„Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist!“ - Predigt zu Mi. 6, 6-8 am 4.11.2007 (22. So. n. Trin.) in Würzburg St. Stephan von Pfr. Jürgen Dolling

 

Liebe Gemeinde,

gestern in der Zeitung (Mainpost 3.11.07) machte der Atheismus wieder einmal Schlagzeilen. „Der Biologe Richard Dawkins braucht Gott nicht mehr“, heißt es da. Er erklärt alles durch die Evolution und zieht gegen verschiedene Gottesbilder zu Felde. Um es vorweg zu sagen: Es sind Zerr-Bilder. So sagt er über den Gott des Alten Testaments: „Er ist eifersüchtig und auch noch stolz darauf; ein frauenfeindlicher, homophober, rassistischer, Kinder und Völker mordender, ekliger, größenwahnsinniger, sadomasochistischer, launisch-boshafter Tyrann“ – das ist starker Tobak!

Wenn man das Alte Testament liest, begegnet man zwar immer wieder Glaubenserfahrungen, die man nur sehr schwer nachvollziehen kann und die nicht zu unserem Weltbild heute passen. Aber in demselben Buch begegnet einem Gott auch immer wieder ganz neu und anders, anders als in dieser atheistischen Polemik. Es ist ein Gott, der etwas gestaltet, der einen Willen hat und der die Beziehung sucht zu den Menschen, die er liebt. Ein Gott, der sich immer wieder um der Menschen willen durchsetzt, aber der uns auch die Freiheit lässt, daß wir unser Leben selber in die Hand nehmen können.

Mich würde wirklich einmal interessieren, was dieser Gott einem Kritiker wie Dawkins zu sagen hätte! Ich bin sicher, er hätte einen klaren Standpunkt. Daß es darum geht, gerade das Schwache zu lieben als daß der Stärkere gewinnt. Daß das Werden und Vergehen nicht sinnleer ist, sondern daß jeder Augenblick des Lebens ein Wunder Gottes ist. Aber das muß man erfahren, das kann man nur glauben! Eine Glaube, der das Denken und die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse nicht verbietet. Ein Glaube, der den Sinn und das Ziel aller Dinge sucht, und der es in ihrem Ursprung findet: im lebendigen und liebevollen Gott.

Diesen Gott verkündigte auch der Prophet Micha im 8. Jahrhundert vor Christus. Die Menschen damals litten unter schwierigen Erfahrungen, unter Krieg und Resignation. Und ihre Fragen nach Gott waren oft Klagen und Anklagen gegen ihn.

Und Micha antwortet so (Kap. 6, 6-8):

»Womit soll ich mich dem HERRN nahen, mich beugen vor dem hohen Gott? Soll ich mich  ihm mit Brandopfern nahen und mit einjährigen Kälbern? Wird wohl der HERR Gefallen haben an viel tausend Widdern, an unzähligen Strömen von Öl? Soll ich meinen Erstgeborenen für meine Übertretung geben, meines Leibes Frucht für meine Sünde Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der HERR von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.“

 

Die Antwort Michas ist ein Annäherungsversuch: „Womit soll ich mich denn dem Herrn nahen?“ fragt er. Es waren wohl viele, die ihm – dem Propheten - genau diese Frage gestellt haben. Soll ich’s denn so machen wie viele unserer Väter und Großmütter, mit Brandopfern und Schlachtopfern? Oder soll ich sogar mein erstgeborenes Kind hergeben als Sühne für unsere Sünden, damit es uns besser geht?

Nichts davon sollst Du tun, sagt Micha. Gott braucht keine Opfer. Er ist nicht grausam und rachsüchtig. Gott will nur, daß du das tust, was dir gut tut, nämlich „Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.“

Ob diese Antwort den Menschen damals gefallen hat? Vielleicht hätten sie’s gerne einfacher gehabt. Vielleicht auch sicherer, wenn man etwas hätte tun können, was Gott garantiert gefällt.

Aber keiner nimmt uns die Verantwortung für unser Leben ab, auch nicht die Verantwortung für die Entscheidung, was man tun oder lassen soll. Es gibt für Micha keine Altäre, wo man diese Verantwortung abgeben könnte. Es gibt keine Altäre, wo wir Gott etwas opfern könnten. Für uns Christen gibt es nur seinen Tisch, wo sich Gott uns schenkt und unsere Liebe stärkt. Das feiern wir ja nachher wieder im Heiligen Abendmahl.

Aber bleiben wir noch ein wenig bei den Opferaltären. Damals, ungefähr zur Zeit Michas, erzählte man sich in Griechenland auch diese Sage:

 

Es war ein Junge, bei dessen Geburt ein alter Seher die Weissagung sprach: 'Er wird nur dann alt werden, wenn er sich nicht selbst kennen lernt.' Lange blieb diese Weissagung bedeutungslos. Er wuchs heran und wurde schön, so dass er von allen Leuten gerühmt wurde. Als er 16 Jahre alt war, halb Junge, halb Mann, verliebten sich lauter Männer und Frauen in ihn, doch er wollte niemanden erhören. Eines Tages sah ihn die Nymphe Echo und verliebte sich auch in ihn. Sie war so außer sich vor Liebe, dass sie ihm auf Schritt und Tritt folgte. Doch wegen einer Strafe der Götter konnte sie nicht sprechen, sondern nur immer die letzten Worte wiederholen, die sie eben gehört hatte. So sprach Echo auch die letzten Worte des Jungen nach, aber das stieß ihn ab, so daß er floh. Auf der Flucht kam er an einen Teich, der so ruhig war, dass er wie ein Spiegel wirkte. Er beugte sich über den Teich, um zu trinken, sah sein Spiegelbild und verliebte sich in sich selbst. So sehr verliebte er sich, dass er vor Liebeskummer krank wurde, abmagerte und schließlich starb. Aus seinem Grab spross eine Blume, die man fortan Narzisse nannte, denn der Name des Knaben war: Narzissos.

