Predigt zu Joh. 16, 5-15 in Verbindung mit der Kantate „Es ist euch gut, daß ich hingehe“ von J.S. Bach (BWV 108)

am 6.5.2007 (Kantate) in Würzburg St. Stephan

von Pfr. Jürgen Dolling

 

Text der Bach-Kantate:

 

1. Arie (Bass): Es ist euch gut, daß ich hingehe, denn, so ich nicht hingehe, kommt der Tröster nicht zu euch. So ich aber gehe, will ich ihn zu euch senden.

 

2. Arie (Tenor): Mich kann kein Zweifel stören, auf dein Wort, Herr zu hören. Ich glaube, gehst du fort, so kann ich mich getrösten, daß ich zu den Erlösten komm’ an erwünschten Port.

 

3. Rezitativ (Tenor): Dein Geist wird mich also regieren, daß ich auf rechter Bahne geh! Durch deinen Hingang kommt er ja zu mir, ich frage sorgenvoll: ach, ist er nicht schon hier?

 

4. Chor: Wenn aber jener, der Geist der Wahrheit, kommen wird, der wird euch in alle Wahrheit leiten. Denn er wird nicht von ihm selber reden, sondern was er hören wird, das wird er reden, und was zukünftig ist, wird er verkündigen.

 

5. Arie (Alt): Was mein Herz von dir begehrt, ach das wird mir wohl gewährt. Überschütte mich mit Segen, führe mich auf deinen Wegen, daß ich in der Ewigkeit schaue deine Herrlichkeit!

 

6. Choral: Dein Geist, den Gott vom Himmel gibt, der leitet Alles, was ihn liebt, auf wohl gebahnten Wegen. Er setzt und richtet unsern Fuß, daß er nicht anders treten muß, als wo man find’t den Segen.

 

Liebe Gemeinde,

diese Kantate ist zum ersten Mal von Johann Sebastian Bach am 29. April 1725 in Leipzig aufgeführt worden. Es war auch am Sonntag Kantate. Der Gottesdienst begann damals sehr viel früher, nämlich um 7 Uhr! Gegen 8 Uhr kam die Predigt, gegen 9 Uhr der musikalisch ebenfalls ausgeschmückte Abendmahlsteil, und kaum ein Gottesdienst war vor halb elf Uhr zuende.

Diese epische Länge von dreieinhalb Stunden wollten wir Ihnen heute nicht zumuten! Aber die Musik von Johann Sebastian Bach predigt heute immer noch. Er besaß eine Schaffenskraft wie kaum ein anderer – nachdem er im Jahr 1723 an der Thomaskirche Kantor geworden war, schrieb er im Lauf von 7 Jahren etwa 175 Kantaten (und es gab noch mehr, eine ganze Reihe davon sind verloren gegangen), dazu viele andere Orgel-, Chor- und Orchesterwerke.

Dabei hatte Bach es nicht eben leicht. Zwischen der Thomaskirche und der Nikolaikirche gab es immer wieder Rivalitäten. Woche für Woche musste er die notwendigen Akteure für den Chor und das Orchester auftreiben. Dazu die Korrespondenz mit denen, die in der Stadt Einfluß besaßen und das Geld für seine Arbeit gaben – „damit die Kirchen nicht mit unnöthigen Unkosten belegt werden mögen“, so heißt da einmal, solle er „die Knaben nicht allein in der Vocal- sondern auch in der Instrumental-Musik fleißig unterweisen.“

Manches davon kann unser Stephanskantor heute auch gut nachempfinden! Es braucht immer noch List, Durchsetzungsvermögen und eine besondere Musikalität, wie sie Johann Sebastian Bach damals gehabt hat.

Aber dann können wir es heute wieder erleben: eine musikalische Predigt. Oder noch besser müßte man sagen: Gott predigt durch die Musik. Denn egal, ob es durch eine Kantate oder durch Worte auf der Kanzel geschieht, das eigentliche, die Glaubensstärkung, kann nur Gott allein machen.

