Predigt zu Mt. 14,22-33 am 19.11.06 in Würzburg

(Einführung des neuen Kirchenvorstands)

 

Liebe Gemeinde,

liebe Kirchenvorsteherinnen und Kirchenvorsteher,

 

eigentlich soll man heute in der Predigt ein Stück aus dem Buch der Offenbarung Kapitel 2 auslegen. Das will ich aber nicht tun, denn dort heißt es unter anderem:

„Fürchte dich nicht vor dem, was du leiden wirst! Siehe, der Teufel wird einige von euch ins Gefängnis werfen, damit ihr versucht werdet.“ Darüber nachzudenken ist sicher sehr reizvoll, für den Beginn im Kirchenvorstand aber gibt es verheißungsvollere Worte aus der Bibel. Zum Beispiel die Erzählung vom sinkenden Petrus auf dem See.

Jesus hatte sich auf den Berg zurückgezogen um zu beten. Und Jünger waren ohne ihn ins Boot gestiegen um auf die andere Seite des Sees hinüberzufahren.

Das erinnert mich an die erste Sitzung mit dem neuen Kirchenvorstand. Sie kamen frisch gewählt und erwartungsvoll ins Stephanshaus, aber es war niemand da, keine Tische und Stühle gestellt, und auch der Pfarrer kam eine ganze Weile später, weil er mit einem überlangen Beerdigungsgespräch beschäftigt war.

Was tut man da im leeren Kapitelsaal? Sie haben angefasst und alles hergerichtet, und dann ging es doch los mit dem Lied, das wir gerade auch gesungen haben: „Ein Schiff, das sich Gemeinde nennt“. Ein Schiff, das weiterfahren kann, auch wenn einzelne noch am Land zu tun haben. Ein selbständiges Schiff, auf dem nicht nur die Pfarrerinnen und Pfarrer den Kurs bestimmen, sondern die ganze Mannschaft, so wie es in der evangelischen Kirche eben üblich und eine gute Ordnung ist.

Und ich habe den Eindruck, daß Sie alle gerne losfahren wollen, daß Sie motiviert sind, daß Sie Ideen haben und Zeit und Kraft für unsere Kirchengemeinde investieren wollen.

Die Jünger damals waren oft auch mit Begeisterung bei der Sache. Jesus hatte sie fasziniert, einer, bei dem es sich lohnte, wenn man ihn begleitet und ihm zuhört. Einer, der sich aber auch ab und zu ganz bewusst zurückzog um Zeit zu haben für sich und für Gott. Und die Jünger ließen ihn. So war die abendliche Fahrt über den See ohne Jesus eigentlich etwas ganz normales. Die vielen Menschen, die Aktivitäten und Gespräche lagen hinter ihnen, es entspannt, das Plätschern des Wassers an der Bordwand zu hören und einfach so mit den anderen zusammen zu sein. Aber dann, als sie ein ganzes Stück vom Land weg waren, frischte der Wind auf, er „stand ihnen entgegen“ und „das Schiff geriet in Not“, so erzählt es Matthäus.

 

Das begegnet einem in der Gemeindearbeit immer wieder. In vielen Bereichen unserer Gesellschaft bläst der Wind der Kirche ins Gesicht. Wir leben in Auseinandersetzung mit den Strömungen des Zeitgeistes, wir müssen unser Gemeindeleben mit immer weniger Finanzmitteln gestalten, die regelmäßigen Gottesdienste sind nur wenig besucht. Da ist das Dasein als Kirchenvorsteherin oder Kirchenvorsteher nicht immer so einfach. Man braucht Mut und einen langen Atem, man muß zu sich selber stehen, zu seinem Glauben und zu seiner Kirchengemeinde. Aber ich sage Ihnen auch: diese Aufgabe ist trotz mancher Widrigkeiten etwas sehr schönes! Vor allem dann, wenn wir sie gemeinsam anpacken, wenn sich immer wieder Gemeindeglieder finden, die mitziehen und die diese Stephansgemeinde mitgestalten.

