Predigt 16. So. n. Trin.
(23.9.2007, im Anschluß an den Gottesdienst mit
Gemeindeversammlung zur anstehenden Kirchenrenovierung) in Würzburg St. Stephan
von Pfr. Jürgen Dolling
Text: Lukas 7, 11-16
Und es begab sich danach, daß
er in eine Stadt mit Namen Nain ging; und seine
Jünger gingen mit ihm und eine große Menge. Als er aber nahe an das Stadttor
kam, siehe, da trug man einen Toten heraus, der der einzige Sohn seiner Mutter
war, und sie war eine Witwe; und eine große Menge aus der Stadt ging mit ihr. Und
als sie der Herr sah, jammerte sie ihn, und er sprach zu ihr: Weine nicht! Und
trat hinzu und berührte den Sarg, und die Träger blieben stehen. Und er sprach:
Jüngling, ich sage dir, steh auf! Und der Tote richtete sich auf und fing an zu
reden, und Jesus gab ihn seiner Mutter.
Und Furcht ergriff sie alle, und sie priesen Gott und sprachen: Es ist ein großer Prophet unter uns
aufgestanden, und: Gott hat sein Volk
besucht.
Liebe Gemeinde,
Ernie Chambers, ein religionskritischer
Abgeordneter des Parlaments im US-Staat Nebraska, hat eine Strafanzeige gegen
Gott gestellt. Gott ist für terroristische Drohungen verantwortlich, verbreitet
Angst und verursacht unter Abermillionen von Erdbewohnern Tod, Zerstörung und
Terror, sagt Chambers, er verursacht Wirbelstürme, Überschwemmungen und
Tornados. Das soll nun jetzt wenigstens mit einer Einstweiligen Verfügung gestoppt
werden. Das Bezirksgericht Douglas, wo er die Klage eingereicht hat, sei dafür
zuständig, weil Gott überall sei.
Kurz darauf ist beim
Bezirksgericht eine Erwiderung eingegangen, die plötzlich auf seinem
Schreibtisch gewesen sei, sagte der Justizangestellte John Friend.
Darin steht: Gott genießt gegenüber der irdischen Gerichtsbarkeit Immunität,
auch ist das Bezirksgericht dafür nicht zuständig. Und wenn man Gott für
Unterdrückung und Leid verantwortlich macht, wird ein wichtiger Gesichtspunkt
missachtet, für den auch der Erzengel Michael Zeuge sei: „Ich habe Mann und
Frau mit freiem Willen geschaffen, und neben dem Versprechen eines
unsterblichen Lebens ist der freie Wille mein größtes Geschenk für euch.“ Unterschrift:
„Gott“.
Ein anderes
Gerichtsverfahren trug sich in Westrumänien zu. Der 40-jährige Mircea Pavel, der wegen Mordes eine 20-jährige Haftstrafe
absitzt, hatte gegen „den Genannten Gott, wohnhaft im Himmel und in Rumänien
vertreten durch die orthodoxe Kirche“ geklagt wegen Betrugs, Vertrauensbruchs
und Korruption. „Während meiner Taufe bin ich einen Vertrag mit dem
Beschuldigten eingegangen, der mich vor dem Bösen bewahren sollte“, erklärte
Pavel in seiner Klageschrift. Doch bislang habe Gott den Vertrag nicht
eingehalten, obwohl er im Gegenzug von ihm „verschiedene Güter und zahlreiche
Gebete“ bekommen habe. Das Gericht wies die Klage ab, weil Gott „keine
juristische Person“ sei und „keine Adresse“ habe.
Beides ist wirklich
passiert!
Hält Gott seine Versprechen
nicht ein? Ist er verantwortlich für Unglück und Terror in unserer Welt?
Die Bibel kennt diese
Fragen. Sie erzählt auch von religiösen Fragen, die man vor Gericht bringt –
zum Beispiel Jesus vor Pilatus! Daran sollte man auch denken, wenn einem solche
Zeitungsberichte erst einmal ziemlich kurios und die Klagen gegen Gott abwegig
erscheinen. Juristisch betrachtet sind sie natürlich absurd – welches Gericht
könnte schon über Gott urteilen? Menschlich betrachtet sind solche Klagen und
Fragen aber durchaus normal. Und die Klage im Gebet ist manchmal sogar lebensnotwendig,
damit man in irgendeiner Form weiterleben kann.
