Predigt zur Eröffnung des Kunstprojektes „Hier und dort“ mit Thomas Werk,

11.10.09 in Würzburg St. Stephan von Dekan Dr. Günter Breitenbach

 

Liebe Gemeinde,

 

„Hier und dort“ – so lautet der Titel der Kunstausstellung, die von heute an bis zum Buß- und Bettag hier in St. Stephan und drüben in St. Johannis zu sehen sein wird: „Hier und dort“. – Nun bezieht sich dieser Titel aber nicht nur auf die Tatsache, dass die Ausstellung zwei Orte hat und wieder einmal wie so oft eine Brücke zwischen den beiden ev. Innenstadtkirchen schlägt.

 

„Hier und dort“ – für den Maler und Bildhauer Thomas Werk ist dies eine inhaltliche Aussage. Seine Bilder und Skulpturen verweisen im Hier auf das Dort – auf die unserem Zugriff entnommene Wirklichkeit, die wir Gott nennen. Sie drücken im Hier aus, was uns Menschen elementar bewegt: Freude, Trauer, Hoffnung, Verzweiflung, und sie verweisen in großer formaler Askese auf das Geheimnis, das uns als eine transzendente Wirklichkeit gegenübersteht. Thomas Werk verkündigt einen Gott, der sich uns in, mit und unter unseren Ausdrucksformen zeichenhaft offenbart.

 

Thomas Werk ist ein christlicher Künstler

Er schöpft seine Inspirationen aus der Bibel, und er gestaltet seine Werke im Gebet. So widmen sich nicht zufällig 4 der ausgestellten Skulpturen dem Gebet. Im Gestalten und im Betrachten treten Hier und Dort in Verbindung – so Gott will. Wo und wann Gott es will und wir dafür offen sind.

 

Thomas Werk lebt in Berlin, einer Stadt, die überflutet ist von Bildern. Vielleicht kommt es von daher, dass er so elementare, einfache Zeichen sucht. Er illustriert nicht, er reduziert und konzentriert. Im Geflirre der Vorstellungen und Impressionen geht er auf das zurück, was am Ende wesentlich ist. Ohne Beiwerk, ohne Schnickschnack, ohne Show. Vielleicht spiegelt sich auch in der elementaren Einfachheit seiner Zeichen der Respekt vor dem Geheimnis Gottes, das sich allen Vorstellungen und Bildern entzieht. Dass Werk´s Arbeiten in Berliner Kirchen bis hin zum Büro des Ratsvorsitzenden der EKD, Bischof Wolfgang Huber, geschätzt sind, nimmt nicht Wunder.

 

Nun sehen wir sie hier in Würzburg und manche/r wird sich fragen: Wie kommen sie von dort nach hier? Dies hat zu tun mit einer Würzburger Kunsthistorikerin, die für einen kirchlichen Kunstdienst im Internet regelmäßig christliche Kunstwerke interpretiert, Frau Dr. Irmtraud Kulzer. Sie wird uns nachher eine Werkeinführung geben. Ihr sind die Arbeiten des Künstlers so wertvoll geworden, dass von dort nach hier und über die Generationen hinweg eine enge Freundschaft entstand und dem Berliner Künstler und seiner Familie im Würzburger Steinbachtal ein Refugium zuteil wurde. So also kamen diese Werke von dort nach hier. Und da war der Weg nach St. Stephan nicht mehr weit.

 

Für den Künstler selbst freilich ist Würzburg und St. Stephan ein Dort, ein fremder Ort, und es war durchaus ein spannender und auch spannungsvoller Vorgang, bis sie in diesem Gotteshaus mit all seinen Gegebenheiten ihren stimmigen Platz fanden.

 

Für Sie als Gemeinde gibt es nun noch einmal ein Hier und Dort. Hier die Kunstwerke und dort Sie mit Ihren Wahrnehmungsmöglichkeiten, Assoziationen und Ästhetiken. Was werden Sie sehen, wahrnehmen in diesen fremden ungewöhnlichen Zeichen? Werden sie Ihnen gar im Hier ein Hinweis auf jene dortige Wirklichkeit werden, die wir nicht fassen, sondern nur bezeugen und anbeten können?

 

Aber genug der Vorrede.
Lassen sie mich meine Betrachtung mit einer biblischen Erinnerung fortsetzen.

 

Sie bezieht sich auf das Wort „hier“.