Fördern wir uns dabei gegenseitig durch Lob und durch positive Kritik, die etwas aufbauen will. Machen wir uns gegenseitig Mut, vielleicht auch manche Ansprüche abzubauen. Holen wir möglichst viele mit ins Boot und verlieren wir nie das Ziel nie aus den Augen, das das Lied von vorhin in der fünften Strophe so formuliert. „Ein Schiff, das sich Gemeinde nennt, fährt durch das Meer der Zeit. Das Ziel, das ihm die Richtung weist, heißt Gottes Ewigkeit.“ Das ist die Perspektive, die uns leiten soll in allen unseren Planungen und Aktivitäten – Gottes Ewigkeit! Und ein Stück davon soll man auch hier in St. Stephan erleben können.

So wie die Jünger damals auf dem See. Ich kann Ihnen zwar nicht erklären, wie Jesus das gemacht hat, als er auf dem Wasser ging. Wahrscheinlich aber hätte ich genauso reagiert wie die Jünger, die erschrocken waren und schrien: „Es ist ein Gespenst!“

Darauf aber sagt Jesus ganz einfach: „Seid getrost, ich bin’s, fürchtet euch nicht!“ – und dann folgt diese faszinierende Petrusgeschichte mit soviel Sehnsucht, mit ganz menschlichen Ängsten und mit einer wunderbaren Bewahrung in existentieller Not.

 

Petrus kann es immer noch nicht recht glauben: Sollte diese Gestalt da auf dem Wasser wirklich Jesus sein? Darum will er’s testen: „Herr, wenn du es wirklich bist, dann befiehl, daß ich zu dir komme auf dem Wasser.“ Und als Jesus das tut, steigt Petrus aus dem Boot aus. Wer A sagt, muß auch B sagen und sich darauf einlassen. So wird Petrus sozusagen zum Aussteiger, und das mitten im Sturm.

 

Situationen, wo man aussteigen und neue Wege gehen muß, die gibt es auch bei uns. Die St. Stephansgemeinde hat das zum Beispiel mit dem Kinderabendmahl getan, als sie alte, theologisch nicht begründete Wege verließ. Und vielleicht müssen wir als Kirche auch noch andere neue Wege finden, um die Menschen hier in Würzburg mit dem Evangelium zu erreichen. Da geht es um Verbindungen und um Seelsorge aneinander. Da muß man vielleicht auch aus dem Boot mit den bekannten Menschen aussteigen und auf fremde zugehen. Da müssen wir eine offene Gemeinschaft sein und die auch positiv gestalten, so daß man sich bei uns wohlfühlt - auch mit einer vielleicht anderen Lebensweise oder anderen Ansichten als wir das gewöhnt sind.

Aus dem Boot aussteigen, das muß man aber auch sonst ab und zu im Leben. Wenn ein Lebensabschnitt endet. Wenn man die Schule verlässt und einen Ausbildungsplatz oder eine Stelle antritt. Wenn man heiratet oder wenn eine Beziehung in die Brüche geht. Jedesmal muß man das veränderte Leben neu wagen und neu zu leben lernen. Oder wenn im Alter die Kräfte nachlassen und vieles nicht mehr so geht wie früher. Auch dann muß man innerlich aufbrechen und neue Wege gehen um nicht unterzugehen im Selbstmitleid oder in Einsamkeit.

 

Petrus damals wäre ja auch fast untergegangen. Vor lauter Sehnsucht und Faszination hat er zuerst gar nicht auf den Wind und auf die Wellen geachtet. Aber dann wurden ihm die Dinge bewusst, er spürte den Druck und das Schwanken unter sich und er begann zu sinken. Da ruft er voller Angst: „Herr, hilf mir!“  Und Jesus streckt seine Hand aus, ergreift und rettet ihn mit den Worten: „O du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt?“

 

Für mich liegt darin ein leises Schmunzeln und viel persönliche Zuwendung und Liebe. Das tut auch uns gut hier in St. Stephan: Wenn wir miteinander das Wort aus der Bibel hören, wenn wir miteinander beten oder das Abendmahl teilen. Dann bekommen auch wir Kleingläubigen neuen Mut zugesprochen. Den Mut, dieses Leben so zu nehmen, wie wir es geschenkt bekommen. Mit den vielen schönen Kleinigkeiten, die wir nicht übersehen dürfen. Aber auch mit den Belastungen und Schwierigkeiten, die es auszuhalten und manchmal auch zu akzeptieren gilt. Dabei weiß ich mich immer gehalten. Christus findet schon meine Hand, die ich tastend nach ihm ausstrecke – „Herr, hilf mir!“. Und dann erfüllt mich dieses große Vertrauen, mit dem ich auch Stürme überstehen kann.

