Predigt zu Lk. 18, 31-43 am 18.2.07 (Estomihi) in Würzburg St. Stephan

 

Liebe Gemeinde,

ein wenig Spaß muß sein! Die Narren haben nun an diesem Wochenende endgültig die Regentschaft übernommen, nachher zieht sich der Gaudiwurm kilometerlang durch die Würzburger Innenstadt, Helau, Bonbons und bunte Kostüme säumen die Straßen und das Fernsehen überträgt es in alle Welt.

Bei solchen Anlässen werden auch Kirchenvertreter launig, der Landesbischof war sogar neulich bei der Prunksitzung in Veitshöchheim! Zwar war er spärlich kostümiert, aber eine Maske wäre wohl auch ziemlich komisch gewesen. Gut, daß die Kirche das immer wieder tut: zu den Menschen zu gehen, auch dann, wenn sie lustig sind, und nicht nur zur Beerdigung. Und ein wenig mehr Leichtigkeit und Humor können wir sowieso vertragen. Schließlich ist das Evangelium frohe Botschaft, die Freude verbreiten soll!

Und Freude machen, das soll auch jeder Gottesdienst. Aber er ist keine Show, keine Aufführung, keine seichte Unterhaltung. Die Kanzel ist nicht die Bütt, Talar und Narrenkappe passen einfach nicht zusammen! Aber es gibt auch Brücken zwischen Gottesdienst und ausgelassen feiernden Menschen, auch in der Bibel gibt es viel Gaudi – wie das zu verstehen ist, das sage ich Ihnen am Schluß dieser Predigt – und es gibt Verbindungen zwischen den Jecken am Straßenrand und dem Blinden, der tagtäglich an der Straße bei Jericho von den Dingen lebte, die man ihm als Almosen zuwarf.

Mir ist dieser Blinde schon immer sehr nah gewesen. Vor einem halben Jahr erst habe ich ihn an den Anfang meiner Dienstzeit hier in St. Stephan gestellt zusammen mit dem Augenblick, als Jesus ihn so eindringlich fragt: „Was willst Du, daß ich Dir tun soll?“ Eine der Schlüsselfragen des Neuen Testaments! So fragt der dienende und liebende Gott nach uns Menschen, die oft genug begrenzt und belastet leben. So fragt Gott, der uns frei machen will und das auch kann.

In dieser Begebenheit damals in Jericho gibt es aber noch viel mehr zu entdecken. Zum Beispiel die Schreie des Blinden. „Jesus, Du Sohn Davids, erbarme dich meiner!“ schreit er. Er schreit sogar ein zweites Mal, als sie ihm den Mund verbieten wollen. Man mag ja oft das Leid nicht hören! Lieber die Erfolge, die positiven Entwicklungen, den Gewinn verkünden. Die Fehler, die Versäumnisse, die Unfähigkeiten, die menschlichen Grenzen, die kehrt man gerne unter den Tisch. Sie belasten einen doch nur und sie helfen nicht weiter – denkt man.

Aber das ist ein Vorurteil. Nur wer seine Grenzen akzeptiert, kann sie überwinden. Jesus hat uns das in ganz einmaliger Weise vorgelebt. Sein Heil begann mit dem Kreuz, mit dem tiefsten Leid, das jemand überhaupt erleben kann. Und dieses Leid verwandelte Gott in Freude. Auch der Schrei des Blinden damals hat sich verwandelt. Aus dem verzweifelten „erbarme dich meiner“ wird ein Lobpreis Gottes, eine unbändige Freude. Er hat ja auch allen Grund dafür. Geheilt zu werden ist nicht selbstverständlich. Wer hätte gedacht, daß der Blinde noch einmal sein Augenlicht geschenkt bekommt? Niemand konnte darauf hoffen, daß Farben und Fröhlichkeit noch einmal seine Dunkelheit und Depression ersetzen! Aber es geschieht. Und wie dicht wird das alles mit ein paar Sätzen erzählt!: Es wäre wohl jeder ein Narr, der nach einer solchen Erfahrung seiner Freude nicht nachgibt und ein Fest feiert mit dem Lob Gottes auf den Lippen!

Die Frage aber ist, ob ich mich darin wieder finde. Wenn man auch solche Erfahrungen gemacht hat, wenn man gerne lebt und ohne große Belastungen, dann fällt es einem nicht schwer, in dieses Loblied einzustimmen. Aber was ist mit denen, die gerade das Gegenteil erleben und spüren, daß das Alter ihnen das Augenlicht nimmt? Was ist mit denen, die sich lieber hinter einer Maske verstecken als ihrem Leben wahrhaftig ins Gesicht zu schauen? Was ist mit denen, die mehr zu tun haben als ihnen gut tut? Oder mit denen, die einsam und leer ihre Tage verbringen? Von denen stehen sicher auch nachher etliche am Straßenrand. Es lenkt ein wenig ab, man hat doch ab und zu das Gefühl, einmal herauszukommen aus der alten Tretmühle, und wenigstens für ein paar Stunden sind die Probleme ein Stück weit weg.

