Predigt vom 21. n. Trin. 08 in St. Stephan Joh.
15,9.12.16-17
Liebe Gemeinde,
diese wunderbaren Worte über die Liebe hat Jesus seinen Jüngern gesagt. So überliefert es uns (jedenfalls) der Evangelist Johannes. Vor seinem Weg ans Kreuz. Beim Abschiednehmen hat man das Bedürfnis, noch einmal zu sagen, was wirklich wichtig ist, noch einmal zu zeigen, was man wirklich füreinander empfindet, einander gönnt, einander wünscht.
„Nur einen Wunsch habe ich an euch,
dass ihr einander lieb habt.
So lieb, wie ich euch habe,
der ich für euch in den Tod gehen werde.“
Nur diesen einen Wunsch
Ich muss an meinen Großonkel Philipp denken, ein Original in meinem Heimatort Partenstein im Spessart. Vertreter, Matratzenfabrikant, Pleitier, gescheiterter Bürgermeisterkandidat und Heimatdichter. Ein Mann mit einem großen Herzen, der die seltene Gabe hatte, über sich selbst statt über andere zu lachen. Und der nur den einen großen Fehler hatte, dass er regelmäßig sonntags zu spät in die Kirche kam.
Als er starb, ließ er auf den alten Sandsteingrabstein seines Großvaters, auf dem nun auch sein Name stand, drei Worte im örtlichen Dialekt eingraphieren:
„Sädd guid zuananner.“
Seid gut zueinander.
Als sein Grab nach 25 Jahren auslief, ließen die Erben den Grabstein entfernen. Zu alt, nicht mehr zeitgemäß:
„Sädd guid zuananner.“
Nur einen Wunsch habe ich, dass ihr euch untereinander liebt.
Mein Großonkel Philipp kannte seine Bibel, er las darin und er versuchte auf seine Weise nach Jesu Worten zu leben, sie in seine Sprache und Lebenswirklichkeit zu übersetzen.
„Nur einen Wunsch habe ich an euch,
dass ihr euch untereinander liebt,
wie ich euch liebe.“
Für ihn hieß das auf deutsch gesagt:
„Sädd guid zuananner.“
I. Das höchste ist die Liebe
Liebe Gemeinde,
ich weiß nicht, ob Sie es bemerkt haben, ein wenig habe ich die Worte Jesu eben gegenüber dem Luthertext verändert. Ich habe Jesus sagen lassen:
Nur einen Wunsch habe ich an euch
Luther übersetzt:
Das ist mein Gebot, dass ihr euch untereinander liebt.
Liebe – ein Gebot?
Kann man Liebe gebieten?
Alle, die je einen Menschen geliebt haben, wissen, dass das nicht geht. Liebe kann man nicht gebieten. Liebe entsteht. Wie ein Wunder, wie ein Geschenk. Sie wird uns zugespielt wie ein Ball und wir fangen die Liebe auf und spielen sie weiter, ohne sie dabei zu verlieren.
Das ist ja gerade das Besondere der Liebe, und das allein schützt sie vor dem Missbrauch, dass man sie nicht gebieten, nicht befehlen, nicht steuern und einfordern kann. Dass sie frei bleibt und unverfügbar. Ein Wunder, ein Geschenk. Das größte Geschenk, das uns Menschen im Leben zuteil werden kann.
Warum nennt Jesus dann dennoch die Liebe: Ein Gebot? Ja, das größte Gebot?
Ich denke, weil er es mit Menschen zu tun hatte, die sich an
Geboten, an Regeln, an Rechten und Pflichten orientierten. Ja, die auch die
Religion und den Gottesglaube zu einem ganzen Gebots- u. Verbotssystem
ausgebaut hatten. Jesus hat gewusst, dass dies letztlich zu nichts führt. Er
nennt die Liebe das höchste Gebot, um das Gebots- und Verbotsdenken aus den
Angeln zu heben.
