Rundfunkgottesdienst am Ostersonntag 2007
Würzburg St. Stephan
Dekan Dr. Günter Breitenbach

Liturgische Texte

 

 

Eröffnung

„Christus ist auferstanden von den Toten,

Er hat im Tode den Tod besiegt

und denen im Grabe das Leben gebracht.“

 

Liebe Festgemeinde hier in der evangelischen Dekanatskirche St. Stephan in Würzburg,

 liebe Hörerinnen und Hörer des Bayerischen Rundfunks,

seien Sie alle sehr herzlich gegrüßt an diesem Ostermorgen.

Wir werden in diesem festlichen Gottesdienst das Osterevangelium hören

und unseren Gott für den Sieg des Lebens loben.

 

Christus ist auferstanden von den Toten –

es waren Frauen, die es als erste erfahren haben:

Jesus lebt, und er gibt uns den aufrechten Gang zurück.

Stimmen wir in ihr Auferstehungszeugnis ein mit dem altkirchlichen Osterhymnus „Christ ist erstanden“.

Im Evangelischen Gesangbuch ist dies die Nummer 99.

 

Überleitung zum Psalm

Wir hören aus dem Psalm für das Osterfest, Luthers Lieblingspsalm 118:

 

(Psalm  118, 15 – 18. 22 – 25)

 

Psalmkollekte

Du Gott des Lebens,

Du überlässt uns dem Tode nicht. Wir bitten Dich:

Hole uns heraus aus unseren Ängsten und Lähmungen.

Spiel´ uns das Leben neu zu.

Lass´ uns die Weite spüren.

Mach uns zu Botinnen und Boten des Lebens,

aufrecht, unabhängig und frei. Amen.

 

 

Gnadenwort/Lob- und Dankgebet

„Der Tod ist verschlungen in den Sieg!

Tod, wo ist dein Stachel?

Hölle, wo ist dein Sieg?

Gott aber sei Dank, der uns den Sieg gegeben hat

durch unseren Herren Jesus Christus.“

 

Ja Herr,

heute wollen wir uns freuen an Deinem Sieg.

Heute wollen wir staunen über das Wunder, das Gott an Dir getan hat.

Heute wollen wir es Dir glauben, dass Gott auch an uns Wunder tut.

Staunend und tastend folgen wir Dir

aus dem Bannkreis des Todes

in die Freude deiner Lebendigkeit.

Dir, der lebt und Leben schafft

sei Ehre unter den Sterblichen,

heute und in Ewigkeit. Amen.

 

Überleitung alttestamentliche Lesung

Wir hören die alttestamentliche Lesung zum Osterfest

Aus dem ersten Buch Samuel im 2. Kapitel.

Im Lobgesang der Hanna klingt bereits an,

was die Frauen um Jesus am Ostermorgen erfahren

Herr, mein Herz ist fröhlich. Ich habe mein Haupt erhoben.

 

(1. Samuel 2, 1 – 2. 6 – 8a)

 

 

Überleitung zur neutestamentlichen Lesung

Das Osterevangelium berichtet von Maria Magdalena und ihrer Ostererfahrung.

Sie ist die erste, die dem Auferstandenen begegnet.

Wir hören Johannes 20, die Verse 11 – 18:

 

(Joh. 20, 11 – 18)

 

 

Fürbitten

Du Gott des Lebens,

unerforschlich ist Dein Geheimnis,

unbegreiflich Deine Macht.

Aus dem Nichts hast Du alles geschaffen.

Aus dem Tod hast Du das Leben gerufen.

Über alle Mächte hast Du Deinem Sohn die Macht gegeben.

 

Weil Du ein Gott des Lebens bist,

bitten wir Dich für alle, deren Leben bedroht ist,

für Kranke und Sterbende,

für Verfolgte und Gequälte,

für alle leidende Kreatur.

Deine Lebenskraft sei der Ohnmächtigen Stärke,

Deine Macht der Machtlosen Schutz.

 

Weil Du ein Gott des Lebens bist,

bitten wir Dich für alle, die ihr Leben verspielen,

für die, die keine Hoffnung mehr haben und nichts mehr erwarten,

für die, die ihre Möglichkeiten missbrauchen,

für die, die kalt und gefühllos das Leben zerstören.

Deine Lebensmacht sei stärker als alle Blindheit und aller Wahn,

deine Lebenskraft verändere und erneuere die Herzen.

 

Weil Du ein Gott des Lebens bist,

bitten wir Dich für alle, die nach Dir suchen,

für alle, die das Wunder der Auferstehung noch nicht begreifen können,

für alle, die mit ihrem Lebensschicksal hadern,

für alle, die vom Sieg des Lebens reden, aber nicht daraus leben.

