Joh 4, 1-14

Predigt am 21.1.2007 in St. Stephan, Würzburg

Gnade sei mit uns und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

 

Liebe Gemeinde,

ich erinnere mich an ein Lied, das meine Mutter manchmal sang, als ich noch ein kleines Kind war. Die erste Strophe begann mit den Worten:

Wenn alle Brünnlein fließen, so muss ich trinken. Wenn ich mein’ Schatz nicht rufen darf, tu ich ihm winken...

Leider weiß ich nicht mehr, wie das Lied weiterging, aber vielleicht kennen es ja einige von ihnen.

Was mich schon als Kind beschäftigt hat, war die große Eindringlichkeit, mit der die Sehnsucht nach Leben und liebender Begegnung mit einer leichten, heiteren Meldodie besungen wird.

 

Wenn alle Brünnlein fließen, so muss ich trinken.

Es gibt so ein unwiderstehliches Verlangen nach lebendigem Wasser, das erst dann richtig erwacht, wenn man dieses Wasser vor sich sieht und sein lockendes, murmelndes Fließen hört. Dieser Durst ist sich seiner Erfüllung schon gewiss, denn die Erfüllung ist ja schon vor Augen! Es ist ein süßer Durst, ein süßes Verlangen, das die Entbehrung geradezu genießen kann, weil sie einen Weg finden wird, gestillt zu werden.

Dasselbe süße Verlangen deutet der Sänger an, der seiner Liebsten trotz des Verbotes ein Zeichen seiner Zuwendung schenken muss. Wenn ich meinen Schatz nicht rufen darf, tu ich ihm winken.

Not macht erfinderisch, und so hilft schon das Winken, das bekanntlich weniger Lärm macht und trotzdem sehr innig sein kann.

 

Dieser kreative Umgang mit der gesetzten Grenze ist eine Frucht aus diesem „Muss“ der ersten Liedzeile – ich muß trinken und ebenso muß ich eben einen Weg finden, meiner Sehnsucht nach dem oder der Geliebten Ausdruck zu verleihen.

 

Was da eben noch als strikte moralische Vorschrift daher kam und für Zucht und Ordnung sorgen sollte, wird von diesem „müssen“ mühelos und lächelnd überwunden. Die Liebe findet ihre Wege leicht und spielerisch, wie ein fließendes Brunnenwasser, das sich nicht aufhalten lässt – mögen wir Menschen auch versuchen, diesem lebendigen Quell Richtung und Dämme in Form von Gesetzen und Normen entgegenstellen.

 

 

Diesen Bildern von fließendem Wasser und lebendigem Leben nachdenkend, fällt mein Blick noch einmal auf die ersten Verse unseres Predigtextes.

Da heißt es: Jesus verließ Judäa und ging wieder nach Galiläa.

Er musste aber durch Samarien reisen.

 

Auch dort dieses „müssen“. Natürlich ist damit eine geographische Notwendigkeit bezeichnet: Der Weg vom Judäa nach Galiläa führt zwangsläufig durch das Gebiet Samariens. Wenn wir aber beachten, dass beim Evangelisten Johannes kein Wort zufällig gesetzt ist, fällt dieses „er musste aber durch Samarien reisen“ auf.

 

Diese Formulierung deutet auf eine tiefere Bedeutung dieser Reise hin und meint mehr als nur die Beschreibung geographischer Gegebenheiten.

 

Dieses Müssen taucht in den Schriften des Neuen Testaments immer wieder auf und stellt scheinbar zufällige Ereignisse in einen großen heilsgeschichtlichen Zusammenhang

 

So wird auch der Menschensohn leiden müssen. Matthäus 17, 12. Das Evangelium muß zuvor gepredigt werden unter allen Völkern. Markus 13,10. So muß die Schrift erfüllt werden. Markus 14, 49. Musste nicht der Messias das alles erleiden? Lukas24,26.

 

Jesus musste aber durch Samarien reisen. Und er muss die Samariterin am Brunnen treffen. Er muß sie in einem Augenblick treffen, da er selbst bedürftig ist – nach Wasser und nach Begegnung, da seine Freunde ihn verlassen haben.

So ist Jesus hier in eine besondere Situation gestellt.

 

Er ist allein der Mittagshitze ausgesetzt, dem Durst preisgegeben und konfrontiert mit einem weiteren menschlichen Gegebenheit – der erotischen Anziehung zwischen Mann und Frau, noch dazu einer Ausländerin, die für ihn als Juden eigentlich tabu ist. Wieder klingt der Zusammenhang von Durst und Beziehungsfähigkeit an, ebenso wie in dem kleinen Volkslied – wenn alle Brünnlein fließen...

 

Jesus erlebt das, was für sein Volk, und auch für die Kirche, die sich auf ihn beruft, zur Grunderfahrung und Auftrag durch die Jahrtausende wird:

Das Volk Gottes muß anders sein als die anderen und bleibt trotzdem gerade auf sie angewiesen sein – die Erfahrung des Exils klingt an und die Berufung der Kirche, Sauerteig in der Welt zu sein. Das Volk Gottes – Israel und die Kirche - muß Wege finden, die noch niemand gegangen ist und Bücken schlagen über Gräben, die als unüberwindlich gelten.

 

Warum muß das so sein?

