Predigt zu Mt. 6, 19-23 am Erntedanksonntag
30.9.07 in Würzburg St. Stephan von Pfr. Jürgen Dolling.
Liebe Gemeinde,
jedes Kind weiß, was es mit dem
Erntedankfest auf sich hat: Es geht um die Ernte und um das Danken. Aber kaum
einer von uns fährt mit dem Traktor über’s Feld oder
könnte noch eine Erntekrone binden. Wir kaufen die Kartoffeln pfundweise in
Plastik verpackt im Supermarkt, und eigentlich haben wir das ganze Jahr über alles
im Überfluß.
Ist da das Erntedankfest nicht ein
Stück Nostalgie aus einer längst vergangenen Zeit?
Das wäre es tatsächlich, wenn wir
nicht selber einen Bezug dazu herstellen. Erntedank ist nämlich ein aktuelles
und wichtiges Thema des Lebens.
Wir haben ja auch viel geerntet,
empfangen: Wir haben zu essen und zu trinken, es herrschen Friede und Wohlstand
in unserem Land, wir erleben Liebe und Freundschaft und persönliche Dinge, die
unser Leben reich machen. Das alles ist nicht selbstverständlich. Dafür danken
wir Gott und feiern Abendmahl an seinem Tisch –
unseren Erntedank!
Aber man darf heute auch nicht nur
von schönen Dingen reden. Manche von uns erleben vielleicht Zeiten der Not, wo
es einem schwer fällt, für irgendetwas dankbar zu sein. Aber es geht beim
Erntedankfest auch nicht um ein oberflächliches Danke-Sagen,
nicht bloß um einen Akt der Höflichkeit, wenn man etwas geschenkt bekommt.
Sondern es geht um eine Lebenshaltung. Es geht darum, empfangen und auch
loslassen zu können. Beides ist dieselbe Haltung: geöffnete Hände! Und darin
hat alles schöne, die Lebensfreude und der Dank Platz, aber auch unsere Bitten
und alles, was wir heute in Gottes Hände legen wollen.
Auch der Bibelabschnitt für diesen
Erntedanksonntag erzählt nicht nur von positiven Dingen. Daß
es aber ausgerechnet Motten sind, Rostfraß, Diebstahl und Finsternis, über die
ich heute reden soll, das liegt daran, daß uns heute
ein Stück aus der Bergpredigt Jesu vorgegeben ist. Es klingt im ersten Moment
vielleicht ein wenig merkwürdig. Aber ich finde es spannend, zu sehen, was das
mit uns und mit dem Erntedankfest zu tun hat:
„Ihr sollt euch nicht Schätze
sammeln auf Erden, wo sie die Motten und der Rost fressen und wo die Diebe
einbrechen und stehlen. Sammelt euch aber
Schätze im Himmel, wo sie weder Motten noch Rost fressen und wo die Diebe
nicht einbrechen und stehlen. Denn wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz.
Das Auge ist das Licht des Leibes. Wenn dein Auge lauter ist, so wird dein
ganzer Leib licht
sein. Wenn aber dein Auge böse ist,
so wird dein ganzer Leib finster sein. Wenn nun das Licht, das in dir ist,
Finsternis ist, wie groß wird dann die Finsternis sein!“
Soweit die Worte Jesu nach dem
Matthäusevangelium Kap. 6.
Diese drei Dinge sind ja nun
wirklich unangenehm: Motten, Rostfraß und Diebstahl. Wer das einmal erlebt hat,
kann ein Lied davon singen: Wenn die edle Bluse im Schrank auf einmal Löcher
aufweist. Oder wenn der TÜV einem bescheinigt, daß
man eigentlich kein modernes Auto mehr fährt, sondern eine Rostlaube. Oder wenn
man wieder einmal bekümmert feststellen muß, daß Diebstahl auch nicht vor einer Kirche halt macht – es
ist noch nicht lange her, da wurde unsere Orgelpfeife gewaltsam geöffnet, und
vor ein paar Tagen verschwand auch unser Gebete-Buch
hier in der Nische unserer Taufkapelle (Anmerkung nachträglich: Das Gebete-Buch fand sich nach dem Erntedankgottesdienst wieder
– Gott sei Dank!).
Das ist traurig und ärgerlich, aber
es ist Realität.
Und genauso realistisch müssen wir
sein, wenn es um unseren Glauben geht. Motten, Rostfraß und Diebstahl gibt es
ja nicht nur im Leben, sondern auch im Glauben – sagt Jesus.
Der Glaube ist ein Geschenk Gottes
und wächst durch Erfahrung: Durch Vorbilder, das Abendgebet am Bett, ganz
bestimmte Ereignisse oder eine schöne Konfirmandenzeit, wo man den Glauben an
Gott als schön und wertvoll erlebt hat. Aber allzu oft hängt man seinen Glauben
wie eine Jacke in den Schrank – nur für Notfälle sozusagen. Aber dann ist es
auch kein Wunder, wenn sie von Motten zerfressen wird, und wenn sie nach all
den Jahren überhaupt nicht mehr zu den Veränderungen im Leben paßt. Glaube will an jedem Tag gelebt werden, wie eine
Jacke, die man täglich trägt. Nur so haben die Motten keine Chance!
Und dann ist da die Rede vom
Rostfraß. „Liebe rostet nicht!“ heißt es in einem Sprichwort. Und doch ist es
im Leben manchmal anders. Da wird mit der Zahl der Ehejahre Zuneigung zur
Gewohnheit, die einstige Liebe bekommt Rostflecken durch Gleichgültigkeit.
