Predigt zu Phil. 2,5-11 am 24.2.08 (Oculi) in Würzburg St. Stephan
(nach „Christus factus est“ von A.
Bruckner - Cappella St. Stephan)
von Pfarrer Jürgen Dolling
Liebe
Gemeinde,
eine wunderbare Musik hat Anton Bruckner da geschrieben. Ein „Graduale“, einen kurzen Gesang im Gottesdienst, der die Epistellesung aufnimmt. Auf Lateinisch, damals die Gottesdienstsprache in der katholischen Kirche. Musikalisch ein Kleinod eigentlich für den Gründonnerstag. Bruckner selbst war schon ein begnadeter Musiker: Vielgerühmt als Domorganist in Linz und Musikprofessor in Wien. Er war „halb Gott“, so sagte es sein Kollege Gustav Mahler, aber auch „halb ein Trottel“. Und es stimmt, daß das Menschliche Anton Bruckner zeitlebens Schwierigkeiten gemacht hat. Er war voller Zwänge – die Takte vieler Partituren nummerierte er akribisch durch, in der Öffentlichkeit hatte er Angst, sich irgendwie eine Blöße zu geben, wenn er Beziehungen zu jungen Frauen suchte, war er linkisch und erfolglos. Er war gehemmt und zerstreut.
Als
junger Mann schlug er – wie sein Vater – zunächst die Lehrerlaufbahn ein und
wurde Schulgehilfe in dem kleinen oberösterreichischen Dorf Windhaag.
Dort war er unter anderem für das
"Angschirren" (Ankleiden) des Herrn Pfarrer
zuständig. Und einmal passierte ihm das Mißgeschick, daß er ihm das Meßgewand verkehrt
überlegte, so daß der längere Teil nach vorne kam.
Der Pfarrer bemerkte das Versehen zunächst selber auch nicht. Erst auf dem Wege
zum Altar stolperte er über sein sonderbares Meßkleid,
trat sich beim Ersteigen der Altarstufen auf den Saum und wäre dabei um ein
Haar mitsamt dem Allerheiligsten niedergefallen. Während der Messe stieg ihm
dann das steife, viel zu lange Tuch beständig bis zum Hals hinauf. Bei seiner
Rückkehr in die Sakristei war er nun keineswegs rosiger Stimmung und versetzte
dem ahnungslos dort wartenden Bruckner eine schallende Ohrfeige, die dieser
sich zunächst gar nicht erklären konnte (Quelle: Hans Commenda:
Geschichten um Anton Bruckner", Verlag H.Muck).
Da kann man nur sagen: Gut, daß solche Zeiten vorbei sind. Und gut, daß
Anton Bruckner – trotz seiner menschlichen Schwierigkeiten - in seiner Musik
hat leben können, und wie!
Mit „Christus factus
est“ hat er einen urchristlichen Hymnus in Töne
gefasst. Dieser Hymnus findet sich im Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde
in Philippi Kapitel zwei:
Seid so unter euch gesinnt, wie es auch der Gemeinschaft in Christus Jesus entspricht: Er, der in göttlicher Gestalt war, hielt es nicht für einen Raub, Gott gleich zu sein, sondern entäußerte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an, ward den Menschen gleich und der Erscheinung nach als Mensch erkannt. Er erniedrigte sich selbst und ward gehorsam bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz. Darum hat ihn auch Gott erhöht und hat ihm den Namen gegeben, der über alle Namen ist, dass in dem Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind, und alle Zungen bekennen sollen, dass Jesus Christus der Herr ist, zur Ehre Gottes, des Vaters.
Hymnen singt man normalerweise für Helden.
Die Nationalhymne vor einem Länderspiel oder vor einem Boxkampf wie heute nacht, bei Militärparaden oder Staatsempfängen.
Dieser urchristliche Hymnus im Neuen
Testament aber besingt einen Verurteilten, der ans Kreuz geht. Die Cappella hat
ihn aufgenommen, neu gesungen für uns. Aber ist es unser Hymnus, unser Lied,
unser Bekenntnis?
Es ist der Weg des Gottessohnes Jesus
Christus ans Kreuz. Er war vom Gehorsam geprägt – „obediens“,
das wird von allen Stimmen am Anfang besonders betont, und dieser Gehorsam
führt zum Tod. Dort ist der Tiefpunkt. Dort herrscht Stille. Einen ganzen Takt
lang. Aber es ist nur der Auftakt für den längeren Teil dieses Musikstücks.
Denn wenn diese Generalpause durchschritten
ist, erhöht Gott Christus und gibt ihm einen Namen der über alle Namen ist –
„super omne nomen“. Darin
findet sich genau dieselbe Melodie wieder, die schon den Gehorsam beschrieben
hat. Es ist Gottes Antwort, der dem menschlichen Weg zum Tod seinen Weg zum
Leben entgegensetzt. Er allein kann diesen Weg fortsetzen und er tut es. Das
ist wirklich „super“, es übersteigt alle menschlichen Begriffe. Und dann
schwingt diese Musik aus, leise und voller Frieden, so wie sie begonnen hat. Moderato misterioso. Ruhig und
geheimnisvoll. Ohne den Schrecken des Todes. Ein Lobgesang für den lebendigen
und lebenschaffenden Gott.