Deine Macht sei stärker als aller Zweifel,

Deine Klarheit sei unsere Gewissheit.

 

Allmächtiger, ewiger Gott,

alles was ist, zeigt Deine Macht,

alles was atmet, lobt Deinen Namen,

alles was lebt, dient Deinem Willen,

alles was stirbt, kehrt zurück zu Dir.

Mit allen Geschöpfen loben und preisen wir Deinen Namen,

das Geheimnis Deines Seins und die Unermesslichkeit Deiner Macht,

die Tiefe Deiner Gnade und die Unergründlichkeit Deiner Wahrheit.

Auferstandener Christus, Dich beten wir an,

der Du in der Einheit mit dem Vater im Heiligen Geist lebst und Leben schaffst,

heute und in Ewigkeit. Amen.

 

Sendung und Segen

Und nun geht in diesen Ostermorgen mit dem Segen unseres Gottes.

Traut dem Leben, wie immer es euch begegnet.

Traut dem auferstandenen Christus, wo immer er sich Euch zeigt.

Begegnet einander in Freiheit und herzlicher Freude.

 

Der HERR segne Euch und behüte Euch.

Der HERR lasse sein Angesicht leuchten über Euch und sei Euch gnädig.

Der HERR erhebe sein Angesicht auf Euch und gebe Euch Frieden.

 

Anmoderation Glocken

Der Klang der österlichen Glocken von St. Stephan soll Euch geleiten.

Zur Ehre des Auferstandenen soll er sich verbinden mit dem Ostergeläute weltweit

Der ganze Erdkreis soll den Lebendigen loben. Geht in seinem Frieden. Amen.

Predigt im Rundfunkgottesdienst am Ostersonntag 2007
Würzburg St. Stephan
Dekan Dr. Günter Breitenbach

Johannes 20, 11-18

 

 

 

 

Liebe Gemeinde,

liebe Hörerinnen und Hörer,

 

an diesem Osterfest erreicht uns die Auferstehungsbotschaft über eine Frau:

Maria Magdalena, oder: Mirijam von Magdala. Sie ist die erste Zeugin der Auferstehung.

Aus ihrem Mund hören es die Jünger und aus ihrem Mund hören es wir:

 

„Ich habe den HERRN gesehen

Und folgendes hat er zu mir gesagt:

Berühre mich jetzt nicht.

Ich kehre zurück zu meinem Vater,

zu meinem Gott und zu eurem Gott.“

 

Der Evangelist Johannes berichtet in eindringlicher und sensibler Weise,

was alles geschehen muss, bis Maria Magdalena zu diesem Osterglauben findet:

-          bis aus Totenstarre und Schrecken neue Lebendigkeit wird

-          bis ohnmächtige Wut sich in neuen Lebensmut verwandelt

-          bis Verwirrung und Ratlosigkeit einer großen Klarheit  weichen

-          und bis sie öffentlich von dem reden kann, was sie als eine tiefe innere Erfahrung erlebt.

„Ich habe den HERRN gesehen. Und folgendes hat er zu mir gesagt.“

 

Mit der Wiederentdeckung der Rolle der Frauen in der Bibel und der Stärkung ihrer Position in der Kirche hat auch Maria aus Magdala neue Aufmerksamkeit gefunden. In den Buchhandlungen stehen Romane über sie, Kirchen werden nach ihr benannt. Alte Phantasien über ihr Vorleben werden in brandneuen Filmen wieder aufgewärmt. Und vielen ist der Song aus dem Musical Hair im Ohr: “I don’t know how to love him.”

 

Da scheint es mir doch sehr viel bemerkenswerter, wie in einer von Männern dominierten Welt der Bericht über die erste Auferstehungszeugin überhaupt in die Evangelien gelangen konnte. Man muss bedenken, dass noch der Apostel Paulus Maria Magdalena so wie alle Frauen in seiner Liste der Auferstehungszeugen völlig ignoriert  hatte. Aber die vier Evangelien erwähnen sie sowohl bei der Kreuzigung als auch am Ostermorgen. Und Johannes widmet ihr diese anrührende Auferstehungsgeschichte.

 

Was lässt sich verlässlich über Maria Magdalena sagen? Sie hieß Mirijam und stammte aus dem Fischerort Magdala am See Genezareth. Jesus war sie in einer Lebenskrise begegnet. Von sieben bösen Geistern habe er sie befreit, berichten die Evangelien in der Sprache ihrer Zeit. Seitdem sei sie ihm gefolgt wie andere Frauen auch. Und wie die männlichen Jünger. Rabbuni, so habe sie ihn gerne genannt, mein Rabbi.

