Predigt
zur Konfirmation
am
Sonntag Quasimodogeniti, 19. April 2009
in
Würzburg St. Stephan
zu
Lukas 19, 1-10 von Pfarrer Jürgen Dolling
Liebe
Konfirmandinnen und Konfirmanden,
heute
ist der Höhepunkt Eurer Konfirmandenzeit, ein Fest und ein Gottesdienst für
Euch, und Ihr der Mittelpunkt auf den ganz ungewohnten Plätzen hier vorne im
Chorraum von St.Stephan, und zugleich ist es das Ende Eurer Konfirmandenzeit.
Vielleicht
sind manche von Euch auch ganz froh – keine Termine mehr, keine
Gottesdienstkarten, die völlige Freiheit. Vielleicht findet Ihr’s aber auch ein
bißchen schade – es war doch schön, der Kicker und das Internet-Cafe, manche
Themen, die Tiefgang haben und die Euch wohl noch öfter im Leben beschäftigen,
die Freizeiten und die Spiele, die Etikette, daß man weiß wo die Gabeln und
Messer richtig liegen und wie man ein Weinglas halten muß, der
Vorstellungsgottesdienst mit dem großen Thema Diakonie aus Eurem Praktikum, und
schließlich die Kirchenübernachtung in St. Johannis, die einige von Euch – so habt
Ihr’s selber gesagt - als „erotisch“ in
Erinnerung haben. Ich selber fand den Kirchenboden eigentlich nur hart. Und ich
hoffe, Ihr habt noch andere wertvolle Eindrücke mitgenommen. Denn unsere Kirche
traut Euch Freiheit und Verantwortungsbewußtsein zu. Ihr sollt selber vor Gott
treten - und der ist wichtiger als der Pfarrer oder die Pfarrerin oder die
Verwandtschaft oder die Gemeinde. Und Euer Ja heute zu Eurer Taufe und zu
dieser Gemeinde, das ist Eure Entscheidung. Und nur Ihr selber könnt das Wertvolle
unseres Glaubens in Eurem Leben fruchtbar machen und weiter pflegen. Ich weiß
nicht, welche Antworten Ihr in unserem Konfi-Kurs für Euch gefunden habt.
Vielleicht sind es auch manchmal mehr Fragen als Antworten. Aber auch die sind
wichtig. Denn dann könnt Ihr Eurem Glauben eine Form geben – als Lob oder
Klage, mit Lebenslust oder Sehnsucht, in St. Stephan oder in St. Johannis oder
im Jugendwerk oder ganz woanders auf dieser Welt. Es ist eine Lebensaufgabe,
diesen Glauben zu gestalten. Fertig ist man damit nie. Aber er ist immer ein
Stück Leben mit Gott, ein Beschenkt-werden und ein Sich-zu-ihm-bekennen, so wie
Ihr es heute bei Eurer Konfirmation tut. „Konfirmation“ heißt ja, etwas
„bekräftigen“ – Euer Bekenntnis – und „Konfirmation“ heißt auch: „gestärkt“
werden, und zwar durch den Segen Gottes.
Auch
der Mensch, von dem wir vorhin aus dem Evangelium gehört haben, wurde beschenkt
und befreit zum Bekenntnis und zur Nächstenliebe: der Zöllner Zachäus.
Er saß
nicht so bequem wie wir hier, sondern er hatte sich oben in einem Maulbeerbaum
auf einer Astgabel niedergelassen. Wahrscheinlich war es da oben nicht so
besonders erotisch. Aber er war nicht ohne Grund da hinaufgestiegen. Er war
neugierig. Unbedingt musste er einen Blick auf diesen Jesus werfen, von dem er
soviel schon gehört hatte. Und von da oben, von der Astgabel im Maulbeerbaum
aus, hatte er einen viel besseren Überblick.
Als er
da so saß und auf die Dinge wartete, die da kommen sollten, gingen ihm
vielleicht auch so manche Erinnerungen durch den Kopf: „Meine Schulzeit und
Jugend waren nicht gerade leicht. Die anderen haben sich oft lustig gemacht
über mich, weil ich so klein bin. Das tut weh. Aber dann hatte ich plötzlich
die Chance, Zöllner für die Römer zu werden. Ein Beruf, wo man richtig Geld verdiente
und sein Auskommen hatte! Da griff ich zu, ich machte sogar Karriere und wurde
Oberzöllner. Denn ich wusste, wie man’s machen musste: nach oben buckeln und
nach unten treten. Damit kam ich weiter.
Aber
manchmal fragte ich mich auch nach dem Sinn. Ich hatte zwar Geld, aber meine
Freunde interessierten sich nur dafür und nicht für mich. So war ich oft
allein. Und auch im Gottesdienst durfte ich mich nicht blicken lassen, weil ich
für den römischen Kaiser arbeitete.
