Predigt zu Luk. 15, 1-3.11b-32 am 28.6.2009 (Jubiläum 95 Jahre Blaues Kreuz) in Würzburg St.Stephan

von Pfarrer Jürgen Dolling

 

Liebe Gemeinde,

diesen Abschnitt aus dem Lukasevangelium, den uns Herr Aschrich gerade vorgelesen hat, nennt man traditionell das „Gleichnis vom verlorenen Sohn“. Dieser Titel ist aber verkehrt. Jesus erzählt nämlich von zwei Söhnen und wie beide in gewisser Weise „verloren“ gehen. Der Verlust aber ist nur eine Durchgangsstation. Und die eigentlich richtige Überschrift müßte heißen: „Vom barmherzigen Vater“, oder noch besser: „vom wiedergefundenen Vater“. Das ist das Ziel dieses Evangeliums. Das ist der Gott, der auch die Gruppenstunden und Beratungen des Blauen Kreuzes begleitet. Dieser Gott ist einem ganz nah, wenn es darum geht, Wege aus der Sucht zu finden, und wenn man seine ganze Kraft aufbringen muß gegen den Drang, der jeden alkoholkranken Menschen ein Leben verfolgt. Dieser Gott begegnet aber auch jeder und jedem von uns, wenn wir ihn suchen. Denn auch wir kennen solche Lebenserfahrungen: Die Sehnsucht nach Freiheit, den Rausch scheinbar selbstbestimmten Lebens, plötzliche Zwänge und zerstörte Lebensziele, manchmal auch einen unerwarteten Neuanfang oder den Neid über das Glück anderer.

Damit hält Jesus uns allen einen Spiegel vor! Und er nimmt uns in diese Lebensgeschichte hinein, er führt uns hin zu diesem erstaunlichen Vater, der mit ausgebreiteten Armen auf uns zuläuft, uns aufnimmt und ein Fest veranstaltet, ganz allein für jede und jeden von uns. Was gäbe es schöneres, als heute diese Freude zu feiern und sich beschenken zu lassen mit seiner Kraft und Liebe? Was gäbe es sinnvolleres, als heute neue Hoffnung für’s Leben mitzunehmen von seinem Tisch hier in der Stephanskirche?

Wenn das heute geschieht, dann ist dieses Evangelium vom wiedergefundenen Vater heute nicht nur aktuell, sondern ein ganz persönlicher Zuspruch, ein Erfahrung der Befreiung, eine Berührung und Stärkung durch Gott unsern Herrn. Das ist der entscheidende Punkt!

 

Und darüber hinaus gibt es noch etliche Kleinigkeiten in dieser Erzählung, die dazu einladen, in die Tiefe unserer Seele hinabzusteigen, manche Dinge zu ergründen, und allzumenschliche Gefühle und Verhaltensweisen besser zu verstehen:

 

„Ein Mensch hatte zwei Söhne. Und der jüngere von ihnen sprach zu dem Vater: Gib mir, Vater, das Erbteil, das mir zusteht. Und er teilte Hab und Gut unter sie. Und nicht lange danach sammelte der jüngere Sohn alles zusammen und zog in ein fernes Land.“

Wie einfach scheint das alles gegangen zu sein! Aber ich glaube, hinter diesen wenigen Sätzen stehen viele Gefühle, manche Schwierigkeiten und eine Schwelle, die man überwinden muß, sowohl als Sohn als auch als Vater. Und danach kommt ein ganz neuer Lebensabschnitt. Das ist ganz und gar nicht einfach. Das Loslassen kostet Kraft und Tränen. Aber Kinder müssen selbständig werden, ihr eigenes Leben leben, ihre eigenen Vorstellungen und Träume verwirklichen, einen eigenen Lebensraum aufbauen. Und das läßt dieser Vater zu, er läßt seinen Sohn gehen. Sicher nicht ohne Sorge, sicher nicht ohne Traurigkeit im Herzen. Denn da geht ein ganzer Lebensabschnitt zuende, die Familiensituation verändert sich.

Aber auch das, was der Sohn tut, ist richtig und notwendig. Leben heißt weitergehen, neue Erfahrungen machen, Beziehungen knüpfen, eine Welt für sich entdecken. Wir alle sind solche Wege gegangen! Vielleicht nicht gleich in ferne Länder. Aber doch in eine eigene Existenz, selbstverantwortlich und selbständig.

