Die Freude der Auferstehung

Predigt am Ostersonntag 2008

Würzburg St. Stephan

Dekan Dr. Günter Breitenbach

 

 

Liebe Gemeinde,

das Osterevangelium begegnet uns heute im Zeugnis eines Künstlers.

„Die Freude der Auferstehung“ ist der letzte große Werkzyklus, den der Bildhauer und Maler Ernst Steinacker von Schloss Spielberg bei Heidenheim am Hahnenkamm, südlich von Gunzenhausen, gestaltet hat. Er malte diese Bilder um seinen 80. Geburtstag herum. Wenn ich einmal sterbe, so schrieb er damals, so möchte ich, „dass der, der an meinem Grab steht, nicht traurig und hoffnungslos wird, sondern Tröstung und Zuversicht spürt. Da geht einer voll Erwartung uns zur Auferstehung voraus, einer, der der Freude ohne Grenzen entgegen gehen will. … Und nicht glaubt, dass er in die Irre geführt wird.“

 

Heute vor drei Wochen, am Sonntag Lätare, dem kleinen Ostern in der Passionszeit, ist Ernst Steinacker unerwartet im Alter von 88 Jahren verstorben. An diesem Tag lautete der Wochenspruch: „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, so bleibt es allein, wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.“ Mich hat das sehr bewegt, denn seit Beginn der Passionszeit liegt in unserer Krypta als Vorbote dieser Osterausstellung eine Holzskulptur von Ernst Steinacker mit dem Titel: Das Weizenkorn.

 

Wie kam der Künstler dazu, das wohl Schwierigste in der religiösen Kunst neben dem Gottesbild, nämlich die Auferstehung ins Bild zu setzen? Und wie kam er dazu, dies so leicht und lebendig, so fröhlich und so farbenfroh zu tun? Ernst Steinacker war, je älter, desto mehr, ein Visionär. Er schaute sozusagen in die jenseitige Welt. Vielleicht wird dies am deutlichsten am folgenden von im verfassten Text:

 

„Ich träume und sehe

fremdartige Wesen um mich –

ich möchte sie über das

Jenseits befragen – ob sie

von dort kommen – und ob

sie wieder belebt seien –

ob sie glücklich und

froh seien. Sie wollen

mir antworten, da ändert sich

die Szene – wie leuchtende

Kristallsäulen bewegen

sie sich, von unten nach

oben, im herrlichen Farben-

spiel. Es ist herrlich!

Ein wunderbares Licht be-

leuchtet die Farben.

Düsterkeit und Schatten

ziehen an mir vorbei. Nichts

Schreckliches trübt die

hehre Majestät dieses Schauspiels. –

Sehe ich ins Jenseits?

Ich spüre wie alle Mühe und

Qual des Lebens entweicht,

und nur die Freude bleibt.“

 

Wie hat Ernst Steinacker die Welt der Auferstehung dargestellt? Voller Leichtigkeit und Bewegung, voller Zeichen und Formen. Engel sind überall – oder verklärte Menschen. Freie, gelöste, lichtdurchflutete Körper mit ungewohnten Gesichtern, Augen voller Staunen, Gestirne, Kreuze, die aufgenommen sind in ein sinnstiftendes Ganzes. Oben und unten gibt es nicht mehr, alles schwebt schwerelos, fließt, verändert sich ständig, ohne formlos zu werden. Über allem und in allem spürt man Gott, alles geschieht in Gottes Gegenwart, ist in Gott geborgen, dargestellt in Gelb und Gold, alles glänzt und leuchtet. Ernst Steinacker schreibt dazu:

 

„Komm sei einer von uns, klingts aus den

Stimmen der Engel.

Steig mit uns hinauf in die sonst unerreichbaren

Höhen. Still deinen Hunger – wo Brot Manna ist

lösch deinen Durst der Sehnsucht.

Der Traum ist erfüllt: nicht der, den eure Seele

durch Nächte schleppte – Höllenängste durchlitt.

Alle Angst ist Vergangenheit. Alles was im Nebel

verborgen – ist nicht mehr.

Kristalle der Berge erglühen in Sonnen

und ihr braucht euch nicht mehr zu sorgen

noch um Gerechtigkeit bangen und nicht

fürchten, wenn ihr tanzt, dass ihr stürzen könnt.

Ward ihr gekreuzigt in der Liebe – auferstanden

in der Liebe seid ihr, und gehüllt in den Flügel

ewiger Freude.“

 

Natürlich wusste auch Ernst Steinacker: die Welt der Auferstehung ist uns verborgen und unsere Vorstellungen sind vorläufige, menschliche Vorstellungen. So sagte er selbst über seine Osterbilder: „Vielleicht sind es Sehnsuchtsträume eines reifen Mannes. Sicher.“ Aber er fügte hinzu: „Sie möchten eine Gewissheit ausstrahlen – eine gefundene Freude.“

 

Liebe Gemeinde, so geheimnisvoll uns die Welt bleibt, in die Jesus nach dem Osterereignis eingeht, so bleibt doch die Tatsache, dass es bereits jetzt Gewissheit gibt und österliche Freude. Eine Freude, die wir nicht gemacht, sondern gefunden haben. Ernst Steinacker wusste, dass der Osterglaube ein Geschenk ist:

 

