Predigt zu Mk
7, 31-37 am 21.1. 2007 in Würzburg St. Peter (ökumen.
Gottesdienst)
Und als er wieder fortging aus dem Gebiet von Tyrus,
kam er durch Sidon an das Galiläische Meer, mitten in das Gebiet der Zehn
Städte. Und sie brachten zu ihm einen, der taub und stumm war, und baten ihn, daß er die Hand auf ihn lege. Und er nahm ihn aus der Menge
beiseite und legte ihm die Finger in die Ohren und berührte seine Zunge mit
Speichel und sah auf zum Himmel und seufzte und sprach zu ihm: Hefata!, das heißt: Tu dich auf!
Und sogleich taten sich seine Ohren auf, und die Fessel seiner Zunge löste
sich, und er redete richtig. Und er gebot ihnen, sie sollten's
niemandem sagen. Je mehr er's aber verbot, desto mehr breiteten
sie es aus. Und sie wunderten sich
über die Maßen und sprachen: Er hat alles wohl gemacht; die Tauben macht er
hörend und die Sprachlosen redend.
Liebe Schwestern und Brüder in
Christus,
für Jesus war das damals ein ganz
schönes Stück Weg: von Tyrus über Sidon durch das
Gebiet der Zehn Städte bis zum See Genezareth - das sind über 200 Kilometer!
Der Weg von St. Stephan nach St. Peter ist viel
kürzer, ein paar hundert Meter nur. Und doch ist es oft so schwer, die Konfessionsgrenzen
zu überwinden.
Woran liegt das eigentlich?
Die Konfessionsgrenzen sind uns
zunächst einmal vorgegeben. Niemand von uns kann etwas dafür, daß sich die Kirche im Lauf ihrer Geschichte so entwickelt
hat. Und wir sind oft hineingetauft worden in eine kirchliche Gemeinschaft,
weil unsere Eltern das so gewollt haben. Dann wächst man darin auf, man kennt
die Riten und Gebräuche, man ist geprägt von einer Sichtweise und Glaubenslehre
und es ist nicht immer so einfach, sich in die jeweils andere Konfession
hineinzuversetzen. Obwohl: früher waren die Mauern zwischen den Kirchen noch
viel dicker und höher, und ich bin froh, daß ich
jetzt und nicht vor hundert Jahren Pfarrer sein darf. Damals gab es viel mehr
Streit und öffentliches Gegeneinander. Aber damals wie heute haben immer auch Menschen
die Kirchen verbunden – durch konfessionsverbindende
Ehen, wo man einmal in den katholischen Gottesdienst geht und das andere Mal in
den evangelischen. Oder wir sind verbunden durch Engagement. Was wäre die
Ökumene ohne die Menschen, die sagen: das wollen wir, und das wollen wir auch
gemeinsam? Solche Menschen brauchen wir. Menschen, die auch die Geistlichen
beider Konfessionen immer wieder dazu bringen, daß
sie etwas gemeinsames wollen und dann auch tun! Damit
es eben nicht so ist wie in jenem schönen Ökumene-Witz, den ich Ihnen hier am
besten in der unverfänglichen englischen Version erzähle:
„Die Einheit der Christenheit
schreitet weiter voran“, berichtet ein englischer Methodist. „Bisher gab es in
meinem Dorf eine methodistische und eine baptistische Gemeinde. Doch der Wind
der Einheit hat geweht und sie haben sich vereinigt.“ – „Toll! Dann gibt es
jetzt also nur noch eine Gemeinde?“ – „Nein, nein. Jetzt gibt es drei: die
vereinigte Gemeinde und die beiden anderen.“
Das ist die große Gefahr, in die die
ökumenische Bewegung geraten kann: daß sie zu einer Nischenerscheinung wird, manchmal größer, manchmal kleiner.
Wenn es passt, dann lässt man sie zu. Wenn nicht, zeigt man „Profil“, und jede
Kirche führt ihre Eigenleben.
Nein, Ökumene verstehe ich anders. Ökumene
muß hineinwirken in unsere ganze Gemeindearbeit,
sowohl an St. Peter als auch an St. Stephan. Es muß
selbstverständlich sein, daß wir immer auch an die
andere Konfession mit denken und behutsam miteinander umgehen. Ich habe hier
schon etliche sehr aufgeschlossene Menschen getroffen, und mein allererster
Gottesdienst in St. Stephan noch vor meiner Amtseinführung war der ökumenische
Gottesdienst für die erste Klasse aus dem Bechtoldsheimer
Hof zusammen mit Dompfarrer Witzel.
Eine solche Selbstverständlichkeit müßte es überall in unseren Kirchen geben. Aber wir wissen
alle, daß wir davon noch weit entfernt sind. Da
möchte man manchen Betonköpfen wirklich die Finger in die Ohren stopfen – so müßte man nämlich das griechische Wort in dieser Geschichte
von der Heilung des Taubstummen übersetzen. Man möchte etwas verändern und die manchmal taub und stumm erscheinende Kirchenvertreter
zum ökumenischen Leben erwecken. Ich habe bis zum Herbst vergangenen Jahres auf
dem Gebiet des Bistums Regensburg gelebt und gearbeitet – viele würden das dort
liebend gerne machen: in dieser geistlichen Art und Weise handgreiflich werden!