 

„Herr, hier bin ich“, so sagt im AT der Sohn, wenn sein Vater ihn ruft und der Bürger, wenn sein König nach ihm verlangt, das sagt der glaubende Mensch, wenn Gott in sein Leben tritt und ihn anredet.

„Hier bin ich.“

Das ist bei Abraham so, bei Jakob, bei Mose, beim Propheten Samuel, bei König David, bei Jesaja und im NT beim Christen Ananias, der Paulus in die Gemeinde zu Damaskus führen soll.

Unvermittelt tritt Gott dem Menschen in den Weg und redet ihn an. Und der Mensch, so er bereit ist, antwortet: „Hier bin ich“. Dann folgt eine Offenbarung oder eine Sendung.

Und wenn der Mensch in die Irre geht, tritt ihm Gott ebenfalls in den Weg und fragt:

„Was machst du hier?“, wie beim Propheten Elia.

 

Wenn der Mensch eine solche Offenbarung erfährt, bekennt er voll Staunen, wie Jakob, als der die Himmelsleiter sah:

Hier ist die Pforte des Himmels, hier, wo ich mein Haupt zur Ruhe gelegt habe, hier, wo ich auf der Flucht umherirre – hier ist Gottes Haus!

Und Gott der Herr antwortet: Hier will ich wohnen.

 

Im Begegnungsraum hängt zu dieser Thematik ein mich sehr berührendes Bild, das die kontemplative Betrachtung lohnt.

 

So ist also das Hier der Ort des Menschen, an dem er sich in seiner Lebensgeschichte befindet. Und es ist der Ort, an dem Gott ihm begegnet und Wohnung nimmt. Der große, ferne Gott bleibt nicht dort in der Transzendenz, er nimmt Wohnung in meinem Hier.

 

Im NT findet sich seine deutlichste Gestalt in der Menschwerdung Christi: Hier ist Immanuel. Bis es dann an Ostern heißt: Er ist nicht hier, er ist auferstanden.

 

Liebe Gemeinde,

ich verstehe die Arbeiten von Thomas Werk als Ankündigungen dieses Hier seins Gottes. Da ist ein Mensch, der antwortet: Hier bin ich. Und dann greift er zum Pinsel, hörend und vollzieht mit seinen Mitteln nach, was sein Gott ihm zeigt.

So wird er zum Zeugen des Hier seins Gottes in der Zeit.

 

Über das Wörtchen „dort“, liebe Gemeinde, finden wir weniger Genaues in der Bibel. Denn für die Bibel ist Gott nicht dort, er ist hier.
Aber unser Gesangbuch gibt uns Anregungen, diesem Dort dennoch nachzuspüren.

 

Zunächst wird auch im Gesangbuch mit dem Dort die Menschwerdung bezeugt. Das Dort ist nicht der Himmel, sondern die Erde, in die sich Gottes Sohn wie in die Fremde begibt:

„ Er liegt dort elend, nackt und bloß in einem Krippelein“.

„ was wir dort finden, lasset uns künden.“

Dort ist aber auch Golgatha:

„so vergoß der dort sein Blut.“

 

Umgekehrt ist aber für viele Gesangbuchdichter das Dort auch der Himmel, die Ewigkeit.

Am spannendsten sind für uns dabei die Lieder, die Hier und Dort in Verbindung bringen.

„hier zeitlich und dort ewiglich“ 72,6

„das wir dich preisen hier und dort“ 159,3

„und uns seiner Gnad erhalten fort und fort
  und uns aus aller Not erlösen hier und dort.“ 321, 2

„Ach bleib mit deinem Worte bei uns Erlöser wert
  dass uns          hier und dorte sei Güt und Heil beschert.“

„Und endlich, was das meiste, füll uns mit deinem Geiste
  der uns hier herrlich ziere und dort zum Himmel führe.“ 58,14

 

Alle diese Lieder schlagen die Brücke von hier nach dort, von der Zeit in die Ewigkeit.

Was wir bereits hier im Glauben erfahren, wird dort zur Vollendung gelangen.

 

Damit sind wir wieder bei unserem Künstler. Was hier nur im Zeichen, in keuscher Andeutung ausgedrückt werden kann, wird zur Vollendung kommen, wenn wir dort Gott schauen.

