Predigt im Himmelfahrtsgottesdienst am 17.5. 07 in Würzburg, St. Stephan zu Joh 17, 20-26 von Pfarrer Jürgen Dolling

 

Liebe Vatertagsgemeinde,

wir feiern heute auch den Vatertag. Nicht den mit Bierfaß und Leiterwägelchen. Sondern wir feiern die Vereinigung von Vater und Sohn im religiösen Sinn. Im Glaubensbekenntnis heißt es von Jesus Christus: „Aufgefahren in den Himmel, er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters!“ – darum feiern wir heute auch Vater-Tag!

Aber hat dieser Tag überhaupt eine Bedeutung für unseren Glauben?

An Weihnachten haben wir die Krippe, am Karfreitag das Kreuz und an Ostern die Auferstehung. Aber was haben wir von der Himmelfahrt? Es ist schon eine seltsame Geschichte mit dieser Wolke, die Jesus vom Ölberg emporhebt. Wenn wir nur auf die technischen Fragen schauen, wie das denn damals wohl wirklich war, dann werden wir dem eigentlichen wohl nur ratlos hinterherschauen können, zumal das eigentliche ja jetzt gar nicht mehr da ist – Jesus verschwand vor ihren Augen! Nein, wir dürfen uns zwar wundern über dieses Ereignis. Aber man muß auch darüber hinaus zu den Fragen des Glaubens kommen. Oder besser gesagt, zum Ziel unseres Glaubens, zum Himmel, der kommt, der eben nicht der Himmel ist, den wir mit unseren Augen oder Radioteleskopen schauen und erforschen können. Und daß auch wir dort am Ziel ankommen.

Denn das Ziel ist, eins zu werden mit dem lebendigen Gott. Darum geht es nämlich in der Himmelfahrtsgeschichte: Jesus wird eins mit dem Vater, und so wie er sollen auch wir als Christen eine Einheit sein, die er miteinander verbunden hat.

Im Johannesevangelium (Joh. 17, 20-26) gibt es ein Gebet Jesu, in dem er genau darum bittet:

 

„Ich bitte aber nicht allein für sie (die Jünger), sondern auch für die, die durch ihr Wort an mich glauben werden, damit sie alle eins seien. Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir, so sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaube, daß du mich gesandt hast. Und ich habe ihnen die Herrlichkeit gegeben, die du mir gegeben hast, damit sie eins seien, wie wir eins sind, ich in ihnen und du in mir, damit sie vollkommen eins seien und die Welt erkenne, daß du mich gesandt hast und sie liebst, wie du mich liebst. Vater, ich will, daß, wo ich bin, auch die bei mir seien, die du mir gegeben hast, damit sie meine Herrlichkeit sehen, die du mir gegeben hast; denn du hast mich geliebt, ehe der Grund der Welt gelegt war. Gerechter Vater, die Welt kennt dich nicht; ich aber kenne dich, und diese haben erkannt, daß du mich gesandt hast. Und ich habe ihnen deinen Namen kundgetan und werde ihn kundtun, damit die Liebe, mit der du mich liebst, in ihnen sei und ich in ihnen.“

 

Man muß diesen Wortwindungen des Evangelisten Johannes erst ein wenig nachspüren, bis man ihre ganze Tragweite erfassen kann.

Da betet Jesus. Es ist kein Lehrtext, keine Predigt. Sondern ein Gebet, das Jesus für seine Jünger spricht. Jesus will mit ihnen verbunden bleiben, auch dann, wenn er gehen muß. Jesus will mit uns verbunden bleiben durch Gottes Liebe. „Vater, ich will, daß wo ich bin, auch die bei mir seien, die du mir gegeben hast“ – das ist kein trauriger Jesus, der Abschied nehmen muß. Sondern da spricht Christus, für den Raum und Zeit keine Grenzen mehr bedeuten. Denn die Liebe, die Jesus lebte, die Liebe, die uns als Christen erfüllt, diese Liebe Gottes gab es schon, bevor der Grund der Welt gelegt war. Auch wieder so eine schwierige Vorstellung! Ewigkeit, Gerechtigkeit, Liebe, Reich Gottes – das sind menschliche Begriffe für das, was man eigentlich nicht beschreiben kann, weil es unseren Horizont sprengt. Vielleicht muß man es aber auch gar nicht beschreiben. Vielleicht genügt es, wenn es immer wieder ein Stück weit konkret wird in meinem Leben: Immer dann, wenn ich Grenzen überschreiten kann, wenn ich Liebe empfangen und Liebe geben kann und wenn mich das immer wieder mit anderen zusammenbringt, eins werden lässt in der Gemeinde Jesu Christi. „Damit sie alle eins seien“, oder sogar „vollkommen eins seien“, sagt Jesus Christus – und das ist sein Auftrag heute für uns.

Sind wir denn „eins“?

Dieses Wort „Einssein“ darf man dabei nicht missverstehen. Es geht nicht um Einheitlichkeit, auch nicht um ein Eins-werden, sondern um ein Eins-Sein. Wer an Christus glaubt, kann gar nicht anders, der ist schon längst Teil der Gemeinde Jesu Christi, die so vielfältig und bunt sein kann, wie es Menschen darin gibt. Und trotzdem sind sie „eins“.

Was ist das für eine Einheit?

Das ist eine lebendige Einheit. Da muß man nicht immer einer Meinung sein. Die Gemeinde Jesu Christi verträgt auch Kritik oder unterschiedliche Sichtweisen oder verschiedene Glaubensweisen. Sie braucht aber auch ein Gemeindebewusstsein, daß man durch die Taufe und den Glauben zusammengehört. Auch über Generationen oder Konfessionen hinweg. Wenn man dieses Bewusstsein der Zusammengehörigkeit nicht mehr hat, dann ist man nicht mehr „eins“, dann liebt man nur noch sich selber und vielleicht noch seinen eigenen Glaubenszirkel.