Deshalb hat er dem Pharisäer, der ihn einst nach dem höchsten Gebot fragte, gesagt: Das höchste Gebot ist dies, du sollst dem Herrn, deinen Gott lieben, von ganzem Herzen“, von ganzer Seele und von ganzem Verstand. Und das andere ist dem gleich: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Das ist das ganze Gesetz und die Propheten.“
Wer lieber Gebote und Pflichten durchsetzen will und seien sie noch so richtig, macht alles kaputt. Jesus hebt mit seinem höchsten Gebot das ganze Gebots- u. Verbotsdenken aus den Angeln, weil er weiß, dass alles nichts bringt ohne Liebe. Die Gebote sind für Liebende eine Hilfe, damit ihre Liebe praktisch wird. Mehr nicht.
- Wie solltest du den Feiertag heiligen können ohne Lust und Liebe zu Gott und Gottesdienst?
- Wie solltest du Vater und Mutter ehren können, wenn du nicht Kontakt aufnimmst zu der tiefen Liebe, die du zu ihnen hast und wenn sie noch so enttäuscht und vergraben in dir ist?
- Du sollst nicht ehebrechen – wie soll das bei euch beiden gehen, wenn eure Liebe euch nicht schützt?
- Du sollst nicht falsch Zeugnis reden – was anders könnte dich daran hindern, abfällig zu reden über andere und die Dinge zu verdrehen außer die Liebe? Nur wen du liebst, den wirst du nicht vor anderen in den Dreck ziehen.
usw., usf.
So ist also nichts dringlicher geboten als die Liebe. Und es gibt keinen größeren Wunsch an einen lieben Menschen, als dass in ihm die Liebe lebendig bleibt.
„Sädd guid zuananner.“
II. Ich habe euch erwählt – Liebe ist Erwählung
„Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt.“
Hier erinnert uns Jesus daran, wie die Liebe zustande kommt, wie wir zur Liebe fähig werden. Wisst ihr noch, sagt er den Jüngern, wie alles losgegangen ist?
z.B. bei dir, Petrus, damals am See. Ich habe dich einfach gefragt, ob ich mich zum Predigen in dein Boot stellen darf, damit mich die Leute verstehen. Ich hab dich ermutigt zum größten Fang deines Lebens. Und dann hab ich dir gesagt, dass du ein Menschenfischer werden kannst. Weißt du noch? Das „komm und folge mir nach“ hätte es fast nicht mehr gebraucht.
Daraus ist eine Liebesgeschichte entstanden. Und die Bibelkenner unter uns wissen, dass der Auferstandene, als er den Jüngern am See erscheint, dem Petrus, der ihn verraten hat, nur eines fragt: Hast du mich lieb?
Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt.
Liebe ist ein Erwählungsgeschehen.
Die Liebe wählt uns. Sie macht uns liebenswert. Wir empfangen Liebe. Und werden so fähig, auch selbst zu lieben. Ja, auch wieder zu lieben.
Es ist ja nicht so, dass wir uns nach reichlicher Prüfung dazu entschließen, Gott zu lieben.
Nein, wir empfinden und erfahren, dass Gott uns liebt. Und die Freude, geliebt zu sein, berührt und verändert unser Herz.
Auf diesen Gott hat Jesus verwiesen. Er hat nie gesagt, dass die Jünger ihn lieben sollen, sondern er hat von der Liebe des Vaters erzählt. „Wie mich mein Vater liebt, so liebe ich euch.“ Weil er von der Liebe des Vaters sprach, deshalb gewannen die Jünger Jesus lieb.
Es ist nicht so, dass wir uns für Jesus entschieden. Sondern wir werden davon berührt, dass er sich für uns entschieden hat. Und wir finden uns in seiner Nachfolge vor.
Entscheidungen gibt es in der Nachfolge. Viele. Jeden Tag. Aber eine Entscheidung für die Nachfolge gibt es nicht.
„Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt.“
Martin Luther, an dessen reformatorisches Zeugnis wir in den kommenden Tagen besonders denken, hat es uns in den Katechismus geschrieben: „Ich glaube, dass ich nicht aus eigener Vernunft noch Kraft an Jesus meinen Herrn glauben oder zu ihm kommen kann, sondern der Heilige Geist hat mich durch das Ev. berufen, mit seinen Gaben erleuchtet und im rechten Glauben geheiligt und erhalten.“
Nicht aus eigener Vernunft noch Kraft, sondern überwältigt von der Erfahrung dass da ein Gott ist, der mich liebt und der mich kennt, und bei meinem Namen nennt.