Aber vielleicht sollte man wirklich nicht darauf warten, bis ein Bischof sich
bewegt. Das haben sich auch etliche in Thumsenreuth
in der Nordoberpfalz gedacht – da, wo ich zuletzt gewesen bin. Dort haben katholische
und evangelische Christen in Eigenleistung und auf eigene Rechnung eine Kapelle
gebaut auf einer kleinen Anhöhe gegenüber dem Dorf. Sie hatte eine besondere
Form, sie war trapezförmig, und zwar so, daß eine
Wandseite zur katholischen Kirche wies und die andere Wandseite zur
evangelischen. Im vergangenen Jahr am Pfingstsonntag haben mein katholischer
Amtsbruder und ich diese Kapelle gemeinsam eingeweiht, mit einem schönen
Ökumenefest. Und wenn man das miteinander gefeiert hat, dann kann man nicht
mehr hinter diese Erfahrung zurück, und man will es auch nicht mehr.
Sehr gern denke ich auch an eine
andere Ökumene-Erfahrung zurück, und die war mit
einem Weihbischof – ja, auch mit Bischöfen kann man sehr gute Erfahrungen
machen! Es war mit Weihbischof Werner Radspieler vor ungefähr 7 Jahren in
Bamberg bei einem ökumenischen Gottesdienst für zwei Lebenshilfe-Schulen zu
Erntedank. Der Bamberger Dom war voll mit Behinderten, ihren Lehrkräften und
Angehörigen. Ein Gottesdienst ganz ohne Konfessionsgrenzen, und am Schluß haben der Weihbischof und ich einen Hirtenstock
bekommen aus einem Haselnussstrauch geschnitten mit einer Kette aus Kartoffeln
daran. Es muß ein köstliches Bild gewesen sein! Der
Gottesdienst jedenfalls war wichtig, schön und segensreich. Damit hatte sich
sehr viel aufgetan. „Hephata“ – „tue dich auf“ – so
sagt es ja Jesus auch zu dem Taubstummen. Und er redete richtig und sie gaben
diese Erfahrung an viele weiter. Und – so wird es bei Markus erzählt – je mehr
es Jesus verbot, desto mehr berichteten sie davon. Gott sei Dank. Sonst würde
man manchmal viel zuwenig von guten und segensreichen Erfahrungen wissen. Und
glaube, daß uns das heute in unseren Kirchen auch gut
tut, wenn man frei redet und sagt, was man auf dem Herzen hat, was einen
begeistert und froh macht. Also: reden wir doch über unsere guten Glaubenserfahrungen, so wie ich auch gerade tue! Und tun
wir das ruhig als Katholiken und als Protestanten. Wir müssen uns voreinander
nicht rechtfertigen oder verstecken. Wir brauchen ein ehrliches Miteinander,
das aus den persönlichen Wurzeln des Glaubens lebt. Das tut not,
und das tut gut. Ich freue mich, wenn eine Katholikin mit dem Rosenkranzgebet
innere Ruhe und Glaubensstärkung erfährt. Und ich freue mich, wenn evangelische
Christen am Reformationstag oder am Buß- und Bettag ganz bewusst zum
Gottesdienst kommen. Beides darf doch sein! Man darf sich nur nicht gegenseitig
abwerten. Und warum sollten wir uns nicht gegenseitig bereichern können? Wir
können es doch. Nämlich dann, wenn wir uns von Jesus anrühren lassen mit Liebe.
Ja, im Grunde sind wir’s selber, die immer wieder zu Jesus Christus kommen
müssen, damit er uns berührt und uns frei macht von unseren konfessionellen Taubheiten
und religiösen Sprachlosigkeiten.
Und noch ein letztes Beispiel will
ich Ihnen sagen: Hier in Würzburg bin ich im vergangenen Herbst mitgegangen
beim ökumenischen Pilgerweg vom Rathaus zur Marienburg. Es war ein schöner Weg,
ich habe etliche Menschen dabei kennengelernt,
Gemeindeglieder, eine Ordensschwester, katholische Amtsbrüder. Vielleicht
müssen wir auch in manchen Dingen noch ein Stück Weg miteinander gehen und uns
zwangloser kennen lernen, damit die Gemeinschaft entsteht, mit der wir uns den Herausforderungen
unserer Zeit stellen können. Wir müssen gemeinsam etwas tun, wenn unsere
Gesellschaft zunehmend gleichgültiger gegenüber der Kirche geworden ist. Wir
müssen uns gemeinsam um die vielen alten Menschen kümmern, die in Zukunft noch
mehr werden - eine große soziale und seelsorgerliche Aufgabe! Die Schere
zwischen Arm und Reich geht immer weiter auseinander, das Klima verändert sich,
wir haben Umweltprobleme, es gibt nach wie vor Terror und Gewalt – das sind die
Herausforderungen, vor denen wir alle stehen!
Mischen wir uns dort ein, wo wir’s
können. Tun wir’s als Christen mit unserem Glauben, und tun wir’s immer wieder
gemeinsam. Dann wird’s uns hoffentlich genauso gehen wie damals den Jüngern,
die sich gewundert und gesagt haben: Er hat alles wohl gemacht. Er – Jesus
Christus, der uns in unserem Glaubensleben und überhaupt im Leben immer wieder zurecht bringt, uns sein Heil und seine Liebe schenkt. Damit
will Gott uns wohl tun, etwas Gutes tun. Und dann können wir froh und dankbar
in das Gotteslob einstimmen. Unser Gottesdienst heute ist ja nichts anderes.
Ein Gotteslob und ein bewusstes Leben in dieser Welt mit der einen Konfession,
dem Bekenntnis zu Jesus Christus, dem lebendigen Gott.
Und der Friede Gottes…