Bei den Menschen am Straßenrand in Jericho war das ja vielleicht genauso. Vielleicht haben sie deshalb dem schreienden Blinden das Wort verbieten wollen. Nicht schon wieder wollten sie dem Elend begegnen, nicht in einer solchen Stunde, nicht mit Jesus, der das Heil und das Leben verkündigte. Aber dann haben sie es doch zugelassen. Dann haben sie den Behinderten nicht mehr behindert, er durfte so sein wie er war, auch mit seinem Schreien. Das war plötzlich keiner mehr, der auf Almosen und Mitgefühl angewiesen war. Sondern ein Mensch, der herausschrie, welche Wünsche und Sehnsüchte in ihm steckten, und der eben nur so zu sich selbst und zu Gott kommen konnte.

Das sollte uns zu denken geben, gerade, wenn wir gerne schwierige Dinge abwehren und über Probleme weggehen wollen.

Jesus damals hätte ja auch weitergehen können. Aber er bleibt stehen und wartet auf den Menschen, der seine Not bei ihm loswerden will. Und er fragt ihn auch noch nach seinen Wünschen. Das hat wahrscheinlich lange keiner mehr getan. Aber Jesus nimmt ihn darin ganz ernst. Und er ermutigt ihn, daß er zu sich und zu seiner Not stehen kann.

Und das tut Gott noch heute. Er ermutigt uns, daß wir unsere Gefühle zeigen und nach unseren Hoffnungen leben. Gott will uns zu glücklichen Menschen machen, aber nicht zu wunschlos glücklichen Menschen. Wer Wünsche hat, der will noch etwas vom Leben, er will mehr. Mehr von Gottes Zuwendung erfahren, immer wieder Gottes Liebe spüren und mehr Gewissheit haben über das Heil, das er uns zugedacht hat.

Vielleicht haben Sie gemerkt, daß sich gerade etwas verändert hat. Wir haben die Perspektive gewechselt. Wir sind zu den Randfiguren dieser Erzählung gegangen, die im ersten Moment gar nicht so positiv erscheinen. Aber es sind Menschen, die schauen und erleben und dann glauben. Und wenn wir auch zu solchen Menschen werden könnten, dann sind wir keine Randfiguren mehr, sondern dann haben wir Anteil an der Erfahrung, die der Blinde damals gemacht hat.

Und zum Schluß gibt ihm Jesus noch einen ur-evangelischen Satz mit auf den Weg: „Dein Glaube hat dir geholfen.“ Das ist erstaunlich. Viele hätten wahrscheinlich das Wunder auf Gott zurückgeführt. Aber in der Bibel steht eben nicht: „Gott hat dir geholfen.“ Sondern: Dein Glaube hat dir geholfen. Das ist ein feiner Unterschied. Denn es geht um die Verbindung zwischen Gott und uns Menschen, um eine Glaubensbindung an Gott. Sonst wäre Gott ein Willkürgott, der den einen heilt und den anderen eben nicht, der die Menschen wie Spielfiguren auf einem Schachbrett verteilt, wo man selber gar nichts machen kann und Gott einfach ausgeliefert ist.

Nein, der Gott der Bibel ist anders. Er sucht die Verbindung zu uns, er will daß wir glauben und nichts anderes. Und er will, daß dieser Glaube uns verändert. Er macht uns dankbar, wenn sich Dinge zum Guten wenden. Er macht uns stark, wenn es gilt, manches im Leben auszuhalten. Darum muß man immer wieder bitten. Manchmal muß man es auch aus sich herausschreien wie der Blinde: „Gott, erbarme dich meiner!“ Aber das befreit und entlastet die Seele. Und es erfüllt einen mit tiefer Freude, wenn man diese Glaubensverbindung mit Gott immer wieder spürt und leben darf. Darum habe ich vorhin gesagt: Die Bibel kennt auch viel „Gaudi“. Denn dieses lateinische Wort „Gaudi“ bedeutet nichts anderes als „Freude“. Zwar gibt es in der Bibel keinen Gaudiwurm mit Motivwagen und Marschmusik. Aber die Menschen sind begeistert von ihrem Glauben an den lebendigen Gott – daran haben sie ihre Freude!

Und wenn einen diese Freude im Leben immer wieder begleitet – auch und besonders in schlechten Zeiten – dann ist das eines der größten Wunder Gottes.

Und wenn Sie immer noch ein wenig Zweifel haben an der Verbindung zwischen dem Glauben und der Gaudi, dann will ich Ihnen noch zwei Zitate unseres Reformators Martin Luther sagen.

Das eine ist eine schlichte und einfache Erinnerung:

„Es ist dem lieben Gott recht, wenn du einmal aus Herzensgrund die freust oder lachst.“

Und das andere ist einen dringende Aufforderung:

„Wir können an der Freude den Mangel unseres Glaubens erkennen. Denn wie stark wir glauben, so stark müssen wir uns auch notwendig freuen.“

Also, liebe Gemeinde: Freuen wir uns notwendigerweise. Das ist das Zeugnis für einen starken Glauben!

 

Und der Friede Gottes…