Manches ist vielleicht anders geworden, als man es sich vorgestellt hat. Etliche
geben dann auf, anstatt das zu tun, was man eigentlich tun müßte:
entrosten, Dinge beseitigen, die marode geworden sind, die Gemeinsamkeit wieder
suchen. Dazu zu helfen, ist viel wichtiger, als die Ehe zu einem flüchtigen
Gebilde aus Unverbindlichkeiten zu machen, dem man alle sieben Jahre wieder neu
seinen Segen geben muß.
Und schließlich redet Jesus vom
Diebstahl. Diebe kommen meistens ohne, daß man etwas
merkt und nur dann, wenn man ihnen Gelegenheit dazu gibt. So hat die schöne
Konsumgesellschaft bei uns auch ihre Schattenseiten. Es gibt Skandale um
Lebensmittel. Was Gammelfleisch ist, das weiß inzwischen jeder. Offenbar kann
man daran soviel verdienen, daß Menschen dafür kriminell
werden – ein Diebstahl von Hygiene und Lebensqualität zum Schaden anderer. Man
sieht auch den Lebensmitteln die Chemie nicht an, die manchmal darin steckt.
Das Gift im Kinderspielzeug lässt sich erst mit einem Labortest ermitteln - ein
Verbrechen an den Kindern und an denen, die damit als Arbeiter tagtäglich
umgehen müssen!
Was kann man dagegen tun? Kritisch
auswählen, was man kauft. Immer auch etwas übrig haben für die Umwelt und für
anständige Arbeitsverhältnisse. Sich informieren und damit persönlich auch ein
Stück Verantwortung übernehmen für den eigenen Konsum.
Die Feldfrüchte in unserem
Erntewagen und das Erntedankbrot auf dem Altar sind eine Erinnerung daran, daß wir all das wert schätzen und es nicht nur konsumieren!
Und noch ein Beispiel für Rostfraß
in unserer Zeit. Gestern stand wieder eine große farbige Anzeige in der Zeitung
zu einer Ausstellung in Bad Kissingen: „Echte Körper – von den Toten lernen“.
Zwar haben schon immer Ärztinnen und Ärzte an den Körpern in der Anatomie viel
gelernt. Aber bis vor wenigen Jahren hat man keine Verstorbenen plastiniert und sie öffentlich zur Schau gestellt. Das ist
ein Rostfraß unserer Zeit! Es macht einen nicht mehr sensibel gegenüber
verstorbenen Menschen, man hat keine Achtung mehr vor dem Tod, manche finden es
gerade deswegen faszinierend, weil es „echte“ Körper sind.
Auf der anderen Seite sind immer
weniger Menschen fähig, mit dem Sterben in der eigenen Familie zurecht zu kommen. Wo redet man noch über das Altwerden und
über das Sterben? Früher hat man einfach gewusst, was dann zu tun und auch was
zu lassen war. Verstorbene durften im Haus bleiben, man hat gewacht und gebetet
und sie würdig begraben. Das müssen wir heute wieder lernen. Wir dürfen uns
nicht auffressen lassen von denen, die mit angeblichen Sensationen die Würde
zerstören und Geld damit machen.
Das ist schon kritisch formuliert
mit diesen Worten aus der Bergpredigt, die uns an die irdischen Motten, den
Rostfraß und die Diebe erinnern.
Aber Jesus sagt am Ende auch noch
etwas sehr schönes: „Sammelt euch aber Schätze im Himmel, wo sie weder Motten
noch Rost fressen und wo die Diebe nicht einbrechen und stehlen. Denn wo dein
Schatz ist, da ist auch dein Herz.“
Genau diese Schätze auch im Himmel
sind an Erntedank wichtig. Wir können sie uns nicht verdienen, wir haben kein
himmlisches Konto, das mit jeder guten Tat wieder ein wenig aufgestockt werden
kann – nein, so sind die Schätze im Himmel nicht gemeint.
Sondern der größte Schatz ist unsere
Beziehung zu Gott, wenn wir mit ganzem Herzen mit Gott leben. Jesus hat das
getan. Er ist nicht einmal dem Kreuz ausgewichen. Und wir Menschen ernten nur,
was er vollbracht hat, weil es seitdem nichts auf der Welt gibt, was uns von
Gottes Liebe trennen kann.
Das ist viel wertvoller als alle
irdischen Dinge zusammen genommen. Im Buch der Sprüche Salomos findet sich dazu
auch dieser Satz: „Du richtest deine Augen auf Reichtum, und er ist nicht mehr da,
denn er macht sich Flügel wie ein Adler“ (Spr. 23, 5)
– so ist es mit den Schätzen unserer Welt. Und darum redet Jesus von den Augen,
die hinter die Dinge sehen, die Gott suchen und die Leib und Seele licht und
froh werden lassen: „Ich habe den Herrn allezeit vor Augen, darum freut sich
mein Herz und meine Seele ist fröhlich“, heißt es in Psalm 16.
Es gibt keinen schöneren Gedanken
zum Erntedankfest als diesen!
Und wenn es Dinge gibt, die uns das
Danken, das Glauben und das Lieben schwer machen, wenn Dinge unsere Seele
verdunkeln, wenn unser Blick auf Gott den Herrn verstellt ist durch
Gleichgültigkeit, durch manchen Schmerz oder durch Lieblosigkeit, dann ist es
Zeit, daß wir diesen seelischen Sperrmüll nach
draußen stellen, damit Gott ihn abholt. Und dann wird es vielleicht ganz
einfach sein, das Kostbare für diesen Tag heute zu sehen und Gott dafür zu
danken. Heute, in diesem Gottesdienst, haben wir Gelegenheit dazu!
Und der Friede Gottes, der höher ist
als alle menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus
Christus, unserm Herrn. Amen.