Predigt zu Apg 2, 1-12 und der Krippe von „Brot für die Welt“

am 6.1.2007 in Würzburg St. Stephan

 

 

Liebe Präparandinnen und Präparanden, liebe Gemeinde,

bis zum 6. Januar stehen sie alle noch, dann werden sie nach und nach abgeschmückt und entsorgt: die Christbäume. Die Krippenfiguren kommen wieder in die Schachtel, und morgen ist leider schon wieder der letzte Ferientag.

Aber damit ist Weihnachten nicht vorbei! Das Evangelium heute erzählt noch einmal von Menschen, die an die Krippe kommen um Jesus Christus anzubeten: Weise Männer aus einem fernen Land im Osten, wo immer am Morgen die Sonne aufgeht. Arm waren sie nicht. Wer Gold, Weihrauch und Myrrhe mitbringt, der ist nicht arm. Darum hat man sie später auch zu Königen gemacht. Und sie waren sich nicht zu schade, ein Kind in einem einfachen Stall zu suchen. Sie hatten einfach nur Sehnsucht – die beste Voraussetzung, um Weihnachten zu erleben. Und der Stern zeigte ihnen den Weg.

Gehen wir heute noch einmal mit ihnen zur Krippe.

Aber gehen wir zu einer besonderen Krippe – zu der, die Sie auf einem Foto zum Mitnehmen bekommen haben. Diese Krippe von „Brot für die Welt“ ist vor fast 20 Jahren in Herne im Ruhrpott initiiert worden. Seitdem wandert sie durch verschiedene Gemeinden und Einrichtungen, die jeweils etwas neues dazu gestalten. Und in den letzten Wochen war sie im Missionswerk unserer Landeskirche in Neuendettelsau zu bewundern.

Was ist das für eine Krippe?

Sie besteht ganz bewusst aus Abfallstoffen, der Existenzgrundlage für Millionen Armer und ihrer Kinder. Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, wie ich einmal in Kairo mit einer Gemeindeschwester hinaus auf die Müllhalden gefahren bin, wo vor allem koptische Christen leben. Sie leben vom Abfall, sie sortieren aus, sammeln Rohstoffe und verbrennen den Rest. Darum sind sie oft lungenkrank. Und sie hausen auf der Müllhalde.

Eine Müllhalde gehört auch zu dieser Krippe von Brot für die Welt. Auf ihr hat der Verkündigungsengel seinen Platz. Der Stall besteht aus einem alten Karton, ausgekleidet mit platt gehämmerten Getränkedosen. Maria sieht aus wie eine kräftige Indianerin aus den Anden, die gerade dabei ist, ihr Baby zu stillen. Eigentlich das Beste und Normalste auf der Welt – oder haben wir uns Jesus damit bisher gar nicht vorgestellt?

Und immer neue Figuren kamen dazu. Eine Papuafrau mit einem Ferkel, dem kostbarsten Geschenk, das sie machen kann. Es gibt auch eine Afrikanerin mit Baby auf dem Rücken, die an ihrem Kleid das Aids-Zeichen trägt.

Und vorne in der Mitte stehen Gaben. Nicht Gold, Weihrauch und Myrrhe, sondern ungeschälter Reis, Hülsenfrüchte und Speiseöl; dazu ein Eimer voll sauberen Trinkwassers und ein Bündel Brennholz – eben alles, was eine Familie zum Leben braucht! Und schließlich schleppt der Esel als inoffizielles Wappentier der Aktion Brot für die Welt einen Sack Kaffee aus fairem Handel heran.

Es ist wirklich eine ungewöhnliche Krippe.

Denn auch der Kindermord von Bethlehem kommt darin vor: Herodes gibt den Soldaten mit ausgestrecktem Arm den Mordbefehl. Seine Einsatzgruppe besteht nicht aus einzelnen Figuren. Sie ist als schwarz lackierte Silhouette aus einem Karton herausgeschnitten. Wer sich als Werkzeug dem Massenmord zur Verfügung stellt, verliert Gesicht und Menschlichkeit – auch im Dritten Reich mit dem Holocaust war das so. Der „Judenstern“ über der Krippe erinnert daran.

Die Außenseiter unserer Gesellschaft sind ganz individuelle Persönlichkeiten, die als Hirten zur Krippe kommen: Da ist die Obdachlose mit Kippe und Flasche, der Skin, hoffnungsvoll zusammen mit dem erkennbar ausländischen Mädchen, der Mensch, dem jemand einen Euro in die Hand gedrückt hat.

Und im Jahr 2004 ließ sich die Markus-Gemeinde in Magdeburg etwas Besonderes einfallen: Sie ließ die Verheißung aus der Weihnachtsgeschichte "Friede auf Erden" in mehr als 100 Sprachen übersetzen, verarbeitete jeden Satz zu einem Stern, und schmückte damit die Himmelskulisse rund um die Krippe.

