Predigt zur Jahreslosung 2008 am Neujahrstag in Würzburg St. Stephan und in St. Johannis von Pfr. Jürgen Dolling
Christus spricht: Ich lebe, und Ihr sollt auch leben (Joh. 14,19)
Mit
einer Postkarte zum Niederdeutschen Christus in St. Stephan
Liebe
Gemeinde,
so ein Jahresanfang hat seinen eigenen Reiz. Man kann sich dem kaum entziehen, auch wenn man denkt: Es geht ja doch alles weiter wie zuvor. Sicher: es geht weiter, wir nehmen manche schöne Erinnerung aus dem alten Jahr mit ins Neue, vielleicht das Feiern von gestern oder ein schönes Gespräch aus den vergangenen Weihnachtstagen. Wir wissen aber auch, daß die alten Probleme und Sorgen genauso auch im Neuen Jahr noch da sind. Manche von uns empfinden vielleicht besonders jetzt Einsamkeit oder die Ungewissheit vor dem, was kommt.
Und das ist es, was diesen ersten Tag im Jahr so eigentümlich macht. Nirgends sonst spürt man das Leben mit seinen Schritten in die Zukunft so bewusst wie heute.
Was leitet uns in diesem Jahr 2008? Was hilft mir, mit den Ereignissen umzugehen, die in diesem Jahr auf mich zu kommen?
Dazu
will ich Ihnen eine kleine Geschichte erzählen:
"Ein
alter Mann lebte zusammen mit seinem einzigen Sohn auf einer kleinen Farm. Sie
besaßen nur ein Pferd, mit dem sie die Felder bestellen konnten und kamen
gerade so über die Runden.
Eines
Tages lief das Pferd davon. Die Leute im Dorf kamen zu dem alten Mann und
riefen 'Oh, was für ein schreckliches Unglück!' Der alte Mann erwiderte aber
mit ruhiger Stimme: 'Wer weiß..., wer weiß schon, wozu es gut ist?'
Eine
Woche später kam das Pferd zurück und führte eine ganze Herde wunderschöner
Wildpferde mit auf die Koppel. Wieder kamen die Leute aus dem Dorf: 'Was für
ein unglaubliches Glück!' Doch der alte Mann sagte wieder: 'Wer weiß..., wer
weiß schon, wozu es gut ist?'
In
der nächsten Woche machte sich der Sohn daran, eines der wilden Pferde
einzureiten. Er wurde aber abgeworfen und brach sich ein Bein. Nun musste der
alte Mann die Feldarbeit allein bewältigen. Und die Leute aus dem Dorf sagten
zu ihm: 'Was für ein schlimmes Unglück!' Die Antwort des alten Mannes war
wieder: 'Wer weiß..., wer weiß schon, wozu es gut ist?'
In
den nächsten Tagen brach ein Krieg mit dem Nachbarland aus. Die Soldaten der
Armee kamen in das Dorf, um alle kriegsfähigen Männer einzuziehen. Alle jungen
Männer des Dorfes mussten an die Front und viele von ihnen starben. Der Sohn
des alten Mannes aber konnte mit seinem gebrochenen Bein zu Hause bleiben.
'Wer weiß..., wer weiß, wozu es gut ist?'"
Ja, wer weiß, wozu Dinge gut sind, auch jetzt in diesem Neuen Jahr 2008? Vieles hängt davon ab, wie ich etwas bewerte. Vieles hängt von meiner Lebenssituation ab. Und oft können wir auch gar nicht absehen, wie es weiter geht.
Manches kann ich gar nicht beeinflussen und muß versuchen, es zu akzeptieren. Krankheiten oder Unfälle passieren. Man kann ihnen nicht ausweichen.
Aber trotzdem gibt es immer wieder Gutes zu erleben: Daß einem die Nähe anderer Menschen weiter hilft. Oder daß mir etwas schönes neue Lebensfreude und Lebensmut schenkt. Das müssen gar keine umwälzenden Dinge sein. Vielleicht ein schöner Spaziergang im Ringpark. Oder Musik, die einen beschwingt.
Da frage ich dann nicht mehr: „Wer weiß, wozu es gut ist?“, sondern wo ich weiß, daß es mir gut tut, und daß ich es genießen kann.
Auch die Beziehung zu Gott ist so etwas.