Auch bei Petrus legt sich der Sturm ja erst, als er mit Jesus das Boot betritt. Mag sein, daß sich da verschiedene Erinnerungen der Jünger miteinander verbinden. Mag sein, daß man solchen Wundergeschichten skeptisch gegenüber steht. Mag sein.

 

Aber keiner von uns kann auf Dauer leben ohne immer wieder eine solche innere Ruhe zu erleben. Keiner von uns kann anderen Menschen etwas geben ohne selber beschenkt, getröstet und geliebt zu sein. Das muß man üben. Das dürfen Christinnen und Christen auch ruhig einfordern, selbst wenn der eigene Glaube einem oft recht klein und schwach erscheint. Der vorwitzige und neugierige Petrus hat uns vorgemacht, wie das geht. „Herr, ich will zu dir kommen. Ruf mich doch zu Dir!“ Das ist die richtige Einstellung, wie man in eine neue und unbekannte Zeit gehen soll.

 

Und dann lasst uns miteinander die Dinge gestalten – jede und jeder dort, wo er gebraucht wird. Da kriecht einer auf dem Kirchendachboden herum. Eine andere bäckt einen Kuchen für den Kirchenkaffee. Eine andere führt Einstellungsgespräche mit dem Kindergartenpersonal. Wieder andere – das muß ja nicht auf den Kirchenvorstand beschränkt sein – singen in der Cappella oder spielen Oboe. Wieder andere klingeln mit dem Monatsgruß an fremden Türen oder kümmern sich am Mittwoch um den Kinderbibeltag. Wieder andere sind einfach nur hier in der Kirche zum Miteinander-beten und –singen. Das ist neben allen Aktivitäten immer noch genauso wichtig. Denn wie gesagt: Wir brauchen alle diesen Zuspruch, das Angenommensein und die Glaubensstärkung. Und dann fällt es einem leicht, darauf mit einem Bekenntnis zu antworten – die Jünger damals fielen schließlich vor Jesus auf die Knie mit den Worten: „Du bist wahrhaftig Gottes Sohn!“ Mit dem zweiten Artikel unseres Glaubensbekenntnisses tun wir nichts anderes. „Ich glaube … an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn, unsern Herrn.“ Das ist der, der seinen Arm ausstreckt und uns packt, wenn wir im Wasser zu versinken drohen. Und das ist der Christus, der seine Arme zum Segen ausbreitet über seine Gemeinde, über jede und jeden von uns.

 

Als Kirchenvorsteherinnen und Kirchenvorsteher sollen Sie auch sein Zeichen tragen. Wenn wir Sie nachher in Ihr Amt einführen, stecken wir Ihnen ein kleines Kreuz an. Dieses Kreuz fügt sich aus vier lilafarbenen Winkeln zusammen. Lila, das ist unsere Kirchenfarbe. Und die vier Winkel sollen Sie an vier wichtige Bereiche Ihres Lebens erinnern. Ein Winkel steht für Sie selber, einer für Ihre Familie, einer für unsere Gemeinde und einer für Gott den Herrn. Sie tragen nun in besonderer Weise Verantwortung für unsere Gemeinde. Aber auch das andere braucht seine Zeit und seine Kraft. Fügen Sie’s je nach Ihren Möglichkeiten zusammen. Es muß nicht immer alles perfekt sein. Aber immer wird es ein Lob dessen sein, der dieses Kreuz für uns alle getragen hat.

 

Und eines möchte ich Ihnen noch versprechen: Wir vom Hauptamtlichenteam werden Sie nach besten Kräften unterstützen – auch beim Tische-und-Stühle-hinstellen, aber vor allem, indem wir Sie motivieren, d.h. anregen, in Bewegung setzen. Und ich bin sicher, daß dann unsere Überfahrt gelingt.

 

Und der Friede Gottes…