 

Eine, die das Leben um den Verstand gebracht hatte, war in der Nachfolge Jesu wieder zu einer gereiften und zusammenstimmenden Persönlichkeit geworden. Bis dann der Karfreitag kam und sie zusammen mit Jesu Mutter und einigen anderen Frauen den tiefsten Abgrund ihres Lebens durchschreiten musste:

 

„Es standen aber bei dem Kreuz Jesu seine Mutter und seiner Mutter Schwester, Maria, die Frau der Kleopas und Maria  von Magdala.“

 

Von da kommt sie her, als sie in aller Herrgottsfrühe am Ostermorgen den Begräbnisplatz Jesu aufsucht.

 

„Am ersten Tag der Woche kam Maria von Magdala in der Frühe, als es noch dunkel war, zum Grab und sah, dass der Stein weggewälzt war.“

 

Was nun geschieht ist faszinierend. Schritt für Schritt wird Maria Magdalena an den Osterglauben herangeführt. Es lohnt sich, ihr zu folgen. Denn auch für uns ist ja der Glaube an den Auferstandenen nicht selbstverständlich. Wir haben ihn nicht. Wir machen ihn nicht. Er tut sich uns auf. Und es ist wie ein Wunder.

 

Und so wie für Maria Magdalena geht es auch für uns dabei um eine neue Zuwendung zum Leben. Und um ein Sich - Abwenden von dem, was uns im Bannkreis des Todes festhält. Diese Bewegung der Abwendung vom Tod und der Zuwendung zum Leben können wir an Maria Magdalena beobachten. Nicht nur einmal, sondern mehrmals muss sie sich umwenden, damit sie das Leben wieder sieht.

 

 

I.

 

Zunächst einmal steht sie regungslos und fassungslos da.

 

„Maria aber stand draußen am Grabe und weinte.“

 

Manche von uns kennen das. Gut, wenn man wenigstens ein Grab zum Weinen hat. Maria  ist freilich nicht einmal mehr dies geblieben. Nur noch die Leere. Das Grab ist leer, der Leichnam weggenommen. Wie weit wollen sie denn noch gehen, die, denen nichts heilig ist?

 

Dennoch, Maria  weicht nicht aus. Sie hält dem Unfasslichen stand. Sie schaut in den Abgrund. Und entgegen aller Erwartung bleibt das Grab eben nicht leer für sie. Zwei Engel sieht sie, so sagt sie es später. Und sie hört einen einfachen Satz:

 

„Frau, was weinst du?“

 

Eine vorsichtige, liebevolle Frage, die alles aufnimmt und doch alles in Frage stellt: „Was weinst du?“ So ist es, wenn Gott uns fragt. Er sieht unsere Tränen und er hört unser Weinen. Er spricht uns am Ort unserer Schrecken an. Und indem er uns in unsere Leere entgegenkommt, ruft er uns ganz vorsichtig aus unseren Ausweglosigkeiten heraus. Maria begreift das in diesem Augenblick nicht.

 

Aber zumindest eines erreichen die Engel mit ihrer Frage. Maria macht den Mund auf und sagt, was sie so verzweifelt macht:

 

„Weggeschafft haben sie meinen Herrn und ich weiß nicht, wo sie ihn hingelegt haben.“

 

Bitter klingt das, zornig und völlig hilflos zugleich. Und doch ist dieser Satz der Beginn einer Wandlung.

 

Diese Wandlung wird körperlich sichtbar. Kaum hat sie es gesagt, dreht sie sich um. Vielleicht nur, weil sie den Blick der Engel nicht aushält, vielleicht nur, um zu schauen, ob sie den Leichnam nicht doch noch findet. Aber sie dreht sich um. Ein erstes Mal dreht sie sich um.

 

„Als sie das gesagt hatte, wandte sie sich um.“

 

 

II.

 

„Da sah sie Jesus stehen und wusste nicht, dass es Jesus war.“

 

Der auferstandene Jesus steht also längst hinter ihr, als sie selbst noch ganz auf das Grab und seine Leere fixiert ist. Das scheint mir eine sehr wichtige Beobachtung zu sein. Mit Engelszungen müssen die Boten auf sie einreden, und in aller Vorsicht, damit sie sich zu ihm hinwendet, damit sie überhaupt in die Lage kommt, ihn zu sehen. Was noch lange nicht bedeutet, dass sie ihn auch erkennt. Wie sollte sie auch.

 

Aber er spricht sie an. Er wiederholt noch einmal die Frage: „Warum weinst du?“ Und er fügt die weiterführende Frage hinzu: „Wen suchst du?“ Maria soll nicht nur sagen, was sie verloren hat, sondern sie soll wieder wahrnehmen, was, wen sie eigentlich sucht. Aber noch bleibt sie in ihren Erfahrungen und Deutungen verhaftet. Nur ein kleinwenig Hoffnung blitzt auf. Vielleicht weiß der Fremde ja, wo der verschwundene Leichnam ist.