So wird man Christ. So bleibt man Christ.
Nein, nicht auf sich selbst gründet die Liebe, sondern darauf, dass da ein Gott ist, der sagt:
Ich habe dich je und je geliebt, darum habe ich dich zu mir gezogen aus lauter Güte.“
III. Hingehen und Frucht bringen
„Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt und bestimmt, dass ihr hingeht und Frucht bringt und eure Frucht bleibt, damit, wenn ihr den Vater bittet in meinem Namen, er´s euch gebe.“
Das ist Jesus Alternative zu einer Religion der Gebote und
Verbote: Hingehen und Frucht bringen.
Das ist eure Bestimmung. Dazu seid ihr da. Dafür lebt ihr auf dieser Welt. Frucht bringen. Ihr seid der Baum. Die Liebe, das ist Wasser. Sonne. Luft und Erde. Euer Lebenselement.
Und je mehr ihr im Wirkungsbereich der Liebe seid, desto besser könnt ihr euch entfalten. Und desto reicher wachsen an euch Früchte.
Zwei Hinweise Jesu erscheinen mir für dieses Früchtebringen besonders wichtig.
Der erste: Hingehen.
Wer Früchte bringt, muss hingehen.
Dort hingehen, wo die Spannungen sind.
wo die Aufgaben warten.
wo es unsicher und bedrohlich ist.
wo die Angst sitzt.
Dort soll er Liebe hintragen.
Und warten, was dann passiert.
Wenn du merkst, dass da etwas ist, das nicht in Ordnung ist, dann geh hin, mit Liebe im Herzen.
Wenn du merkst, dass irgendwo das Ev. keinen Raum hat, geh hin, mit Liebe und Respekt.
Wenn du merkst, dass Neuland auf dich wartet, das du noch nie betreten hast, geh hin, voll Erwartung.
Denn dort wartet der liebende Gott auf dich.
Der zweite Hinweis.
Ich habe euch erwählt und bestimmt, dass eure Frucht
bleibt
Das ist uns gesagt in unserer Angst vor Vergänglichkeit.
Ist nicht oft alle Liebesmüh vergeblich?
Ist die Liebe nicht nur etwas für den Moment?
Vergehen ihre Früchte nicht so schnell wie ein paar faulige Äpfel?
Ja-aber die Kerne bleiben doch!
Jesus sagt, über das, was vergeht macht euch keine Gedanken.
Eure Frucht bleibt.
Denn was bleibt, stiften die Liebenden.
Ich muss noch einmal an den Grabstein meines Großonkels Philipp denken.
Den konnte man abräumen.
Aber das, was er den Menschen war, das bleibt und bringt Frucht.
Übrigens, die Kommune hat damals gesagt:
Ihr könnt den Stein weg tun, aber er bleibt am Friedhof. Schon allein wegen dem Spruch. Wir stellen ihn unter Schutz und stellen ihn auf an der Mauer bei den historischen Steinen.
Dass ihn alle sehen: „Sädd guid zuananner.“
Liebe Gemeinde,
um im Wirkkreis der Liebe zu bleiben, ist es nicht nötig, ein besonderer Mensch zu sein. Nicht einmal ein Original wie mein Onkel Philipp.
Gut zueinander sein, das ist nicht schwer. Es ist dann nicht schwer, wenn wir uns von Jesus Liebe umfangen wissen. Das gilt für jede und jeden von uns persönlich. Und es gilt auch für Kirchengemeinden, wie anders als in der Liebe sollten sie eine Zukunft haben?
Was anderes könnte sie bedrohen als Lieblosigkeit?
Was anderes hätte Jesus uns als Letztes und Wichtigstes zu sagen als diese Wort:
„Das gebiete ich euch, dass ihr euch untereinander liebt.“
Amen.