 

Ein altgriechisches Lehrstück, wie das eigene Spiegelbild zu einem Altar werden, auf dem man alles opfert, und schließlich auch sich selbst.

Diese Form der Opferaltäre gibt es heute noch. Da stehen oft die eigenen Bedürfnisse und Wünsche im Vordergrund, womit ich das nächste Wochenende am besten verbringe, das neueste Handy oder ein Videospiel. Und wer möchte nicht zu denen gehören, die materiell und menschlich gesehen zu den Gewinnern gehören, die man akzeptiert und die man immer wieder auch bewundert?

Wobei: recht verstanden sind Bedürfnisse und Wünsche ja ganz normal. Wir können gar nicht ohne sie leben. Aber wir dürfen sie nicht zum Opferaltar machen, an den wir uns verlieren, wenn das Hauptlebensziel darin besteht, Spaß zu haben, wenn ich egozentrisch werde oder wenn Spielsucht oder Alkohol oder andere Dinge mein Leben im Griff haben. Diese Abhängigkeiten sind nicht gut im Leben, denn sie verleiten uns dazu, so wie Narzissos in das Wasser des Teiches zu starren, bis er daran starb. Es ist nicht gut, diesen falschen Göttern Opfer darzubringen – Ströme von Öl und tausende von Widdern, sinnlos verschwendete Lebenszeit, nutzlos eingesetzte Lebenskraft und auch verschleudertes Geld.

„Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der HERR von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.“

Dieser Gott sorgt sich um uns Menschen, er ist kein Despot, der etwas befiehlt, sondern er ist wie ein guter Vater, der sagt, was er für gut und richtig hält, der mitleidet, wenn ein Mensch in aller Freiheit auch negative Erfahrungen macht, ein Gott, der neben mir sitzt, wenn ich wieder einmal nur in mein eigenes Spiegelbild starre, ein Gott, der meine Not und auch mein Kreuz kennt und mitträgt. Erinnere dich doch an diesen deinen Gott, sagt Micha. Du kennst ihn aus den Erzählungen der Bibel. Und vielleicht kennst du ihn auch von den Erfahrungen, die du selber gemacht hast mit Liebe und Zuwendung, vielleicht mit Augenblicken neu gewonnener Freiheit, in der das Leben trotz mancher Grenze und Last weiter geht, und mit Augenblicken, die dein Leben lohnenswert und liebevoll machen.

Darin höre ich Gottes Wort für mich heute aus den alten Überlieferungen der Bibel, ein Stück Lebens- und Glaubenshilfe, Zuspruch und Motivation zugleich. Das macht es mir leichter, Liebe zu üben, dann, wenn ich es vielleicht gerade nicht will oder nicht kann. Das bringt mein Leben wieder ins Lot, es lehrt mich Demut vor Gott zu haben. Es macht mich nicht klein und ängstlich, so wie manchmal ein Mensch einen anderen demütigt und erniedrigt. Sondern Demut haben heißt: wissen, zu wem man gehört und wem man folgen will. „Das ist eine Demut, die sich nicht bückt, sondern aufrichtet. Wer sich vor Gott beugt, braucht sich vor keinem Menschen zu bücken. Dietrich Bonhoeffer hat diese aufrechte Demut des Glaubens so beschrieben: ‚Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will. Dafür braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen. Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage soviel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen. In solchem Glauben müsste alle Angst vor der Zukunft überwunden sein. ... Ich glaube, dass Gott kein zeitloses Schicksal ist, sondern dass er auf aufrichtige Gebete und verantwortliche Taten wartet und antwortet.’“ (W. Huber) So sieht die Lebenshaltung christlicher Liebe aus! Es ist anders als ein Leben ohne Gott, es ist ganz anders als ein bloßer Existenzkampf, bei dem der Stärkere gewinnt. Es ist auch ganz anders als jede narzisstische Selbstliebe. Es nimmt liebevoll an, was Gott einem schenkt: Das Leben mit den Menschen, die zu einem gehören, natürlich auch das eigene Ich mit allen Gaben und Defiziten – Jesus hat schließlich geboten, daß man auch sich selbst lieben soll und darf – und auch der Glaube an Gott ist ein Geschenk, das man pflegen und bewahren soll.

Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor Gott – vielleicht wird uns der Wert dieser drei Erinnerungen Michas erst dann so richtig klar, wenn sie uns fehlen? Dann, wenn Beziehungen auseinandergehen, wenn Gewalt und üble Nachrede das Klima beherrschen, wenn Dinge passieren, die man sich vorher nicht hat vorstellen können. So ist es zum Beispiel in Eschenau geschehen. Dort sind nicht nur Verbrechen sondern auch menschliche Abgründe offenbar geworden. Und das ist sicher nicht nur in Eschenau möglich, sondern überall auf unserer Welt. Darum dürfen wir nicht nachlassen, etwas für eine liebevollere, lebenswerte Welt zu tun, dort wo wir’s eben können. Mit Worten, wenn wir nicht abfällig und erniedrigend über andere reden. Mit unserem Bekenntnis zum liebevollen und lebendigen Gott. Mit unserer Lebenskraft und Zuwendung, mit der wir anderen gut tun können. Mit Klarheit, die Schuld benennt aber auch Vergebung sucht. Mit Bescheidenheit und Ehrfurcht vor dem Leben, das Gott schenkt, und mit vielem anderem mehr. Und diese andere Welt ist Realität, wenn wir uns lieben lassen von Gott und wenn wir seine leise und liebevolle Stimme hören:

„Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der HERR von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.“

Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus, unserm Herrn. Amen.