„Damit sie alle eins sind“ – das ist eine lebendige Einheit in der Liebe. Bei den vielen Glaubensgemeinschaften und Kirchen, die es im Christentum gibt, fragt sich schon manchmal, wo denn da die Einheit geblieben ist. Aber man muß sich immer wieder klar machen, daß die gegenseitige Liebe immer größer sein muß als alle Unterschiede. Sie muß auch größer sein als alle Religionen. Beim ökumenischen Studientag in Münsterschwarzach vorgestern, an dem fast 70 Pfarrerinnen und Pfarrer und andere Mitarbeitende aus Würzburg und Umgebung teilgenommen haben, evangelisch wie katholisch, hat Abt Michael uns das sehr deutlich gemacht an der Klosterpforte: Dort, so sagte er, sollen Gäste, egal wo sie herkommen und welchen Glauben sie haben, immer so empfangen werden, als käme Christus selbst. Denn das ist das Kennzeichen des Christentums, daß man in einem anderen Menschen Christus selber begegnet und ihn liebevoll annimmt. Und das können wir, weil wir selber liebevoll angenommen sind.

Aber ist das nicht zuviel Ideal und zuwenig unsere Wirklichkeit?

Manchmal – das muß ich zugeben - wünsche ich mir mehr Einheit hier in unseren Würzburger Gemeinden. Am vergangenen Sonntag haben wir für unsere beiden Gemeinden – Pfarrer Neumeister und ich - Jubelkonfirmation gefeiert, aber es kamen wenige aus der Gemeinde zum Gottesdienst, viel weniger als sonst. Und ich habe mich gefragt, warum. Es können ja nicht alle beim Stadtmarathon mitgelaufen sein! Was aber hält einen dann vom Gottesdienst ab? Daß es vielleicht zu lange dauert? Oder weil es vielleicht nur andere Leute etwas angeht und nicht mich?

Da wünsche ich mir ein Umdenken, mehr Gemeinschaft, eine Gemeinde, die sich mitfreut, wenn sich jemand nach 50 Jahren an seine Konfirmation erinnert und von neuem gesegnet wird! Ich wünsche mir eine Gemeinde, die gerne eine Taufe oder einen Kircheneintritt miterlebt – einfach deshalb, weil das Menschen sind, die zu uns, zu Ihnen gehören und mit uns den christlichen Glauben leben wollen! Und es gibt sicher wieder Gelegenheit dafür, sich mit zu freuen und mit zu feiern!

„Damit sie alle eins sind“ – sind wir das? Demnächst müssen wir bei beiden Kirchen, St. Stephan und St. Johannis, die Dächer sanieren lassen, weil Wasser eindringt und immer größere Schäden verursacht. Das kostet viel Geld. Unterstützen wir uns dabei gegenseitig, stehen wir zusammen und helfen wir – jedes einzelne Gemeindeglied - auch finanziell mit, daß unsere Gotteshäuser erhalten bleiben?

Damit sie alle eins sind“ – sind wir das? Wir sind es. Vielleicht nicht immer so, wie wir es sein sollten oder sein könnten. Aber wir sind es, weil uns die Einheit durch Jesus Christus vorgegeben ist. Deswegen steht für mich am Ende dieser Himmelfahrtspredigt kein Fragezeichen mehr, wo denn unsere Einheit ist, sondern ein Ausrufezeichen und eine Einladung, diese liebevolle Gemeinschaft zu leben, von der Jesus Christus gesprochen hat. „Berühret einander“ – so heißt es in dem Lied, das wir gleich singen werden – „berühret einander und gebt Gott die Ehre“. Das ist das, was wir in diesem Gottesdienst tun. „Behutsam begreifen, am Horizont sehen den Raum der Verheißung, voll Fülle und Leben.“ Das ist eigentlich nur das, was wir vorhin aus dem Evangelium gehört haben: „Sie – die Jünger – beteten ihn an und kehrten zurück nach Jerusalem mit großer Freude und waren allezeit im Tempel und priesen Gott.“ Diese Erfahrung hatte ihr ganzes Leben durchdrungen, erfüllt!

Die zweite Strophe paßt heute besonders gut zu dem verregneten Himmelfahrtstag: „Ihr Menschen, voll Sehnsucht und Lust nach mehr Leben, für euch wird der Himmel sich öffnen und regnen, daß Quellen entspringen und Brunnen sich füllen, mit Wasser des Lebens den Seelendurst stillen“ – mit Wasser des Lebens! Nur das, woran ich glaube, stillt ja auch erst den Seelendurst.

Und die nächsten Strophen drücken so wunderbar aus, wie der Abglanz des Himmels unser Leben verändern kann:

„Berührt euch mit Blicken, von Lächeln begleitet. In zärtlichem Charme wird die Liebe sich zeigen, wie Blüten sich öffnen und Knospen entfalten, und Gott wird sie bergen, beschützen und halten.

Ertastet, begreift Gott mit all euren Sinnen, der Himmel steht offen und Glück wird beginnen. Den Armen das Recht auf gelingendes Leben, dann werden sich Erde und Himmel begegnen.

Das Lied der Erlösten, Befreiten soll klingen. Die Freude will tanzen, vor Leichtigkeit springen. So wird Gottes Himmel die Erde berühren, und ihr werdet Leben, Lebendigkeit spüren.“

Das ist die Freude der Jünger an Himmelfahrt. Singen wir sie uns gegenseitig zu!

Und der Friede Gottes…