Und dann macht dieser junge Mann seine eigenen Erfahrungen. Nicht unbedingt die schönsten. Aber kann man ihm das wirklich verübeln? „Er brachte sein Erbteil durch mit Prassen.“ – das klingt sehr negativ. Aber eigentlich war’s doch seins! Und er hat sich nur die Freiheit genommen, es zu verschleudern in einer wilden, kurzen Episode seines Lebens, mit falschen, kostspieligen Freunden und einem Feuerwerk an Freuden. Aber alles hat ein Ende. Auch der Reichtum. Auch das süße Leben. Eine Grenzerfahrung! Aber auch eine gute Lebenserfahrung, wenn man an diesem Punkt begreift, daß Lebensfreude eben nicht heißt, sich zu verausgaben, sondern daß man sich seines Reichtums bewußt wird, und daß man es lernt, aus diesem Reichtum Gewinn zu ziehen, mehr zu machen, Sinn zu erleben anstatt alles sinnlos zu verschleudern.

 

Ich frage mich, was denn gewesen wäre, wenn der Sohn irgendwo in der Fremde tatsächlich sein Glück gemacht hätte – ob er dann wohl zurückgekommen wäre, um nach seinem alten Vater und nach seinem Bruder zu sehen?

Im Alten Testament gibt es ja so eine Geschichte. Die von Josef, den seine Brüder in die Sklaverei verkaufen, und der dann Karriere macht in einem fremden Land, in Ägypten. Als die Hungersnot da ist, als seine Brüder kommen, um von seinen Kornspeichern zu kaufen, da vergilt er es ihnen nicht, sondern er bringt sie mit List dazu, daß alle seine Brüder und sogar sein Vater Jakob nach Ägypten kommen, wo sie von ihm versorgt werden können und wo er sie alle wieder in die Arme schließen kann. Auch das ist eine Geschichte vom wiedergefundenen Vater. Und da hat es der Sohn klüger angestellt als hier im Lukasevangelium.

Aber dafür muß der junge Mann auch die Konsequenzen tragen, als er feststellt, daß das Erbe aufgebraucht und sein Geldbeutel leer ist. Da hat er auch plötzlich keine Freunde mehr, und ihm bleibt nichts anderes übrig, als sich an einen reichen Mann zu hängen, die niedrigsten Arbeiten zu tun, Schweine zu hüten, und nicht einmal vom Schweinefraß darf er sich sättigen.

Was für ein Leben. Was für ein Dahin-Vegetieren! Keine Entscheidungsfreiheit, sondern Abhängigkeit, Frust und Arbeit.

Auch das läßt sich auf unser Leben übertragen.

Ich habe vergangene Woche meine Jugendlichen in der Schule – meistens sind sie um die 17 oder 18 Jahre alt - gefragt, was sie für Erfahrungen haben mit Feiern und Alkohol. Der eine war schon mit einer Alkoholvergiftung im Krankenhaus gewesen. Eine andere erzählt von Partys, wo sie sich nicht mehr unter Kontrolle hatte, weder den Magen noch die Beine noch den Verstand, aber es schien ihr gar nicht soviel auszumachen. Das ist eben so, wenn man zuviel trinkt, sagt sie. Sicher, nur ein Teil der Jugendlichen denkt so und ist davon betroffen. Es gibt genauso auch viele ältere Menschen, die sich mehr oder weniger versteckt mit Alkohol betäuben. Was soll man denen sagen? Wie soll man ihnen begegnen?

Friedrich von Bodelschwingh, der Gründer der Betheler Anstalten, hatte auch mit Suchtkranken zu tun. Er wußte, daß es nicht ohne den Willen und die lebenslange Abstinenz gehen kann. Er hat es wohl auch immer wieder erlebt, dieses Wechselbad zwischen dem festen Willen und dann doch wieder einem Rückfall in die alten Gewohnheiten. Familienangehörige leiden oft darunter. Da muß man Grenzen setzen, auch wenn es schmerzhaft ist, und man muß die eigene Ohnmacht aushalten. Und trotzdem kann man etwas dagegen tun. Manche schaffen es, darüber zu reden, in einem Beratungsgespräch oder in einer Selbsthilfegruppe. Manche können es annehmen, daß es eine Krankheit ist und kein Makel, den man am liebsten unter den Teppich kehrt. So ehrlich dem Problem zu begegnen, das kostet Überwindung. Und es braucht ein Umfeld, eine Gesellschaft, in der man sich das trauen kann. Dieses Umfeld wollte auch Pfarrer Bodelschwingh verändern, als er im 19ten Jahrhundert sagte:

 

“Wenn du einem geretteten Trinker begegnest, dann begegnest du einem Helden. Es lauert in ihm der Todfeind. Er bleibt behaftet mit seiner Schwäche und setzt seinen Weg fort, durch eine Welt der Trinkunsitten. In einer Umgebung, die ihn nicht versteht, in einer Gesellschaft, die sich berechtigt hält, in jämmerlicher Unwissenheit auf ihn herabsehen, als auf einen Menschen zweiter Klasse, weil er es wagt gegen den Alkoholstrom zu schwimmen. Du solltest wissen: Er ist ein Mensch erster Klasse!”