„Wie ein Traumwandler in der Kunst komme ich mir vor. Nicht wie ein Philosoph, der geistig Neues will – eine Erneuerung – Erkenntnis sucht. Den Menschen auf Gott hinweisende Richtungen aufzeigen will, also verkündigend sein will. Welt und Kunstrichtungen aller Art und Zeit suchen solches. Ich bin nicht so, dass ich die Wüste grün und blühend machen will, nicht wie ein Lehrer, der Richtung und Weisung angeben will. Mehr wie ein folgsames Kind, dem man sagt: - tu dies – tue ichs. Wie eine Blume in ihrer Zeit sich sebstverständlich entfaltet, entfalte ich das, wie man sagt, seelisch-innere, das nicht nach Nutzen fragt.“

 

So ist das mit unserem Osterglauben, liebe Gemeinde. Natürlich kann man sagen: Das sind Sehnsuchtsträume. Aber ihre Kraft ist da, die Freude, die Gewissheit. Wir haben sie nicht gemacht , sondern empfangen. Wie eine Blume, wie ein Kind. So ist dem Glaubenden sein Osterglaube letztlich das Selbstverständlichste auf der Welt.

 

Aber schauen wir uns die vier Bilder, die Ernst Steinacker uns Stephanern für die Zeit von Ostern bis Pfingsten zugestanden hat, einmal näher an. Es sind nur vier aus einer größeren Sammlung. Der Rest hängt im Kloster Heidenheim. „Dann habt Ihr eine Freud und wir auch“, so hat es mir der Künstler begründet. Aber auf den vier Bildern ist wahrhaft genug zu sehen:

 

Das erste Bild zeigt ein Christusantlitz. Noch gezeichnet vom Karfreitag, hinabgestiegen in das Reich des Todes. Kann da der Anbruch des neuen Lebens zunächst etwas anderes sein als ein neues Erschrecken? Waren nicht auch die Frauen am Grab und die Jünger am Ostermorgen erschrocken? Mit großen Augen schaut der Herr auf das unbegreifliche, das vor seinen Augen geschieht. Wie mag wohl der Sterbende Künstler am Sonntag Lätare die neue Welt geschaut haben? Das Thema de Augen findet sich übrigens auf allen folgenden Bildern wieder.

 

Auf dem zweiten Bild steigen die Leiber der Erlösten wie aus der Flut empor. Unten ist noch ein Totenkopf zu sehen. Aber über ihnen ist bereits das goldene Licht und in ihm ein Gotteszeichen.

 

Auf dem dritten Bild schweben sie erlöst durch weite Räume, ganz leicht, vom Licht durchleuchtet, von der Freude durchglüht. Befreit, mit lichtverklärten Augen. 

 

Das vierte Bild verdichtet noch einmal das Geheimnis. Die Farbe Rot tritt in den Vordergrund. Die erlösten Gestalten sammeln sich um einen geheimnisvollen Mittelpunkt. Das Auge Gottes ist da zu sehen, das himmlische Jerusalem, in das auch das INRI, auf den Kopf gestellt eingezeichnet ist. Eine Fülle von Zeichen, für uns Irdische nicht zu erfassen: Gott, alles in allem.

 

Liebe Gemeinde, all dies ist nur ein irdischer Versuch, das Unsagbare aussagen, das uns an Ostern begegnet. Es menschlich auszusagen. Ernst Steinacker war alles andere als eine ätherische Gestalt. Eher eine kantige, sperrige Persönlichkeit. Ein alter Herr mit weißem Schnauzbart und schwieligen Händen, noch im hohen Alter voller Leben und Tatendrang. Einer, der Hammer und Meißel sicherer führte als Pinsel und Schreibfeder. Ein Bauernsohn und gelernter Steinmetz aus dem Ries, erdverbunden und kritisch gegen den oft so eitlen Kunstbetrieb.

 

Es ist wohl schon 15 Jahre her, seit ich ihn eher zufällig kennen gelernt habe. Vor 10 Jahren war er bei uns in der Gemeindeakademie Rummelsberg zu Gast. „Das schaut ja aus wie eine Sparkassenakademie“, sagte er mürrisch. „Da gehören Engel hin.“ Seither stehen dort vor dem Haus zwei zweieinhalb Meter hohe, schlanke Engel aus Jurakalkstein. Und als ich ihn voriges Jahr fragte, warum er in letzter Zeit so oft die Auferstehung male, meinte er nur: „Im Himmel is fei schö.“ Und fügte hinzu: „Wenn ihr in Würzburg mal was von den Sachen braucht, sagt halt Bescheid.“ Ich habe ihm gerne Bescheid gesagt. Denn was bräuchten wir nötiger als die Freude der Auferstehung?

 

Natürlich hatte ich gehofft, dass er heute hier sein könnte. Aber nun hat er eben Besseres zu tun. Aber noch einmal grüßen soll er uns an diesem Ostermorgen, und zwar mit seinem vielleicht schönsten Text. Der steht übrigens auch auf seiner Todesanzeige:

 

„Was ängstigt ihr euch

noch – öffnet die ver-

schlossenen Türen, lasst

herein das Neue,

das Verbrauchte ent-

fliehe – öffnet die

Schleusen des neuen

Lebens, dass es durch euch

fliesse – und vergessen

sind die müden Ordnungen

von einst. Tot sind sie.

Nur Hindernisse für

Euch – sie engen doch

nur ein.

Die Freude wird leben

In Allem, frei,

neu wird alles sein, heißt es.

Es ist Abkehr,

die einen neuen

Abschnitt herausfordert.

Nur der kann

verstehen, der glaubt!

Ohne Irre zu werden.“

 

Und der Friede Gottes … Amen.