Wir singen heute nicht mehr lateinisch,
meistens jedenfalls. Aber wenn wir uns anrühren lassen von dieser Musik, dann
wird sie zum Vorbild für unseren eigenen Lobgesang, für unser Bekenntnis zu
Jesus Christus, für unseren eigenen Leben- und Glaubensweg.
Die ersten Christen damals hatten sich schon
vor dem Apostel Paulus dazu bekannt. Menschen, die gesinnt sein wollten so, wie
es der Gemeinschaft Jesu entspricht. So, wie es Jesus selber für seine Jünger
hat haben wollen. Eine Gemeinschaft, die von Liebe und Barmherzigkeit geprägt
wird, nicht von Eigennutz und Eitelkeit – das steht im Philipperbrief
unmittelbar vor unserem Textabschnitt.
Jesus selber hat genauso gelebt.
„Er hielt es nicht für einen Raub, Gott
gleich zu sein, sondern entäußerte sich selbst.“ Er flüchtete nicht in
himmlische Sphären. Er suchte nicht nach dem, was ihm selber etwas genützt hätte.
Sondern er überließ sich allem, was Gott mit ihm vorhatte – nicht mein, sondern
dein Wille geschehe! Er brach die Macht der Selbstsucht, der Zerstörung und des
Todes, indem er sie ertrug und sich selbst dem lebenschaffenden
Gott überließ.
Wir Menschen spüren immer wieder, wie
vergänglich alle Dinge auf dieser Welt sind. Wir versuchen Augenblicke
festzuhalten, die gar nicht festzuhalten sind. Wir erleben Hochstimmungen und verdrängen oft die Gefahren, bis wir
selber dem nicht ausweichen können. Krankheiten und Unglücksfälle, Gewalt und
Terrorismus, Bürgerkrieg – dafür gibt es auch heute viele Beispiele. Oft sind
es Tiefpunkte, wo man selber nichts mehr sagen und schon gar nicht mehr singen
kann. Dort ist Schweigen vor Gott oft das einzige, was wir tun können.
Besonders die Karwoche macht uns das bewusst. „Gekreuzigt, gestorben und
begraben“ – nur wenige Worte aus dem Glaubensbekenntnis, die aber so
entscheidend und dann letztlich so heilvoll sind. Der Tiefpunkt in der
Todesstunde macht mich immer selber traurig. Aber gleichzeitig macht er mich
auch ehrfürchtiger. Und das ist es, wohin uns dieser urchristliche Hymnus
führen will: Zur Ehrfurcht vor Gott. Dabei können wir seinem Kreuz nicht
ausweichen. Aber es ist nur der Auftakt für den größeren und entscheidenden
Teil unseres Lebens. Wer daran glaubt, den macht dieser urchristliche Hymnus
fröhlich und frei. Denn er ist ja von Glaubenden für Glaubende geschrieben
worden - das hat schon Martin Luther über diesen Abschnitt gesagt. Darum kann man
ihn nicht von außen betrachten – da werden einem diese Worte immer fremd
bleiben, weil wir eben mit unserem Latein am Ende sind, dort, wo das Irdische
endet. Wenn ich mich aber in diesem Weg Jesu wieder finde, wenn Gott mich im
Herzen anrührt, wenn ich darauf vertraue, daß Gott
auch mich durch die Tiefpunkte meines Lebens führen kann und das auch tut, dann
ist dieses Lied der Urchristen auch mein Lied. Dann ist dieser wunderbare
lateinische Kirchengesang von Anton Bruckner Ausdruck auch meiner Gefühle. Dann
macht mich das ehrfürchtig gegenüber Gott und – was mit einem alten Wort auch
heute noch die christliche Lebenshaltung gut beschreiben kann – demütig
gegenüber allen Menschen und allen Dingen dieser Welt. Denn „in dem
Namen Jesu sollen sich beugen aller derer Knie, die im Himmel und auf Erden und
unter der Erde sind, und alle Zungen sollen bekennen, dass Jesus Christus der
Herr ist, zur Ehre Gottes, des Vaters.
Eine rabbinische Geschichte erzählt dazu: Früher gab es Menschen, die Gott von Angesicht zu Angesicht begegneten. Warum gibt es das heute nicht mehr? – weil sich niemand so tief bücken will.
Ja, es ist schon ein anderer, ein eigener Blickwinkel. Aber er sieht die Dinge richtig. Er sieht alles so, wie es ist. Er weicht nicht aus, auch wenn es einfacher wäre, sich keine Gedanken zu machen, Dinge zu verdrängen oder vielleicht sogar zu verleugnen. Dieser Blickwinkel sieht das Kreuz, aber der Blick richtet sich auch darüber hinaus. Darum macht er einen zwar manchmal traurig wie am Karfreitag. Aber er ist nie ohne Hoffnung, nie ohne Mut, nie ohne den lebendigen Gott.
Denn „wer nur den lieben Gott lässt walten und hoffet auf ihn alle Zeit, den wird er wunderbar erhalten, in aller Not und Traurigkeit!“
Und sein
Friede, der höher ist als alle menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen und
Sinne in Jesus Christus, unserm Herrn. Amen.