Predigt am 21.1.2007 in St. Stephan, Würzburg
Gnade sei mit uns und Friede von Gott unserem Vater
und dem Herrn Jesus Christus. Amen.
Liebe Gemeinde,
ich erinnere mich an ein Lied, das meine Mutter
manchmal sang, als ich noch ein kleines Kind war. Die erste Strophe begann mit
den Worten:
Wenn alle Brünnlein fließen, so muss ich trinken.
Wenn ich mein’ Schatz nicht rufen darf, tu ich ihm winken...
Leider weiß ich nicht mehr, wie das Lied weiterging,
aber vielleicht kennen es ja einige von ihnen.
Was mich schon als Kind beschäftigt hat, war die große Eindringlichkeit, mit der die Sehnsucht nach Leben und liebender Begegnung mit einer leichten, heiteren Meldodie besungen wird.
Wenn alle Brünnlein fließen, so muss ich
trinken.
Es gibt so ein unwiderstehliches Verlangen nach
lebendigem Wasser, das erst dann richtig erwacht, wenn man dieses Wasser vor
sich sieht und sein lockendes, murmelndes Fließen hört. Dieser Durst ist sich
seiner Erfüllung schon gewiss, denn die Erfüllung ist ja schon vor Augen! Es
ist ein süßer Durst, ein süßes Verlangen, das die Entbehrung geradezu genießen
kann, weil sie einen Weg finden wird, gestillt zu werden.
Dasselbe süße Verlangen deutet der Sänger an, der
seiner Liebsten trotz des Verbotes ein Zeichen seiner Zuwendung schenken muss.
Wenn ich meinen Schatz nicht rufen darf, tu ich ihm winken.
Not macht erfinderisch, und so hilft schon das
Winken, das bekanntlich weniger Lärm macht und trotzdem sehr innig sein kann.
Dieser kreative Umgang mit der gesetzten Grenze ist eine Frucht aus diesem „Muss“ der ersten Liedzeile – ich muß trinken und ebenso muß ich eben einen Weg finden, meiner Sehnsucht nach dem oder der Geliebten Ausdruck zu verleihen.
Was da eben noch als strikte moralische Vorschrift daher kam und für Zucht und Ordnung sorgen sollte, wird von diesem „müssen“ mühelos und lächelnd überwunden. Die Liebe findet ihre Wege leicht und spielerisch, wie ein fließendes Brunnenwasser, das sich nicht aufhalten lässt – mögen wir Menschen auch versuchen, diesem lebendigen Quell Richtung und Dämme in Form von Gesetzen und Normen entgegenstellen.
Diesen Bildern von fließendem Wasser und lebendigem
Leben nachdenkend, fällt mein Blick noch einmal auf die ersten Verse unseres
Predigtextes.
Da heißt es: Jesus verließ Judäa und ging wieder nach
Galiläa.
Er musste aber durch Samarien reisen.
Auch dort dieses „müssen“. Natürlich ist damit
eine geographische Notwendigkeit bezeichnet: Der Weg vom Judäa nach Galiläa
führt zwangsläufig durch das Gebiet Samariens. Wenn wir aber beachten, dass
beim Evangelisten Johannes kein Wort zufällig gesetzt ist, fällt dieses „er musste
aber durch Samarien reisen“ auf.
Diese Formulierung deutet auf eine tiefere Bedeutung
dieser Reise hin und meint mehr als nur die Beschreibung geographischer Gegebenheiten.
Dieses Müssen taucht in den Schriften des Neuen
Testaments immer wieder auf und stellt scheinbar zufällige Ereignisse in einen
großen heilsgeschichtlichen Zusammenhang
So wird auch der Menschensohn leiden müssen. Matthäus 17, 12. Das Evangelium muß zuvor
gepredigt werden unter allen Völkern. Markus 13,10. So muß die
Schrift erfüllt werden. Markus 14, 49. Musste nicht der Messias das
alles erleiden? Lukas24,26.
Jesus musste aber durch Samarien reisen. Und er muss die Samariterin am Brunnen treffen. Er
muß sie in einem Augenblick treffen, da er selbst bedürftig ist – nach Wasser
und nach Begegnung, da seine Freunde ihn verlassen haben.
So ist Jesus hier in eine besondere Situation
gestellt.
Er ist allein der Mittagshitze ausgesetzt, dem Durst
preisgegeben und konfrontiert mit einem weiteren menschlichen Gegebenheit – der
erotischen Anziehung zwischen Mann und Frau, noch dazu einer Ausländerin, die
für ihn als Juden eigentlich tabu ist. Wieder klingt der Zusammenhang von Durst
und Beziehungsfähigkeit an, ebenso wie in dem kleinen Volkslied – wenn alle
Brünnlein fließen...
Jesus erlebt das, was für sein Volk, und auch für die
Kirche, die sich auf ihn beruft, zur Grunderfahrung und Auftrag durch die
Jahrtausende wird:
Das Volk Gottes muß anders sein als die anderen und
bleibt trotzdem gerade auf sie angewiesen sein – die Erfahrung des Exils klingt
an und die Berufung der Kirche, Sauerteig in der Welt zu sein. Das Volk Gottes
– Israel und die Kirche - muß Wege finden, die noch niemand gegangen ist und
Bücken schlagen über Gräben, die als unüberwindlich gelten.
Warum muß das so sein?