Es ist die Klage wohl auch
jener Frau, von der Lukas im 7ten Kapitel erzählt. Sie wohnt in Nain, einem Ort in Galiläa unweit von Nazareth. Sie ist
schon Witwe, warum ihr Mann so früh starb, wissen wir nicht. Und dann stirbt
auch noch ihr einziger Sohn, die einzige Stütze in der Familie, die ihr
geblieben war. Noch eine Hiobsbotschaft. Ein tiefer Schock. Man findet keine
Worte, die so ein Erleben erklären oder beschreiben könnten. Gut, daß sie wenigstens weinen und klagen kann, als sie hinter
dem Sarg – oder besser gesagt: der Trage – hinterhergeht,
auf der man den Leichnam ihres Sohnes zum Grab trägt. Wie es nun weitergehen
soll? Daran kann sie momentan noch gar nicht denken. Da ist nur der Schmerz,
der unendliche Jammer, daß sie noch einen geliebten
Menschen hergeben muß.
„Weine nicht!“, hört sie auf
einmal eine Stimme sagen. Ein Mann hat sich zu ihr in den Trauerzug eingereiht.
Er wirkt genauso traurig und mitfühlend. Das tut gut. Dann tritt er an den Sarg
und berührt ihn mit seiner Hand. Der ganze Zug blieb unwillkürlich stehen. „Ich
sage dir, steh auf!“, sagt der Mann, den sie Jesus nennen. Da richtet sich der
Tote auf, redet und kehrt zurück zu seiner Mutter und zu einem neugeschenkten Leben.
Unglaubliches wird da
erzählt. Ein Wunder. In der Bibel gibt es noch etliche davon. Kann man das
glauben?
Man darf dieser Frage nicht
einem Mediziner oder einem Biologen vorlegen, genauso wenig wie man einen
juristischen Prozess gegen Gott anstrengen kann. Hier, bei dem Sohn der Witwe
zu Nain würde ein Arzt auch nur sagen können: Ich
weiß nicht, wie das zugegangen sein soll. Denn Beweise gibt es nicht, und es
sprengt auch unsere Vorstellungskraft in einer Welt, in der die Vergänglichkeit
tagtäglich zu erleben ist und wo ein Toter eben normalerweise nicht wieder
lebendig wird.
Versuchen wir also, dieses
Geschehen nicht medizinisch sondern mit den Kategorien des Glaubens zu
begreifen. Das tun übrigens auch alle, die damals diese außergewöhnlichen Dinge
in Nain miterlebt haben. Sie bekommen zunächst einmal
Angst vor dem, was sie nicht kennen und womit sie überhaupt nicht gerechnet
haben. Aber dann loben sie Gott und sagen: „Gott hat uns besucht.“ Und ist
dieser Gedanke heute so abwegig? Wir rechnen viel zuwenig mit Gottes Gegenwart,
obwohl wir sie im Gebet suchen. Wir rechnen viel zuwenig mit seiner Macht, die
alle Grenzen überwinden kann. Und wenn wir auf unseren Friedhöfen einen
Menschen begraben, dann vertrauen wir ihn ja genauso Gott an, damit er ihn auch
im Kreuz bewahrt und neu leben lässt im Licht der Auferstehung. Das sind unsere
Kategorien des Glaubens, auch wenn wir sie weder mit wissenschaftlichen
Beweisen untermauern oder hinreichend mit Worten beschreiben können. Das Leben
bei Gott existiert.
Und Jesus macht der Witwe zu
Nain diese Erfahrung schon in der irdischen Zeit
zugänglich. Warum? Sie jammerte ihn, steht da bei Lukas. Gott lässt sich
anrühren vom Jammer der Menschen. Welch ein menschenfreundlicher, sensibler und
liebender Gott! Und Jesus verkörpert ihn. Nur er verkörpert ihn. Nur er kann
einem Toten so befehlen, wie es da steht. Jeder andere könnte höchstens zu Gott
beten und um seine Gnade für einen Toten bitten. Das ist der Unterschied zu
Jesus Christus.