 

Könnten die Christen und die Kirche und überhaupt alle Religionen und Kulturen nicht am besten unter sich bleiben und sich nicht weiter stören? Wäre damit nicht unendlich viel Mißverständnis, Krieg und Leid zu verhindern? Sollten wir nicht die Grenzen höher machen, anstatt sie ständig überwinden zu wollen?

Könnten wir nicht auch ohne die anderen mit Gott als unserer Mitte verbunden bleiben?

Offenbar nicht so ohne weiteres. Nach diesem Text brauchen wir einander.

 

Gib mir zur trinken, sagt Jesus, der Sohn Gottes, zu der fremden Frau.

Verschaffe Du mir den Zugang zur Quelle.

 

Nicht nur zu der irdischen Wasserstelle, die den Leib erhält, sondern zur der Quelle des Lebens in der ganzen Fülle seiner Bedeutung.

 

Der Brunnen als Beginn einer neuen Lebensstufe ist uns aus der Bibel und den Märchen vertraut:

 

 

Die Stammütter und Stammväter des ersten Testaments lernen sich vorzugsweise an Brunnen kennen, das Goldmariechen bei Frau Holle muß in den Brunnen, um zu einer erlösten Frau zu werden.

 

Vielleicht wissen noch einige ältere Menschen unter uns, dass das Leben in einem Dorf von einem Brunnen abhing – uns Jüngeren bewahrt sich die Erinnerung nur noch in klingenden Namen, von Mineralwasserflaschen.

 

Immer ruft das Bild des Brunnens ruft die gleiche Assoziation hervor – Zugang zum Geheimnis, zur lebendige Quelle, Hinweis auf die Sehnsucht des Menschen nach Leben und Wachstum durch alle vorläufigen und zeitbedingten Gesetze und Normen hindurch.

 

Kehre zurück zur Quelle und dann werde, der du bist – und zwar in der innigsten Verwobenheit mit allen anderen. Es ist der Überschritt aus der Ichbezogenheit in das Du der anderen, der Schöpfung und in das Du Gottes.

Diese lebendige Quelle, der lebendige Gott im eigenen Herzen bleibt nicht bei sich – leicht und sprudelnd sehnsuchtsvoll und drängend findet Er seinen Weg zu dem ganz anderen.

 

Diese Aufweitung der eigenen Person und des eigenen Bewusstseins erlebt Jesus an diesem Brunnen:

Er muss die Samariterin um Hilfe bitten, weil er selbst kein Schöpfgefäß hat.

Jesus braucht die Hilfe der fremden Frau, um zu überleben und um sich ihr dann offenbaren zu können als der, der er ist. „Wenn du wüsstest, mit wem du sprichst“.

 

Er wächst erst langsam in seinen Auftrag hinein, erlangt erst in der Begegnung mit der eigenen Bedürftigkeit die volle Erkenntnis seiner selbst.

 

Er muss an dem, was er leidet Gehorsam lernen, heißt es im Hebräerbrief.

 

Durstig wie er ist, lernt er, seine Beziehungsmöglichkeit weit auszudehnen über alle Konventionen hinweg – ohne sich selbst dabei zu verleugnen. Ganz im Gegenteil. Er gibt seine Identität, seinen Durst, seine Sehnsucht preis.

Er bittet grenz- und erfahrungsüberschreitend um Hilfe und um Beziehung. So überschreitet er sich selbst und erkennt sich als den Gott, der keine Grenzen und Schranken kennt und sich allen Menschen in seiner Bedürftigkeit nach Zuwendung anvertraut – udn sich selbst als Quelle im Anderen erkennt.

 

Der liebend-ohnmächtige und durstige Gott verleiblicht sich so in den Menschen, die sich ihm ganz öffnen – und erleidet als Gottmensch den Durst nach Wasser und  nach Beziehung zu uns Menschen, ganz gleich welcher Religion, Nationalität, welchen Geschlechtes und welcher Hautfarbe wir auch sind.

 

Dieser Gott in Christus missioniert nicht – er vertraut sich und an, denen er heute begegnet. Christus wird selbst zur Gottessehnsucht und mit Ihm jede und jeder, der den Durst nach Gott im eigenen Herzen spürt und sich den anderen zuwendet.

 

So erkennt sich der Christus in mir selbst im Herzen der Anderen und schafft Beziehung zwischen uns – eine Beziehung, die vorbehaltlos und bedingungslos ist und das Leben, das wir als Menschen miteinander und mit der Schöpfung teilen, überhaupt erst möglich macht.  

 

Könnte das ein Hinweis für den Weg auch unserer Kirchen sein? Sich den anderen, den so ganz anderen immer wieder anzuvertrauen und gerade durch sie zu werden, die sie ist? Trägerin der Gottessehnsucht und zugleich Brunnen der lebendigen Quelle?

In diesem Einander-Erkennen als Gottesquelle , die wir füreinander sind, liegt der Weg zum Frieden. Wir sind viele und wir sind unterschiedlich. Und uns allen ist der Durst Gottes geschenkt, der in der Quelle des Anderen gestillt wird sich selbst den anderen zu trinken gibt.

 

Möge die Kraft dieser Sehnsucht in unseren Herzen leben. Möge sie uns zu den anderen führen und uns einander zutiefst erkennen lassen – Du bist der oder die, die ich bin, Durst und Quelle des lebendigen Gottes.

 

Amen. Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, er bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus unserem Herrn. Amen.