Und das wusste auch Johann Sebastian Bach. Er war zwar nicht immer ein frommer Mensch gewesen, auch seine Musik umfasst viele weltliche Stücke, aber später hat er dann „Soli Deo Gloria“ – Gott allein die Ehre – unter seine Werke geschrieben, und die Begegnung mit den Worten der Heiligen Schrift, so wie an diesem Sonntag Kantate das Johannesevangelium, diese Begegnung macht aus der Musik eine Predigt.

Eine Predigt zwischen Ostern und Pfingsten. Und darum schrieb Bach diese Stücke vor allem mit den Vorzeichen zwei und drei Kreuze. Das sind seine musikalischen Vorzeichen für Jesus Christus und für den Heiligen Geist.

Welche Vorzeichen haben wir heute für unseren Glauben und für unser Leben?

Wir leben ja auch dazwischen: Zwischen dem Sich-erinnern an den Weg Jesu Christi ans Kreuz und der Osterbotschaft vom lebendigen Gott, wir erleben immer wieder schwierige und traurige Dinge, aber wir bitten Gott um seine Gegenwart im Heiligen Geist, der uns erfüllt und begeistert. Wir lesen die Heilige Schrift und machen unseren Glauben daran fest, aber gleichzeitig leben wir 2000 Jahre später, in einer Welt mit Schönheiten und Grenzen, wo uns der liebevolle Gott manchmal auf ganz verschiedene Weise berührt. Aber wir erleben noch nicht seine umfassende Gegenwart, um die wir immer mit den Worten bitten: Dein Reich komme, dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden.

Wir leben eben „dazwischen“, zwischen Jesus Christus und dem Heiligen Geist, mit der Musik Bachs gesprochen: zwischen zwei und drei Kreuzen – Kreuzen! Nicht umsonst heißt in der Bassarie, daß der Tröster kommen wird, nämlich der Heilige Geist. Und auch der Tenor singt vom Getröstetwerden und von Sorgen. Der christliche Glaube ist eben nicht ohne Leid und ohne Trauer zu haben, nicht ohne das Kreuz. Aber in der Musik ist es so, daß mit einem Kreuz als Vorzeichen einzelne Töne um einen Halbton höher gespielt werden müssen. Oder mit dem Glauben gesprochen: das Kreuz Jesu Christi hebt einzelne Töne in unserem Leben, es gibt uns neue Kraft, damit wir die Lasten unseres eigenen Lebens tragen können.

Es gibt ja genug, was uns das Leben schwer machen kann. Die Sorge um den Arbeitsplatz, Probleme in der Familie, eine Krankheit, oder Ängste vor der Zukunft. Manche von uns können davon ein Klagelied singen. Und doch lässt Bach uns Menschen antworten: „Mich kann kein Zweifel stören, auf dein Wort, Herr zu hören.“

Was ist das für eine Ruhe und für eine Sicherheit, die einen über die eigenen Sorgen und Lasten hinaus noch etwas anderes vernehmen lässt – die liebevolle Stimme Gottes, der zu uns sagt: „Es ist euch gut, daß ich hingehe“.

Es ist Euch gut! Da redet Christus nicht von sich selbst, sondern von uns. Da ist einer, der sich um uns sorgt. Der mich versteht, wenn mir die Trauer um einen Mensch weh tut. Der auch die Ratlosigkeit mit aushält, wenn junge Menschen – so wie es hier in Würzburg in den letzten Wochen geschehen ist – den Weg in Tod suchen. Ein Gott, der die Ängste und Probleme in meinem Leben kennt. Der weiß, wie ich mich fühle, wenn eine Diagnose mein Leben in ganz anderem Licht erscheinen lässt. Ein Gott, der selber klagen weinen konnte. Dieser Christus tut mir gut! Und er tut uns etwas gutes, auch und indem er geht.