Sie haben eine Postkarte bekommen mit der Christusfigur, die gegenüber vom Haupteingang von St. Stephan an der Wand hängt. Sie ist fast 500 Jahre alt. Früher war sie an einem Kreuz festgemacht. Jetzt empfängt sie mit ausgebreiteten Armen alle, die in unsere Kirche kommen. Und darunter ist der Lichterbogen, wo oft Lichter brennen für persönliche Wünsche und Gebete. Es ist ein guter Ort, die Beziehung zu Gott zu suchen. Denn dieser Christus gibt einem das gute, tröstende Gefühl, angenommen zu sein. Sanft und liebevoll sieht sein Gesicht aus, das Holz wirkt natürlich und warm. Eine Figur der Stärke und der Geborgenheit, obwohl sie auch das Leid symbolisiert. Es ist der Christus am Kreuz. Er trägt die Dornenkrone. Aber sie hat keine Spitzen, sondern sie ist rund, harmonisch. Und sie krönt den, der das Leid schon überwunden hat.
Dieser Christus begleitet uns heute in das Neue Jahr. Und mit ihm die Jahreslosung aus dem Johannesevangelium Kapitel 14. In der Lutherbibel ist dieser Abschnitt überschrieben mit „Verheißungen für die Zeit der Trennung“. Das ist damals auch eine Schwelle gewesen. Die Jünger wußten noch nicht, was auf sie zukommt. Sie hätten dann auch sicher versucht, dem Kreuz auszuweichen, zu fliehen, sich dagegen zu wehren. Aber Jesus Christus wusste es besser, daß es nur den Weg hindurch gibt. Den Weg, der ein ganz anderes Ziel haben sollte. Und das hat Christus auch seinen Jüngern gesagt. Worte, die im Nachhinein wertvoll und mutmachend geworden sind. Wegweisende Worte, die die Jünger aufgeschrieben haben um sie zu bewahren.
„Ich will euch nicht als Waisen zurücklassen“, sagt Christus kurz vor dem eigentlichen Losungstext. Nein, wir sind trotz aller Unwägbarkeiten und trotz aller Wechselfälle im Leben nicht allein gelassen. Wir haben einen Gott, der uns entgegenkommt, auch jenseits des Kreuzes, auch an jedem Tag, der in diesem Jahr vor uns liegt. Ein Gott, der uns Kraft und Stärke geben will, Dinge auszuhalten. Ein Gott, der alles verwandeln kann. Ein lebendiger und liebevoller Gott.
Und dieser Gott sagt: „Ich lebe, und ihr sollt auch leben.“
Es ist eine der kürzesten Formulierungen der Evangeliumsbotschaft. So eng hängt unser Leben mit dem Schicksal Jesu zusammen! Sein Kreuzweg hatte einen Sinn. Er schuf neues Leben auch im Kreuz. Und er schuf es uns zuliebe, damit wir leben.
An dieser Stelle brauchen wir auch nicht mehr zu fragen: „Wer weiß, wozu es gut ist?“ Wir wissen, warum. Wir bekennen es jedes Mal im Glaubensbekenntnis, und wir leben es mit jedem Gebet, mit jedem Licht, das wir unter diesem Christus anzünden.
Und Christus sagt jede und jedem von uns zu: „Ich lebe, und Ihr sollt auch leben.“ Das ist seine Einladung, damit wir vertrauensvoll und zuversichtlich in dieses Neue Jahr gehen können. Denn wir werden leben, auch wenn Dinge passieren, die wir jetzt noch nicht wissen und die wir nicht beeinflussen können. Wir werden leben! Denn Gott hat uns sein Heil versprochen, auch wenn wir noch manches Kreuz auf dieser Welt erleben. Wir wissen, daß wir auch wieder Gewalt erleben, daß Unglücke geschehen, daß wir wieder manchen Abschied durchstehen müssen, und daß wir vielleicht auch selber an diese Grenze des Lebens kommen. Aber wir wissen auch, daß Christus lebt, der uns neues Leben verheißt. Leben in einem neuen und umfassenden Sinn. Leben ohne Leid oder Schmerz. Leben, das von seiner Liebe umgeben ist. Leben, das uns heute Mut macht, diesen Schritt ins Neue Jahr zu tun.
Nehmen Sie diesen Christus mit. Und denken Sie immer daran: Wir sind in dieser Welt keine Waisen. Wir sind nie gottverlassen. In jedem Augenblick unseres Lebens begleitet uns dieser lebendige Gott, der auch am Kreuz seine große Verheißung für uns wahr macht: „Ich lebe, und Ihr sollt auch leben.“
Und sein
Friede, der höher ist als unsere menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen
und Sinne im Glauben an Jesus Christus. Amen.