Predigt zu Mt. 11,28-30 und Psalm 98,1 am 10.5.2009 in Würzburg St.Stephan von Pfarrer Jürgen Dolling – Sonntag Kantate, Eröffnung der Ausstellung „Wiederaufbau und Wirtschaftswunder“

 

Liebe Gemeinde,

„kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken!“ – es muß damals ein besonderes Aufatmen an einem besonderen Zufluchtsort gewesen sein, als die Menschen zum ersten Mal wieder ein Weihnachten in St.Stephan gefeiert haben, unter den noch offenen Dachsparren, notdürftig abgedeckt, aber doch mit den alten Weihnachtsliedern und der Botschaft von der Menschlichkeit und Liebe Gottes. Und Gott hat die Not und die Verzweiflung der Menschen verwandelt. Viele sind nach dem Krieg in die Gottesdienste gekommen – so heißt es in den Texten von damals, Schwestern, Ärzte, Soldaten, Gemeindeglieder, auch Menschen, die bisher gar nicht mit ihrer Kirche verbunden gewesen sind. Vielleicht war es die Sehnsucht danach, Gott näher zu kommen, die Sehnsucht nach Frieden und nach Heil in dem sonst so zerstörten Lebensraum. Sie suchten sie in den Gotteshäusern, die selber zerstört waren – ein trauriges Bild ehemaliger Schönheit. Aber „auch unter Trümmern kann das Wort gepredigt werden, und muß es gepredigt werden!“ (Dekan Merz) – den Menschen, die ein über die Maßen mühseliges und beladenes Leben hatten. Welch ein Gegensatz zum Stolz und zur Überheblichkeit, die man in der Zeit zuvor mancherorts gepredigt hat! Und diese beladenen Menschen fanden Gott. Den mitleidenden und fürsorgenden Gott. Der mit einem liebenden Wort den Weg zu neuem Leben eröffnen kann: „Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken!“ Dieser Gott hat die Menschen damals innerlich wieder aufgebaut, und darum haben sie auch ihre Kirchen wieder aufgebaut. Und das mit Mitteln, die heute noch an diese Zeit erinnern. Weithin sichtbar steht seitdem die St. Johanniskirche mit dem zerstörten Turm da, ein überdeutliches Mahnmal zum Sich-Erinnern und zum Gedenken. Hier in St. Stephan ist es der erhöhte Opferaltar  mit dem großen Kreuz, der das Leiden aber gleichzeitig auch die Überwindung durch Jesus Christus darstellt. Aus großkalibrigen Geschoßhülsen wurden Kerzenleuchter für den Altar gemacht – auch die Lampe hier an der Kanzel ist aus einer solchen Hülse hergestellt. Wenn Sie sich solche Hülsen im Begegnungsraum anschauen, dann haben Sie das vor Augen, was das Alte Testament schon gefordert hat: Schwerter zu Pflugscharen! Ehemalige Kriegswerkzeuge, die nun von einer anderen Zeit künden jenseits von Tod und Zerstörung.

Und auf unserem Kirchenvorplatz das Versöhnungsdenkmal mit den alten Steinen aus der Nazizeit. – „wir wissen heute, was es bedeutet, daß dort, wo Menschen schweigen, Steine reden“, hatte Dekan Georg Merz am 1. Juli 1945 in einer Mitarbeiterbesprechung im Betsaal Zeppelinstr. 21a gesagt. Ja, die Steine müssen manchmal sogar schreien, damit wir hören, damit wir etwas positives daraus machen, etwas, das aufbricht wie eine Blume, und das uns dazu bringt, daß wir uns für Versöhnung und Frieden einsetzen.

„Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken“ – wie lebensnotwendig dieses Wort damals war, das begreift man, wenn man den Berichte über die eine entscheidende Kriegsnacht liest. Zwar war der Krieg vorher auch nicht spurlos an Würzburg vorübergegangen. St. Johannis war nach Bombenangriffen am 3. März heil geblieben. Darum sollte dort die Konfirmation auch für Deutschhaus und St.Stephan stattfinden, am Samstag 17. und am Sonntag, 18. März. Aber dazu kam es nicht mehr. In der Nacht vom Freitag auf den Samstag kamen die Bomber, die alles zerstörten. Was muß das für ein Schock gewesen sein. Und die, die heute noch davon erzählen können, denken mit Schrecken an den Feuersturm von damals. Aber kurz danach – so dokumentiert es Dekan Merz – waren wieder drei der Konfirmanden im Gottesdienst. Und sie wollten so bald wie möglich konfirmiert werden. So bald wie möglich! Nicht erst dann, wenn der Rahmen für ein Familienfest wieder stimmt. Sondern wohl vor allem deshalb, weil die Sehnsucht groß war, ein Stück Segen und etwas Heilvolles zu erleben.