Es ist ein Fortgehen, das ein Ziel hat – nämlich Gottes Herrlichkeit. Es ist ein Fortgehen, das einen Zweck hat – nämlich diese Welt zu erlösen, einen Weg zu schaffen, der uns über unsere Grenzen hinausführt. Ein Fortgehen, das uns eine neue Zukunft eröffnet: „Wenn aber jener, der Geist der Wahrheit, kommen wird, der wird euch in alle Wahrheit leiten. Denn er wird nicht von ihm selber reden, sondern was er hören wird, das wird er reden, und was zukünftig ist, wird er verkündigen.

Es ist ein wohlgebahnter Weg. Ein Weg, den Jesus Christus selber für uns gegangen ist. Es ist der Weg für alle, die Gott lieben, für alle, die durch die Taufe mit ihm verbunden sind und die an ihn glauben. Da dürfen wir getrost einen Schritt vor den anderen setzen, auch wenn wir manchmal nicht sehen, wohin uns die nächsten Tage und Wochen und Monate führen. Wenn wir glauben, dann setzen wir unser Vertrauen in den lebendigen Gott, daß er schon den Weg für uns weiß. „Was mein Herz von dir begehrt, ach das wird mir wohl gewährt. Überschütte mich mit Segen, führe mich auf deinen Wegen, daß ich in der Ewigkeit, schaue deine Herrlichkeit!“

Eine Bitte, die unsere ganze Lebensmelodie einen Halbton höher hebt, über die bloße Klage hinaus. Vielleicht heute unsere Bitte?

Eine Bitte, die uns gelassener und dankbarer und stärker macht.

Eine Bitte, die besonders denen unter uns gesagt ist, die nach Orientierung suchen, die Angst haben vor den nächsten Tagen und Wochen, die Grenzen dieses Lebens spüren, denen, die mit zwischenmenschlichen Problemen zu kämpfen haben, die sich alleingelassen fühlen oder die spüren, wie beim Älterwerden auch die Kraft nachlässt. Auch dann ist der lebendige Gott für mich da. Und dann kann ich sagen: „Was mein Herz von dir begehrt, ach das wird mir wohl gewährt. Überschütte mich mit Segen, führe mich auf deinen Wegen, daß ich in der Ewigkeit, schaue deine Herrlichkeit!“

Das ist kein bloßes Vertrösten. Sondern ein Trost, der mir jetzt hilft weiterzuleben. Unser Trost. Denn dann sind es nicht wir, die immer alles selber machen müssen. Oft haben wir ja den Eindruck. Aber wenn wir alles selber machen müssten, dann wäre unser Leben wirklich begrenzt. Nein, es ist der liebevolle Gott, der „setzt und richtet unsern Fuß, daß er nicht anders treten muß, als wo man find’t den Segen.“

Das ist ein wunderbares Glaubensbekenntnis, diese Trittsicherheit, die einem der Glaube und das Gottvertrauen geben kann.

Diese Sicherheit gilt auch für das musikalische Lebenswerk und das Orgelspiel Johann Sebastian Bachs, obwohl man sich auch diese kleine Anekdote aus seinem Leben erzählt:

Wieder einmal hatte Bach an einem hohen Feiertag die dichtgedrängte Gemeinde unten in der Leipziger Thomaskirche durch die Zaubergewalt seiner Töne zur Verzückung gebracht. Am Nachmittag des gleichen Tages traf er einen Ratsherrn der Stadt, der ihn bewunderte und von seiner Kunst beeindruckt war. „Lieber Herr Bach“, sagte der Mann, „im ganzen Reich gibt es keinen zweiten Menschen, der die Orgel so beherrscht wie Sie. Sie verfügen über ein wunderbares Geheimnis des Spieles.“ - „Aber Herr Ratsherr“, wehrte bescheiden lächelnd Bach ab, „da gibt es kein Geheimnis. Man muss nur zur rechten Zeit die rechten Tasten mit der rechten Stärke drücken, dann gibt die Orgel ganz von selber die allerschönste Musik.“

Damit hat Bach sicher Recht! Aber daß das Evangelium durch die Musik unsere Herzen erreicht, das macht der liebe Gott.

Und sein Friede, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.