Könnten die Christen und die Kirche und überhaupt
alle Religionen und Kulturen nicht am besten unter sich bleiben und sich nicht
weiter stören? Wäre damit nicht unendlich viel Mißverständnis, Krieg und Leid
zu verhindern? Sollten wir nicht die Grenzen höher machen, anstatt sie ständig
überwinden zu wollen?
Könnten wir nicht auch ohne die anderen mit Gott als
unserer Mitte verbunden bleiben?
Offenbar nicht so ohne weiteres. Nach diesem Text
brauchen wir einander.
Gib mir zur trinken, sagt Jesus, der Sohn Gottes, zu
der fremden Frau.
Verschaffe Du mir den Zugang zur Quelle.
Nicht nur zu der irdischen Wasserstelle, die den Leib
erhält, sondern zur der Quelle des Lebens in der ganzen Fülle seiner Bedeutung.
Der Brunnen als Beginn einer neuen Lebensstufe ist
uns aus der Bibel und den Märchen vertraut:
Die Stammütter und Stammväter des ersten Testaments
lernen sich vorzugsweise an Brunnen kennen, das Goldmariechen bei Frau Holle
muß in den Brunnen, um zu einer erlösten Frau zu werden.
Vielleicht wissen noch einige ältere Menschen unter
uns, dass das Leben in einem Dorf von einem Brunnen abhing – uns Jüngeren
bewahrt sich die Erinnerung nur noch in klingenden Namen, von
Mineralwasserflaschen.
Immer ruft das Bild des Brunnens ruft die gleiche
Assoziation hervor – Zugang zum Geheimnis, zur lebendige Quelle, Hinweis auf
die Sehnsucht des Menschen nach Leben und Wachstum durch alle vorläufigen und
zeitbedingten Gesetze und Normen hindurch.
Kehre zurück zur Quelle und dann werde, der du bist –
und zwar in der innigsten Verwobenheit mit allen anderen. Es ist der
Überschritt aus der Ichbezogenheit in das Du der anderen, der Schöpfung und in
das Du Gottes.
Diese lebendige Quelle, der lebendige Gott im eigenen
Herzen bleibt nicht bei sich – leicht und sprudelnd sehnsuchtsvoll und drängend
findet Er seinen Weg zu dem ganz anderen.
Diese Aufweitung der eigenen Person und des eigenen
Bewusstseins erlebt Jesus an diesem Brunnen:
Er muss die Samariterin um Hilfe bitten, weil
er selbst kein Schöpfgefäß hat.
Jesus braucht die Hilfe der fremden Frau, um zu überleben und um sich ihr dann offenbaren zu können als der, der er ist. „Wenn du wüsstest, mit wem du sprichst“.
Er wächst erst langsam in seinen Auftrag hinein, erlangt erst in der Begegnung mit der eigenen Bedürftigkeit die volle Erkenntnis seiner selbst.
Er muss an dem, was er leidet Gehorsam lernen, heißt es im Hebräerbrief.
Durstig wie er ist, lernt er, seine Beziehungsmöglichkeit
weit auszudehnen über alle Konventionen hinweg – ohne sich selbst dabei zu
verleugnen. Ganz im Gegenteil. Er gibt seine Identität, seinen Durst, seine
Sehnsucht preis.
Er bittet grenz- und erfahrungsüberschreitend um
Hilfe und um Beziehung. So überschreitet er sich selbst und erkennt sich als
den Gott, der keine Grenzen und Schranken kennt und sich allen Menschen in
seiner Bedürftigkeit nach Zuwendung anvertraut – udn sich selbst als Quelle im
Anderen erkennt.
Der liebend-ohnmächtige und durstige Gott verleiblicht sich so in den Menschen, die sich ihm ganz öffnen – und erleidet als Gottmensch den Durst nach Wasser und nach Beziehung zu uns Menschen, ganz gleich welcher Religion, Nationalität, welchen Geschlechtes und welcher Hautfarbe wir auch sind.
Dieser Gott in Christus missioniert nicht – er vertraut sich und an, denen er heute begegnet. Christus wird selbst zur Gottessehnsucht und mit Ihm jede und jeder, der den Durst nach Gott im eigenen Herzen spürt und sich den anderen zuwendet.
So erkennt sich der Christus in mir selbst im Herzen der Anderen und schafft Beziehung zwischen uns – eine Beziehung, die vorbehaltlos und bedingungslos ist und das Leben, das wir als Menschen miteinander und mit der Schöpfung teilen, überhaupt erst möglich macht.
Könnte das ein Hinweis für den Weg auch unserer
Kirchen sein? Sich den anderen, den so ganz anderen immer wieder anzuvertrauen
und gerade durch sie zu werden, die sie ist? Trägerin der Gottessehnsucht und
zugleich Brunnen der lebendigen Quelle?
In diesem Einander-Erkennen als Gottesquelle , die wir füreinander sind, liegt der Weg zum Frieden. Wir sind viele und wir sind unterschiedlich. Und uns allen ist der Durst Gottes geschenkt, der in der Quelle des Anderen gestillt wird sich selbst den anderen zu trinken gibt.
Möge die Kraft dieser Sehnsucht in unseren Herzen leben. Möge sie uns zu den anderen führen und uns einander zutiefst erkennen lassen – Du bist der oder die, die ich bin, Durst und Quelle des lebendigen Gottes.
Amen. Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, er bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus unserem Herrn. Amen.