Predigt zur Konfirmation am 30. März 2008 in Würzburg St. Stephan

zu Mt. 14,22-33 von Pfarrer Jürgen Dolling

 

Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden,

in meinem bisherigen Pfarrersleben hatte ich zwar oft mehr Konfirmandinnen und Konfirmanden, aber selten waren die Bindungen an die Kirche und an den Glauben so intensiv wie bei Euch. Ihr seid schon wirklich etwas besonderes!

Ihr fragt schon mal, warum es eigentlich am Karfreitag Abendmahl gibt und wer überhaupt zum Abendmahl kommen darf, wie man eine andere christliche Glaubensrichtung beurteilen soll und wie unser Verhältnis zum Buddhismus ist. Ich weiß auch noch, wie Ihr im vergangenen Jahr am 6. Januar den Gottesdienst mitgestaltet und Eine-Welt-Artikel auf der Empore verkauft habt. Und ob es das Singen in der Cappella ist oder die Mitarbeit beim Kinderkirchenvormittag oder der Mädchenkreis oder der CVJM oder das Gemeindegrußaustragen oder die letzten eineinhalb Jahre als Konfirmanden – Ihr seid einfach oft da. Und Eure übervollen Gottesdienstkarten sollte man eigentlich einrahmen. Ja, es gibt viele Gründe, Euch zu loben, und es ist schön, heute mit Euch Konfirmation zu feiern!

Was paßt nun aus der Bibel zu soviel versammeltem kirchlichem Engagement und Sachverstand?

Ich dachte spontan an den Apostel Petrus. Ein Fischer aus einfachen Verhältnissen, der sich von Jesus begeistern ließ und zum engsten Jüngerkreis gehörte. Aber auch einer, der Grenzen erlebt hat und sogar Jesus verleugnete. Ein sehr menschlicher Petrus, den Gott trotz allem in seinen Dienst genommen und zu einem seiner Apostel gemacht hat.

Eine Erfahrung der ganz besonderen Art war sicher die, die wie gerade aus dem Neuen Testament gehört haben: Jesus und der sinkende Petrus auf dem See. Eine Wundergeschichte. Das reizt zum Nachfragen: Wie war das denn damals wirklich? Das gibt’s doch gar nicht, daß man auf dem Wasser läuft!

Ich gestehe, daß ich Euch diese Frage nicht beantworten kann. Denn es gibt keine wissenschaftlichen Erklärungen dafür. Über manche Dinge in einer Wundergeschichten kann man sich nur wundern. Manche haben auch etwas Humorvolles daraus gemacht wie diesen schöne Witz, wo ein Angler am Ufer sitzt, seine Rute ins Wasser hält und zu Jesus sagt: „Es ist mir egal, wer Dein Vater ist, solange ich hier angle, läufst Du mir nicht übers Wasser!“ – oder dieser Witz, der fast noch schöner ist: Jesus, Petrus und Johannes sitzen zusammen im Boot und angeln. Da meint Jesus plötzlich: „Ich hol uns schnell noch ein paar Bier!“, steigt aus, geht über das Wasser an Land und kommt mit einem Sechserpack zurück. Eine halbe Stunde später sagt Petrus: „Ich habe Hunger. Ich hol uns ein paar belegte Brötchen!“, und er steigt aus, läuft über das Wasser und bringt etwas zu essen. Wieder eine halbe Stunde später sagt Johannes: „Jetzt bin wohl ich an der Reihe, unsere Zigaretten sind alle!“ (damals gab es im Gegensatz zu heute noch Raucher), und er steigt aus, geht aber sofort unter. Da meint Petrus zu Jesus: „Eigentlich hätten wir ihm auch sagen können, wo die Steine liegen!“ An dieser Stelle ist der normale Witz zuende, aber es gibt noch eine verschärfte Fassung, in der Jesus dem Petrus antwortet: „Welche Steine denn?“

Aber ich will Euch nicht nur Witze erzählen, auch wenn der Glaube einen froh machen soll und ich mich über fröhliche Konfirmanden freue.

Erst wenn wir diese Geschichte als Glaubenserfahrung hören, wenn sie uns selber mit Gott in Verbindung bringt, erst dann wird sie zu einem echten Evangelium, zu einer guten Botschaft, die uns vor Augen führt, was es bedeutet, sich bei der Konfirmation zu Jesus Christus zu bekennen und gestärkt zu werden mit seinem Segen.

Stellen wir’s uns doch noch einmal vor, unabhängig von den wissenschaftlichen Fragen und den humorvollen Erkenntnissen!

Es war Nacht. Petrus saß mit den anderen Jüngern im Boot, weit weg vom Land und weit weg von Jesus, der zurückgeblieben war, um allein auf einem Berg zu beten. Da kam Wind auf und die Wellen schlugen gegen das Boot. Und plötzlich kam Jesus auf das Boot zu. Er ging auf dem Wasser. „Ja, bin ich denn verrückt geworden? Das kann doch nicht wahr sein!“ – diesen Gedanken hatten die Jünger damals wahrscheinlich genauso wie wir heute. Aber dann beginnt Jesus zu reden: „Seid getrost, ich bin’s, fürchtet euch nicht!“, sagt er. Und Petrus, vielleicht ein bisschen neugierig und neidisch auf diese wunderbaren Kräfte, will die Sache testen: „Wenn du es wirklich bist, Jesus, dann sag doch, daß ich zu Dir kommen soll!“ Und das macht Jesus auch: „Komm her!“ sagt er. Da steigt Petrus aus dem Boot und läuft auf Jesus zu. Und er hätte es fast geschafft, wenn er jetzt nicht wieder schwach geworden wäre, wenn er nicht plötzlich den Wind und die Wellen und die Gefahr bemerkt hätte, in der er sich befand. Und Petrus beginnt zu sinken.