So war der Wiederaufbau nicht nur ein Aufbauen der Kirchen und Häuser. Sondern ein innerer Wieder-Aufbau. Und das ging nicht, ohne die vergangene Zeit zu reflektieren, sie in aller Wahrheit und Wahrhaftigkeit zu analysieren. Zu oft haben wir geschwiegen, zuwenig getan – aber ich weiß nicht, wo ich es hätte besser machen können, sagt Dekan Merz. Und er gesteht sich und uns ein, daß wir fehlbar sind, der Gnade und der Barmherzigkeit Gottes und seiner Vergebung bedürfen. Das war nicht so einfach dahingesagt. Nach diesen Erfahrungen war es ein Bekenntnis, und nur das hilft zum Weiterleben und zum Mut, etwas Neues aufzubauen. Wir sollten damit sensibel umgehen, so wie es Bert Brecht ausdrückt: „Ihr, die ihr auftauchen werdet aus der Flut, in der wir untergegangen sind, gedenkt, wenn ihr von unseren Schwächen sprecht auch der finsteren Zeit, der ihr entronnen seid. Gingen wir doch, öfter als die Schuhe die Länder wechselnd, durch die Kriege der Klassen, verzweifelt, wenn da nur Unrecht war und keine Empörung. Dabei wissen wir doch: Auch der Haß gegen die Niedrigkeit verzerrt die Züge. Auch der Zorn über das Unrecht macht die Stimme heiser. Ach, wir, die wir den Boden bereiten wollten für Freundlichkeit, konnten selber nicht freundlich sein. Ihr aber, wenn es soweit sein wird, daß der Mensch dem Menschen ein Helfer ist, gedenkt unsrer mit Nachsicht.“ (EG S. 457)

Und das Neue hat dann „Wilhelm der Erbauer“, Dekan Schwinn, vielfältig fortgeführt. Alles wurde mobilisiert. Es gab soviele Ideen und Notwendigkeiten, daß man gar nicht hinterherkam. Die Gemeinden platzten mit den Flüchtlingen und Kriegsheimkehrern bald aus allen Nähten, neue Kirchen mußten her und mehr Pfarrer, und bald begann das, was man heute das Wirtschaftswunder nennt.

Das stimmt einen heute schon sehr nachdenklich, in einer Zeit der Rezession, wo  es gerade umgekehrt geht, viele Betriebe zurückgehende Auftragseingänge verzeichnen, rationalisieren, Arbeitsplätze streichen, und wo immer wieder Betriebe in Existenznot geraten und insolvent werden.

Da erleben wir auch heute manchen Trümmerhaufen, seit Lehman Brothers pleite gegangen ist. Vielleicht ist die wirtschaftliche Krise bei den meisten von uns im persönlichen Leben noch nicht so angekommen. Aber auch in anderen Dinge kennen wir Zerstörung, Enttäuschungen, schwierige Zeiten, Trauer und Sehnsucht. Und wir wissen, daß wir der Vergebung und Gnade, der Liebe und Barmherzigkeit Gottes bedürfen. Und dieser Gott breitet auch für uns die Arme aus: „kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken!“

Das schafft ein neues Bewußtsein. Und dann verstehe ich auch die Worte Jesu danach: Die vom sanften Joch reden und von einer Last, die leicht ist. Das klingt im ersten Moment paradox. Aber wenn man sich überlegt, was die Alternative wäre: Ein Joch, unter dem man zusammenbricht, dann ist diese Formulierung einfach nur tröstlich und realistisch. Denn bei allem, was nach wie vor unser Leben belastet, wir haben einen Gott, der uns stützt und der mitträgt. Darum ist die Last leicht und das Joch sanft. Das ist der „Heilandsruf“ – so ist dieser Abschnitt in der Lutherbibel überschrieben. Ein wahrhaft heilvoller Gott, bei dem wir Ruhe und Kraft finden für unser Leben.

Und wenn uns beim Anschauen der alten Bilder bewußt wird, wie gut es uns heute oft geht. Wenn ich persönlich Gutes erlebe, zufrieden bin, wenn ich mich auf die Menschen um mich herum verlassen kann, wenn ich mein Auskommen, das tägliche Brot und ein Dach über dem Kopf habe, dann kann ich noch einen Schritt weitergehen und in den Spruch für diesen Sonntag einstimmen: „Singet dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder!“ (Ps. 98,1)

Es ist eine Aufforderung nicht nur an alle Menschen, sondern sogar an die ganze Schöpfung, an das Meer, den Erdkreis und die Berge, Gott zu loben: „Singet dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder!“ Das Wunder damals war die Befreiung des Volkes Israel aus der babylonischen Gefangenschaft. Das Singen hat also seinen guten Grund. Und manche Menschen, die vor 65 Jahren Krieg und Terror überlebt haben, erzählen nicht nur von Glück, sondern von Bewahrung und das voller Dankbarkeit. Das ist auch die richtige Stimmung für diesen Sonntag Kantate. Es ist eine fröhliche und schöne Stimmung. Aber sie hat auch Tiefgang. Denn wir wissen, warum wir neue Lieder singen: weil wir damit Gott loben!

Und der Friede Gottes….