnen. Vielleicht sitzt auch so mancher Jugendliche hier, der
eigentlich gar nicht mitkommen wollte in die Kirche und mehr an seine Freunde
und die nächste Disco denkt. Auch dem ist Gott heute
ganz nah, ganz menschlich und verständnisvoll. Es gibt auch etliche, die alt
und zu gebrechlich geworden sind, um den Weg hierher in die Kirche zu schaffen.
Da kommt Gott auch zuhause oder im Altenheim zur Welt, wo nur ein kleiner
Plastikweihnachtsbaum mit elektrischen Kerzen Stimmung verbreitet und ein Foto
von früher, ein paar Äpfel und ein paar Fruchtsaftflaschen auf dem Gabentisch
liegen. Gott kommt auch zu denen, die Weihnachten im Krankenhaus sind, wo
soviel von dem fehlt, was sonst Weihnachten schön und friedvoll macht. Und so
viele Menschen auf der Welt haben zuwenig zu essen und kein Dach über dem Kopf,
im Irak, im Nahen Osten und anderswo herrschen Krieg und Gewalt.
Gott aber kommt trotzdem. Er lässt
sich nicht unterkriegen. Er will Frieden stiften und unserer Not mit seinem
Heil begegnen, schlicht und einfach, aber mit der unwiderstehlichen Kraft
seiner Liebe.
Das ist die Weihnachtbotschaft, die
Gott uns mit Christus in die Krippe gelegt hat und die wir mitnehmen sollen aus
diesem Gottesdienst!
Und wenn Sie wieder hinausgehen in
diese heilige Nacht, dann nehmen Sie sich am Ausgang so einen Strohhalm mit.
Nehmen Sie ihn als Zeichen mit, der Sie ganz persönlich an die
Weihnachtsbotschaft erinnert und an den liebevollen Gott.
In der Bibel steht zwar nichts
davon, daß damals in Bethlehem Stroh in der Krippe
war – beim Evangelisten Lukas ist nämlich nur von Windeln die Rede. Eine Windel
aber würde ich Ihnen heute nur ungern zum Geschenk machen. Nein, lieber einen
Strohhalm! Und ich bin auch sicher, daß man damals
Jesus schon gut gebettet hat, auf Heu und auf Stroh.
Und darum nehmen Sie so einen
Strohhalm mit als Zeichen dafür, daß Gott das
Schlichte und Einfache in Ihrem Leben liebt, daß er
Sie in Ihren Sorgen und Nöten trägt, und daß er Ihnen
ganz persönlich Erfüllung Ihrer Sehnsucht und Frieden schenkt.
Und nehmen Sie diese Botschaft nicht
nur für sich mit, sondern geben Sie sie weiter. Mit
kleinen, liebevollen Zeichen, die helfen, manche Not zu lindern. Laßt uns zu Menschen werden, die anderen liebevoll begegnen,
die jemanden streicheln oder einfach da sind um zuzuhören und zu trösten. Manche
von uns brauchen vielleicht gerade heute diesen Trost, einen Strohhalm, an dem
sie sich festhalten können. Dann sagen wir’s doch, daß
es dort erst recht Weihnachten wird, wo Gott Leid erträgt und sein Heil und Leben
mit sich bringt! Da ist vielleicht in manchem Patientenzimmer im Krankenhaus
oder in einem Altenheim die Liebe Gottes noch viel intensiver zu spüren, wenn Sie
dorthin gehen und sich ein alter Mensch oder kranker Mensch trotzdem freuen kann!
Ja, wir können schon etwas dazu tun,
daß Weihnachten in unserer Welt Raum und der Friede
eine Chance bekommt. Beten wir um Gelassenheit, wenn Spannungen oder
Missverständnisse das Familienklima belasten. Beten wir um unbeschwerte Stunden
nicht nur für die Kinder, sondern auch für die Erwachsenen. Beten wir dafür, daß die Spannungen zwischen den Völkern dieser Welt und die
Gewalt einmal ein Ende haben können, wenigstens eine Zeit lang. Und bleiben wir
sensibel für Menschen, die Not und Elend erleben.
Dann feiern wir vielleicht ein wenig
anders Weihnachten. Aber wir feiern Weihnachten! Schlicht und einfach mit dem
lebendigen und liebevollen Gott.
Und dann erleben wir eine tiefe
Freude, die aus Hektik und Streß eine große
Gelassenheit werden lässt gegenüber den Dingen, die nicht perfekt sind. Freuen wir
uns einfach an den Menschen, die mit uns diese Zeit verbringen. Freuen wir uns
auch an den Geschenken und am guten Essen. Und freuen wir uns vor allem an dem
lebendigen Gott, der diese Nacht zu einer heiligen Nacht für uns gemacht hat
und der uns in allen Dingen dieses Lebens begleiten und tragen will.
Und sein Friede, der höher ist als
alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus, unserm
Herrn.
Amen.