So, wie der Apostel Paulus es ausdrückt:

„Wie sehen jetzt durch einen Spiegel in einem dunklen Wort,

dann aber von Angesicht zu Angesicht.
Jetzt erkenne ich stückweise, wie ich erkannt bin.“  1. Kor. 13,12

 

Nein, Thomas Werk erhebt nicht den Anspruch, die Dinge des Himmels irdisch zu bebildern. Nur zu leicht verfingen wir uns sonst in Vermenschlichungen und Mystifizierungen des göttlichen Geheimnisses, blieben befangen in unseren Bildern, vergäßen, dass Gott immer der ganz Andere ist. Demgegenüber geht Thomas Werk in seiner Kunst den Weg der Reduktion, der meditativen Vertiefung, die das innere Schauen unterstützt, nicht verbaut. Gefallen, oberflächlich schön sein wollen seine Werke nicht. Sie verweisen vielmehr auf die Schönheit, die im inneren Schauen Gottes entsteht.

Sie deuten an, sie weisen hin, sie bezeugen ein Geheimnis, das da ist, aber sich dem bemächtigenden Zugriff entzieht.

 

Dies mag uns deutlich werden, wenn wir nun beispielhaft auf eines der ausgestellten Werke schauen:
Ich wähle dafür das Christusbildnis, von dem der Künstler wollte, dass es neben der Kanzel hängt.

 

Wir alle kennen viele Christusdarstellungen, auch in dieser Kirche.

Oft wissen sie sehr genau, wie Jesus Christus zu sehen ist und wie er auszusehen hat, zeichnen ihn nach den Vorstellungen ihrer Zeit. Dieses Bild deutet nur an, legt nicht fest, lädt ein zum Schauen, aber vereinnahmt nicht. Nur schemenhaft hingehaucht ist eine menschliche Gestalt zu erkennen.

Aufrecht und in Bewegung.

Man fühlt sich an Werke asiatischer Kalligraphie erinnert.

 

Zwei Farben herrschen vor, die Grundfarben für Thomas Werk:

Ein tiefes Schwarz und ein dunkles Weinrot.

Wir finden sie auch auf anderen Bildern dieser Ausstellung, etwa bei der Dreieinigkeit hinten in der Mitte der Empore, oder bei der filigranen Himmelsleiter im Begegnungsraum, vor der zu verweilen sich sehr lohnt. Mag sein, die zwei Farben deuten das Hier und Dort, das Menschsein und die Gotteinheit Jesu. Mag sein, sie zeugen von der Spannung seines Weges zwischen Gottvertrauen und Kreuz. Wie dem auch sei – miteinander bestimmen sie seine Gestalt und lassen ihr zugleich ihr Geheimnis.

 

Nur einen festen klaren Punkt gibt es, den Kreis, das Zeichen der Gottesgegenwart und der göttlichen Vollkommenheit, wie es in der Tradition den Häuptern der gottverbundenen Menschen hinzugefügt wurde. Hier hat alles seine Mitte und seinen Halt.

 

Was mich besonders beschäftigt, ist die unglaubliche Bewegtheit, von der die Christusfigur erfasst ist. Sie scheint zu tanzen, sich um sich selbst zu drehend. Ich muss an den Jubelruf Jesu denken:

„Ich preise dich Vater, dass du dieses den Klugen verborgen und den Unmündigen offenbart hast. Ja, Vater so ist es dein Wille gewesen.“

Und an Ostern muss ich denken. Wie sollte der, der aus dem Grabe kommt, nicht Gott mit ganzem Körper lobsingen müssen! So kommt in die ganze Figur eine Bewegung nach oben, mit Leib und Seele wird sie ein lebender Lobgesang.

 

Ich habe viele Christusdarstellungen gesehen, so eine lebendige, bewegte, geheimnisvolle, im Hier dem Dort der jenseitigen Welt entgegentanzende noch nie.

 

Liebe Gemeinde,

 

hier und dort – in den Arbeiten von Thomas Werk finden sie zusammen. In ihrer so ganz eigenen, unverwechselbaren Art sind sie Zeugnisse der Gegenwart Gottes im Hier. Und sie verweisen über sich selbst hinaus nach dort.

 

Uns in St. Stephan und die Gemeinde in St. Johannis werden sie uns einige Wochen begleiten. Mögen sie möglichst viele Menschen so berühren, dass sie sagen: „Herr, hier bin ich.“

 

Amen