Plötzlich
hörte ich lautes Rufen. Die Leute am Straßenrand jubelten. Und als ich mich
nach vorn beugte, sah ich eine Schar junger Frauen und Männer die Straße
heraufkommen – und das vorne in der Mitte, das musste Jesus sein! Eigentlich
sah er nicht viel anders aus als viele andere junge Männer. Die Gruppe war gerade
an meinem Maulbeerbaum angelangt, als Jesus stehen blieb. Er hatte mich
zwischen den Zweigen entdeckt und sagte: „Steig herunter, Zachäus, denn ich muß
heute in Deinem Haus einkehren!“
Ihr
könnt Euch denken, daß ich vollkommen überrascht und sprachlos war. Daß er
meinen Namen wusste und mich ansprach, einen Oberzöllner, der in den Predigten
der Rabbis normalerweise nur als schlechtes Beispiel vorkommt! Die anderen, die
sich unten um Jesus drängten, fingen auch prompt an zu schimpfen: „Was willst
Du denn mit dem?! Da sind viele andere, die wesentlich würdiger sind als dieser
Zachäus, und die Dich gerne aufnehmen und bewirten!“
Aber
Jesus blieb dabei: „Steig herunter, Zachäus, denn ich muß heute in deinem Haus
einkehren!“ – und in seiner Stimme war kein Tadel, kein Vorwurf, keine Kritik.
Nur diese eine Bitte: „Ich möchte heute in Deinem Haus einkehren, Zachäus!“
Und
dann, so erzählt es die Bibel, ist Zachäus hurtig nach unten geklettert. Er hat
nicht gefragt „Muß ich das denn machen?“ Oder: „Was krieg ich denn dafür –
mindestens drei Unterschriften auf der Gottesdienstkarte?“ – wenn Zachäus das
gefragt hätte, hätten wir wahrscheinlich das Evangelium umschreiben müssen.
Nein,
ich hoffe, daß dasselbe heute auch passiert, wenn Jesus zu Euch sagt: „Steigt
herunter von Euren Astgabeln, denn ich will heute in Eurem Haus einkehren!“
Das
könnte für Euch Konfirmandinnen und Konfirmanden heißen: Laßt jetzt einfach
einmal alle Aufregung hinter Euch, alles was Euch beschäftigt hat, die
Vorbereitungen und Geschenke, das im Mittelpunkt-Stehen – all das gehört auch
dazu zu diesem Fest. Allein entscheidend ist aber, Jesus Christus heute mit
seinem Wort, seinem Segen und seinem Sakrament einkehren will in Eurem Leben.
Wenn Ihr nachher von ganzem Herzen „Ja, mit Gottes Hilfe!“ sagt, dann lasst Ihr
ihn in Euer Leben ein!
„Steig
herab von Deiner Astgabel!“, das sagt Jesus Christus aber auch zu jeder und
jedem von uns. Denn Gott will nicht, dass wir bloß Zuschauer sind. Vielleicht
haben manche von Ihnen im Lauf der Jahre den Kontakt zur Kirche ein wenig
verloren, vielleicht könnten Sie so schnell gar keine Antwort darauf finden,
was Ihnen der Glaube bedeutet. Vielleicht ist manches in unserem Gottesdienst
ungewohnt – dann nehmen Sie diesen Tag als Chance, sich wieder neu auf Gott
einzulassen. Kommen Sie an seinen Tisch wie zu einem guten Freund, der Ihnen
keine Vorwürfe macht!
„Steig
herab von Deiner Astgabel“ – das könnte auch heißen: Laß deine Probleme hinter
Dich, manchen Streit in der Familie, manchen Druck im Beruf, manche Einsamkeit,
manche Sorge um die Zukunft. Sonst könnte es sein, dass Du das versäumst, was
Gott noch mit Dir vorhat. Er will zusammen sein mit Menschen, die Sehnsucht
haben. Er will uns Erfüllung schenken und Lebenssinn. Vertrauen Sie ihm einfach!
„Steig
herab von Deiner Astgabel“ – das ist auch denen gesagt, die sehr eng mit
unserer Gemeinde verbunden und aktiv sind. Mancher wünscht sich von Euch, dass
Ihr nach der Konfirmation nicht unsichtbar werdet, sondern unsere Gemeinde
mittragt. Da könnte die Bitte Jesu so zu übersetzen sein: Habt Geduld. Seid
nicht skeptisch, sondern froh, dass wir diesen Tag heute erleben. Und Gott wird
diese jungen Leute und unsere Gemeinde schon recht führen. Und dann wird es
immer wieder solche Augenblicke geben wie heute. Wo man alte und sichere Plätze
verlässt. Wo man gerne heruntersteigt von einem Baum, weil man weiß: Ich darf
kommen. Ich weiß auch, wohin ich komme. Ich weiß, dass Gott mich haben will. Und
ich weiß, daß er mich beschenkt mit Kraft, mit Leben und mit Heil Dann wird man
auch von Euch genauso wie von jenem Zachäus immer wieder sagen können: Heute
ist diesem Hause Heil widerfahren. Denn Gott sucht Euch, er sucht Euch auf und
will Euch selig machen. Das kann Euch Euer Leben lang und auch über die Grenzen
dieses Lebens hinaus tragen. Davon bin ich überzeugt.
Deshalb
bekommt Ihr nach dem Gottesdienst drei Dinge geschenkt: Ein Kreuz aus Glas –
das Lebenszeichen unseres Glaubens. Eine kleine Astgabel, die Euch an den
Zachäus erinnert und an seine heilvolle Begegnung mit Jesus Christus, als er
von seiner Astgabel herunterstieg. Und als drittes die Konfirmationsurkunde mit
Eurem Konfirmationsspruch.
Das
größte Geschenk aber macht Euch Gott mit seinem Segen und seinem Versprechen,
daß er Euch begleitet an jedem Tag Eures Lebens und darüber hinaus. Und vor
allem das wünsche ich jeder und jedem von Euch: ein von Gott behütetes Leben!
Amen.