Und dann fragt man sich aber
auch: Warum tut Gott das nicht öfter? Warum sterben Menschen, und etliche auch
immer wieder viel zu früh, manchmal ohne überhaupt richtig gelebt zu haben?
Da könnte man auch auf den
Gedanken kommen, Gott zu verklagen, weil der doch ein liebender Gott ist und
weil soviel Leid unter uns geschieht und er so wenig dagegen tut.
Aber das ist zu kurz gedacht
und zu kurz geglaubt. Natürlich müssen wir immer wieder klagen und auch
manchmal fragen, ob das denn gerecht ist, was geschieht. Aber auf der anderen
Seite ist jeder Augenblick dieses Lebens hier auf Erden ein Geschenk, eine
Gnade. Man kann ihn nur erleben. Und wenn man an die Grenzen dieses Lebens
kommt, kann man es nur in Gottes Hand legen und darauf vertrauen, daß er schon den rechten Weg weiter weiß. Schmerz und
Grenzen sind auch nur ein Teil meines Lebens. Gott hat noch mehr mit mir vor.
Er führt mich über die Bedingungen dieser Welt hinaus. Er macht mich frei von
Tränen, Schmerz und Sterblichkeit. Er braucht dazu keinen Körper, keinen Raum,
keine Zeit. Er braucht nur mich von Angesicht zu Angesicht. Und ich brauche
ihn, weiter nichts. Und für diese Verbindung steht die Taufe. Sie ist keine Garantie,
kein Vertragsverhältnis, das man einklagen kann. Sondern sie ist gelebtes
gegenseitiges Vertrauen, vollzogen mit Wasser und den liebevollen Worten
Gottes, die Grundlage unseres Lebens und Glaubens.
Warum sollten wir dann nicht
für uns selber daran festhalten, daß einst Gott auch
neben uns steht und sagt: Weine nicht! Und: steh auf!
Das will ich für mich
mitnehmen aus dieser Begebenheit damals in Nain. Das
will ich glauben. Es gibt mir Kraft, manchen Jammer dieser Welt zu ertragen und
trotzdem weiterzuleben. Es hilft mir, trotz unserem Kreuz an der Hoffnung
festzuhalten. Und eigentlich sollte es nicht „es“ heißen, sondern „er“. Er,
Gott, gibt mir Kraft, er hilft mir.
Ein Glaubensbekenntnis, das
mich nicht nur selber bestimmt, sondern das mir auch immer wieder begegnet: Bei
jenem Mann, der im Krankenhaus liegt und Grenzen seines Lebens gespürt hat. Bei
den Jugendlichen in der Schule, die Grenzen manchmal sehr massiv schon erlebt
haben und sich schwer tun, das mit Gott zusammen zu bringen und einen Glauben
zu finden. Vielleicht muß man es immer wieder suchen
und manchmal immer wieder durchbuchstabieren: Er, Gott, gibt mir Kraft, er
hilft mir. Jeden Tag ein Stück. Üben wir uns in diesem Glauben ein und lassen
wir uns von schwierigen Lebenssituationen und von Klagen nicht davon abbringen.
Dann kann uns dieser Glaube tragen, persönlich, aber auch in unserer Gemeinde
hier in St. Stephan. Es gibt Dinge, die uns Gedanken machen und Unterschiede,
wo wir vielleicht verschiedener Meinung sind. Es gibt Sorgen, auch Finanzsorgen,
um die es ja nachher in der Gemeindeversammlung geht. Aber bleiben wir uns
dessen bewusst, daß unsere Gemeinde und die Stephanskirche ein Ort sein soll, wo Menschen diese
Erfahrung machen können: Er, Gott, gibt mir Kraft, er hilft mir. Das soll uns
beseelen und der Antrieb dafür, daß wir aufstehen
gegen unsere Sorgen, gegen das Leid und gegen Probleme dieser Welt. Und ich
glaube daran, daß Gott jeder und jedem von uns etwas
gibt, was er dazu beitragen kann und daß Gott alle
Dinge zum Guten führt.
Und der Friede Gottes…