 

„Hast du ihn weggetragen, so sag, wo du ihn hingelegt hast, dann will ich ihn holen.“

 

Der Fremde geht auf das alles überhaupt nicht ein. Er sagt nur ein Wort, ihren Namen:

 

Mirijam“.

 

Johannes überliefert es in aramäisch, in der Muttersprache der beiden, um die vertraute Nähe auszudrücken, diese ganz persönliche Anrede: „Mirijam“. Mit ihrem Namen ruft Jesus sie aus ihrer Trauer zurück. Er berührt ihre Seele, er spricht sie darauf an, wer sie eigentlich ist, holt sie zurück zu sich selbst, ruft sie zurück ins Leben.

 

 „Ich kenne dich mit Namen.“ - „Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein.“

So wird es wohl auch sein, wenn der Auferstandene uns einst aus den Gräbern ruft. So ist es immer, wenn er uns ruft, seit unserer Taufe. Wie viel Würde, wie viel Trost liegt darin, dass ich namentlich bekannt bin bei Gott.

 

Jetzt wendet sich Maria Magdalena zum zweiten Mal um:

 

„Sie wandte sich um und sagte zu ihm auf hebräisch Rabbuni, d.h. mein Meister.“

 

 

III.

 

Jetzt beginnt der Osterglaube. Sie kommt in Kontakt mit dem auferstandenen Herrn. Er ist nicht eine vergangene Gestalt. Er lebt. Er ist jetzt ihr Meister. Und doch ist ihr Osterglaube noch ganz am Anfang. Mirijam möchte, dass alles wieder ist wie früher. Sie möchte ihrem Rabbi um den Hals fallen. Aber der sagt:

 

„Berühr mich jetzt nicht. Denn ich bin noch nicht zum Vater aufgefahren.“

 

Berühren, begreifen lässt sich der Auferstandene nicht. Er lässt sich nicht in unseren Horizonten festhalten. Er ist auf dem Weg in eine größere Wirklichkeit, die wir in diesem irdischen Leben erahnen, aber nicht endgültig erfassen können. So bleibt Ostern immer auch ein Geheimnis, das sich uns entzieht. Unsere Sehnsucht, etwas Fassbares und Greifbares zu haben, stößt an die Grenzen der Heiligkeit und Verborgenheit Gottes. Die Liebe der Maria aus Magdala zum Rabbi aus Nazareth muss eine neue Form finden. Und so führt der Auferstandene sie zu einer dritten Wendung:

 

„Geh hin zu meinen Brüdern und sage ihnen: Ich fahre auf zu meinem Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott.“

 

Das ist also die dritte Wendung, die Wendung zu den Menschen. So wird es Ostern:

Die, die in die Abgründe geschaut haben, wenden sich ab von den Gräbern. Sie wenden sich dem Auferstandenen zu. Und sie lassen sich von ihm zurück ins Leben schicken.

So wird Maria aus Magdala zur ersten Auferstehungszeugin.

 

„Maria von Magdala geht und verkündigt den Jüngern: Ich habe den Herrn gesehen und das und das hat er zu mir gesagt.“

 

 

 

Liebe Gemeinde, so kommt sie an diesem Osterfest auch zu uns:

-          Eine Frau, die mit Jesus unterwegs war.

-          Eine Frau, die ihm die Befreiung aus ihren seelischen Nöten verdankte.

-          Eine Frau, die unter seinem Kreuz stand und an seinem leeren Grab geweint hat.

-          Eine Frau, die uns die Frage weitergibt: Warum weinst du? Wen suchst du?

-          Eine Frau, die bei ihrem Namen gerufen wird und voll Liebe antwortet: Rabbuni!

-          Eine Frau, die lernt, die Distanz einzuhalten, die der Glaube auf dieser Erde fordert.

-          Und die bekennt: Ich habe den Herrn gesehen. Sein Gott ist mein Gott. Sein Vater ist mein Vater.

 

Die Dichterin Märta Wilhelmson schreibt:

 

Plötzlich fällt es mir wie Schuppen von den Augen:

Frauen waren es, die als erste die Osterbotschaft verkündeten, die unglaubliche.

Frauen waren es, die zu den Jüngern eilten,

die atemlos und verstört die größte aller Nachrichten weitersagten:

ER lebt!

Stellt euch vor, die Frauen hätten geschwiegen!

 

 

Der Friede Gottes ist höher als alle Vernunft.

Er bewahre unsere Herzen und Sinne im auferstandenen Christus.

Amen.