 

Machen wir uns klar, was das bedeutet:

Es zwingt uns dazu, Vorurteile und Berührungsängste abzubauen. Aber das wäre nur gut. Warum soll man nicht über die Probleme reden, die dadurch entstehen, daß jemand zuhause eine ganze Batterie Wodkaflaschen im Schrank stehen hat? Davon dürfen wir uns nicht abwenden. Und wir müssen auch darüber nachdenken, was wir selber gegen die Sucht tun können. Singen zum Beispiel. Wie der Singkreis hier im Gottesdienst gerade. Oder: Schwester Rosemarie hat mir erzählt, daß der Rothenburger Kantor Ulrich Knörr, der heute abend hier in St.Stephan ein Emporenkonzert spielt, die Aktion „Singen gegen die Sucht“ ins Leben gerufen hat. Das bringt Spenden für Hilfsdienste – gut und wichtig. Aber – was vielleicht noch wichtiger ist – es bringt auch das Thema wieder ins Bewußtsein. Ein Thema, mit dem wir uns immer wieder schwer tun. Lange hat man in unserer Kirche darum gekämpft, daß beim Abendmahl auch Traubensaft angeboten wird – eben weil man die Augen nicht vor dem Alkoholproblem verschließen kann.

Und dann stellt sich auch die Frage, wie wir selber damit umgehen, wenn miteinander gefeiert wird, auf einem der vielen Weinfeste, bei Jubiläen oder anderen Gelegenheiten. Sind wir da sensibel genug? Sind wir ein gutes Vorbild? Und wichtig ist auch, daß es keinen Alkoholverkauf an Jugendliche mehr geben darf – daß jugendliche Testkäufer in dieser Woche in Würzburg – so stand es in der Zeitung - in allen Fällen anstandslos Alkohol kaufen konnten, das sollte nicht nur zu denken geben sondern zum Handeln zwingen. Und ich denke auch, daß die Freiheit der Werbung und die Freiheit, Profit zu machen, Grenzen hat, und daß  man deutlich sagen muß, welche Gefahren Alkoholmißbrauch haben kann.

Und dann steht am Ende unseres Evangeliumstextes dieser Abschnitt vom neidischen älteren Sohn. Auch Neid kann jemanden prägen, das Miteinander zerstören, die Seele vergiften. Womit hat der andere das eigentlich verdient, daß man extra für ihn ein Fest feiert und ein gemästetes Kalb schlachtet? Für mich hast du das nie getan, wirft er dem Vater vor voller Zorn. Und hingehen zu diesem Fest, das will schon gar nicht.

Aber der Vater will auch seinen älteren Sohn nicht außen vor lassen. „Mein Sohn, du bist allezeit bei mir und alles, was mein ist, das ist dein.“ – hören wir das auch für uns? Das heißt im übertragenen Sinn: Wer Gott dem Vater nahe ist, der hat schon immer alles, was er zum Leben braucht. Und zwar zu einem guten, getrösteten und glücklichen Leben. Warum soll ich dann neidisch werden, wenn einem anderen geholfen wird? Warum soll ich nicht froh sein, daß es Hilfsangebote gibt für die, die vielleicht aus eigener Dummheit oder durch schwierige Lebensumstände einer Sucht verfallen sind?

Warum soll ich nicht froh darüber sein, daß ich in unserer Gesellschaft auch Menschlichkeit erleben kann und nicht nur Konkurrenz und Kälte? Menschlichkeit, die ich selber fördern kann durch das, was ich sage, denke und tue. Und das gilt für alle Bereiche unseres Lebens. Erinnern wir uns auch daran, daß gestern vor 20 Jahren Ungarn seine Grenzen für DDR-Bürger geöffnet hatte. Einen solchen Dammbruch hatte man so in der Weltgeschichte noch nicht erlebt, mit großen Gefühlen, aber auch mit Neid gegenüber den Fördermitteln, die in die neuen Bundesländer investiert worden sind.

Da merkt man, wie aktuell auch dieser Teil unseres Evangeliums heute ist. Leider erzählt Jesus kein Happy-End. Aber auch das tut er wohl mit Absicht, damit wir diese Geschichte zuende führen. Es liegt an uns, was wir aus der Begegnung mit dem barmherzigen Vater machen, was wir von dem weitergeben, was uns selber geschenkt ist. Vergeben würden wir uns aber nichts, wenn wir’s tun. Sondern wir würden dem Vater folgen, der uns Barmherzigkeit und Menschenliebe vorgelebt hat.

 

Und der Friede Gottes….