In jedem Spielfilm wäre so eine Szene ausgereizt worden. Der Überlebens-kampf, die Tragik, und dann noch vielleicht eine Liebesgeschichte wie beim Untergang der Titanic – das wäre doch einmal spannende Unterhaltung!

In der Bibel aber geschieht nichts bloß zur Unterhaltung. Sondern Petrus ruft in seiner Not um Hilfe. Schlicht und einfach: „Herr, hilf mir!“ Und genauso einfach streckt Jesus seine Hand aus, packt ihn, zieht ihn aus dem Wasser und sagt mit leicht vorwurfsvoller Stimme: „O du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt?“

Ich finde: Eine wunderbare Wundergeschichte. Man kann sich darin wiederfinden wie in einem Spiegel.

Ihr habt mit anderen Menschen ein Stück Eures Lebens verbracht – so ungefähr 14 Jahre. Eure Eltern wissen noch, wie es am Anfang war, die Geburt, der Kindergarten, der erste Schultag. Solche Erinnerungen werden an einem Tag wie heute wieder lebendig. Ihr habt inzwischen eigene Erfahrungen gemacht, mit Freundschaften, die entstanden sind aber vielleicht auch wieder aufgehört haben. An andere Menschen habt Ihr Euch ganz einfach gewöhnt. Man kennt sich, hat Vertrauen zueinander. So wie die Jünger damals gemeinsam in das Boot gestiegen sind um über den See zu fahren. Mancher von Euch weiß aber auch, wie es ist, wenn es Nacht wird, wenn man nicht sieht, wohin die Reise geht, wenn Dinge einem Angst machen, wenn es Probleme in der Familie gibt oder Streß in der Schule. Bei manchen Veränderungen im Leben fragt man sich: Wer bin ich eigentlich? Was soll ich machen, was soll ich werden? Unsicherheiten können einen da ganz schön hin und herwerfen – so wie der Wind und die Wellen das kleine Boot auf dem See.

In dieser Situation hörte Petrus eine vertraute Stimme, und er hörte auf sie. „Komm her!“ sagt Jesus zu ihm. Nicht als Befehl, sondern als Einladung. Damit hat Jesus den Petrus gestärkt, „konfirmiert“ könnte man fast sagen, den „Konfirmation“ bedeutet ja auch „Stärkung, Bekräftigung“.

Heute will Gott Euch auch Mut machen für Eure Konfirmation:

„Komm her!“, komm zu Gott mit Deinem Glauben, auch wenn er Dir vielleicht momentan gar nicht so stark vorkommt, wenn Du Fragen und Zweifel hast. Komm trotzdem! Komm mit Deinem Gebet, laß Dich von Gott liebevoll anrühren, laß Dich von seinem gutem Geist leiten –„Komm her!“.

Und dann muß man eigentlich nur losgehen. Einfach losgehen, auch wenn man nicht weiß, wie und wohin. Einfach leben, weiterleben, weiter glauben. Und dann werdet merken, daß es geht. Es gibt mit Gott immer einen Weg. Vielleicht nicht den, den man sich gewünscht hat – Garantien gibt es nämlich keine auf diesem Weg des Glaubens, und es kann sein, daß Ihr auch wieder schwierige Zeiten durchleben müßt.

Petrus bekam Angst, als er den Sturm und die Wellen sah, und er begann zu sinken.

Ihr kennt selber zum Teil solche Erfahrungen, Krankheiten, die das Leben bedrohen, die Angst um das Leben eines anderen Menschen oder um einen selber. Den christlichen Glauben gibt es schließlich nicht ohne das Kreuz, der letzten Grenze dieses Lebens.

Aber darin sollt Ihr nicht versinken. Es sind auch nur drei Worte, die Petrus ruft, und die ein ganzes Gebet sind: „Herr, hilf mir!“ Wer so wie Petrus anfängt zu beten, der hat seine Hand ausgestreckt Gott entgegen. Und ich bin sicher, daß Gott dann Eure Hand ergreift und Euch aus dem Wasser zieht. Wir nennen das mit den Worten unseres Glaubens Rettung, Erlösung oder Gottes Heil. Das ist mit Jesus Christus ist zur Welt gekommen, überall hin, auch ans Kreuz. Ein Gott, der uns Menschen zu allen Zeiten liebevoll nahe sein will – mit diesem heilvollen, liebenden und lebensschaffenden Gott könnt und sollt Ihr leben!

 

Laßt Euch einfach auf ihn ein, vielleicht auch neugierig oder sogar ein kleines bißchen frech so wie Petrus. Dann werden Ihr auch erfahren, daß Gott Euch nie fallen läßt.

Nehmt diese Erfahrung aus Eurem Konfirmationsgottesdienst mit. Seit genauso offen und neugierig wie Petrus. Lebt Euren Glauben ganz bewußt in der Gemeinde Jesu Christi, hier in St. Stephan und auch anderswo auf dieser Welt. Erinnert Euch immer daran, daß Ihr getauft seid und daß Gott Euch heute gestärkt hat mit seinem Segen – dann wißt Ihr, wofür es sich zu leben lohnt.

Gott behüte Euch! Amen.