Mich fasziniert diese Ehrlichkeit, die auch an Weihnachten Armut und Elend nicht ausspart. Und im Grunde genommen tut Ihr als Präparandinnen und Präparanden heute nichts anderes. Mit Worten, Gedanken und Gebeten bringt Ihr Menschen hierher in die Stephanskirche, die unter schlimmen Lebensbedingungen leiden. Die Kaffeebauern und Kakaopflanzer, die für ihre Arbeit einen Hungerlohn bekommen. Die Kinder, die in Elendsvierteln und Fabriken ihr Leben fristen. Kranke Menschen, die keinen Zugang haben zu medizinischer Hilfe. Menschen, die von Naturkatastrophen betroffen sind oder von kriegerischer Gewalt. Sie gehören alle auch hier in unseren Gottesdienst und an die Krippe. „Friede auf Erden“ – das gilt auch für alle diese Menschen. Das gilt besonders für sie!

Darum beten wir heute. Und wir beten nicht nur. Wir machen uns auch Gedanken darüber, was wir dazu tun können, daß einzelnen Menschen geholfen wird. Sicher durch Spenden und Hilfsprojekte. Und auch, indem man sich Gedanken macht über wirtschaftliche Zusammenhänge.

Was ist eigentlich fair an den Mechanismen im Welthandel? – so habt Ihr vorhin gefragt. Nein, es ist nicht fair, wenn Kinder Teppiche knüpfen um den Lebensunterhalt der Familie zu sichern. Es ist nicht fair, wenn Großkonzerne die Preise diktieren, nur damit bei uns der Kaffee und die Schokolade billig zu kaufen sind. Und da kommen wir ins Spiel. Als Verbraucher, die sich vergleichsweise viel leisten können im reichen Europa. Und da können wir etwas tun. Wir müssen nicht immer dieses Spiel mitmachen, das anderen schadet. Spielen wir fair!

Was das bedeutet, erlebe ich momentan mit meinem Sohn Hans-Christian. Er spielt für sein Leben gern Malefiz oder – wie man dieses Spiel auch nennt - Barrikade, obwohl er sich furchtbar darüber aufregen kann, wenn er verliert. Es ist zwar nicht unfair, aber äußerst unangenehm, wenn man von den weißen Barrikadesteinen so blockiert ist, daß man nicht mehr weiter zum Ziel kommen kann. Unser Wirtschaftssytem funktioniert ganz genauso. Viele Menschen haben gar nicht die Möglichkeit, weiterzukommen. Sie sind blockiert, weil sie das Pech gehabt haben, vielleicht gerade in einem Slumviertel geboren zu werden. Ihre schiefen Knochen und Geschwüre behandelt keiner. Sie haben keine Schulausbildung und keine Arbeit und keine Lebensperspektive. Das sind hohe Barrikaden! Aber immer wieder lässt sich eine für einen einzelnen Menschen aus dem Weg räumen. Jene Schwester in Kairo, von der ich am Anfang erzählt habe, hat den Menschen auf den Müllhalden Zement und Sand finanziert, damit sie sich ein festes Haus bauen konnten. Eine ganze Straße mit Häusern war so damals schon entstanden. Sie hat es organisiert, daß die jungen Frauen eine Nähmaschine und eine Ausbildung in Hauswirtschaft bekommen und daß Kranke zu einem Arzt gebracht werden. Das kann man tun! Man kann auch anders einkaufen, auf fair gehandelte Waren achten. Sie sind teurer, natürlich. Aber wenn man eine Tasse Kaffee weniger trinkt, gleicht sich das aus. Oder man denkt an die Menschen, die dadurch vernünftige Lebensbedingungen erhalten und wieder ein Stück im Leben weiterkommen können ohne Barrikaden – das ist fair!

Vielleicht kann ich nur wenig dazu beitragen kann, daß der Friede auf Erden für einen anderen Menschen ganz konkret erfahrbar wird. Aber dieses wenige ist wertvoll und sinnvoll für mich.

So wertvoll, wie es eine Krippe aus Abfall sein kann, wenn sie mir die Weihnachtsbotschaft ehrlich und ungeschminkt vermittelt. Vielleicht werden wir dann auch so weise wie die Weisen aus der Bibel, die in diesem Kindergesicht das Heil der Welt gesehen haben. Und vielleicht ist es auch ein Fingerzeig Gottes, wenn wir in unserem Denken kritischer werden und immer wieder über unser Konsumverhalten nachdenken. Schließlich war es ja auch ein anderer Weg, auf dem die Weisen zurückgekehrt sind in ihr Land. Mehr wird von ihnen nicht in der Bibel berichtet.

Und was tun wir, wenn wir in unsere Häuser und Familien zurückkehren? Versuchen wir, noch einmal etwas vom Weihnachtsfrieden mit nach Hause zu nehmen. Die Armen aus der Brot-für-die-Welt-Krippe haben uns heute diesen Frieden neu verkündigt: aus Abfall gemachte Figuren, Menschen, die unsere Solidarität brauchen und unser Gebet. Eine Krippe, die uns verändern kann. Weil sie schlicht und ehrlich verkündigt: Da in dieser Welt, in Deiner Welt, ist Gott lebendig. Und wo Gott lebt, da wird die Welt heil.

 

Und der Friede Gottes…