Evangelischer Gottesdienst zum Mozartfest

Würzburg – St. Stephan  -  14.06.2009

Predigttext: Psalm 34, 2-9

Von Landesbischof Dr. Johannes Friedrich

 

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und unserem Herrn Jesus Christus!

 

Ich lese aus dem Wochenpsalm 34 die Verse 2 bis 9.

Ich will den Herrn loben allezeit,

sein Lob soll immerdar in meinem Munde sein.

Meine Seele soll sich rühmen des Herrn,

dass es die Elenden hören und sich freuen.

Preiset mit mir den Herrn

Und lasst uns miteinander seinen Namen erhöhen!

Als ich den Herrn suchte, antwortete er mir

Und errettete mich aus aller meiner Furcht.

Die auf den Herrn sehen, werden strahlen vor Freude,

und ihr Angesicht soll nicht schamrot werden.

Als einer im Elend rief, hörte der Herr

Und half ihm aus allen seinen Nöten.

Der Engel des Herrn lagert sich um die her,

die ihn fürchten, und hilft ihnen heraus.

Schmecket und sehet, wie freundlich der Herr ist.

Wohl dem, der auf ihn traut!

 

Liebe Gemeinde,

ein evangelischer Gottesdienst zum Würzburger Mozartfest – das ist neu. In den evangelischen Gottesdienst gehört nach guter Tradition Musik von Johann Sebastian Bach oder Heinrich Schütz. Mozart ist doch katholisch, und seine Messen passen in den katholischen Gottesdienst, sind auf ihn zugeschnitten. Aber mit dem evangelischen sind sie nicht so kompatibel. So lautet eine herkömmliche Ansicht.

 

Bach dagegen passt nicht recht in die katholische Messe. Eine Kantate zerreißt die Messe, meinte man lange im katholischen Raum. Einer, der mit diesem Vorurteil aufgeräumt hat, war der Regensburger Domkapellmeister Georg Ratzinger. Er führte Bach in die katholische Messe ein. Vor Jahren hat er darüber einen bahnbrechenden Aufsatz geschrieben. Als ich vor acht Jahren seinen Bruder Joseph, den damaligen Präfekten der Glaubenskongregation in Rom  in Privataudienz besuchte, sprachen wir auch darüber, was die jeweils andere Kirche an Reichtum in die Christenheit einzubringen habe. Joseph Ratzinger stellte ohne zu zögern fest: Die Kantaten, Passionen und Oratorien von Bach und die Choräle im Evangelischen Gesangbuch sind ein großer Schatz, mit dem die Lutheraner uns bereichern. Durch Choräle und Kantaten prägt sich der Glaube ein. Darum beneide ich Sie.

Und siehe da: am Ende seiner Einführung als Papst schallte über den Petersplatz eine Toccata von Johann Sebastian Bach – vermutlich zum ersten Mal.

 

Und nun entdecken wir Wolfgang Amadeus Mozart für den evangelischen Gottesdienst. Aber da sind wir nicht die ersten. Der Basler reformierte Theologe Karl Barth, einer der Väter der 1934 veröffentlichten Barmer Theologischen Erklärung gegen den Nationalsozialismus, hatte in seinem Arbeitszimmer zwei Portraits hängen: das des Genfer Reformators Johannes Calvin – wir gedenken in diesem Jahr seines 500. Geburtstags – und das von Wolfgang Amadeus Mozart. Barth pflegte, bevor er morgens mit seiner theologischen Arbeit begann, erst eine halbe Stunde Musik von Mozart zu hören.

 

Vor rund 50 Jahren schrieb er eine kleine Schrift über den Komponisten aus theologischer Sicht, das seitdem zahlreiche Auflagen erlebt hat. Darin findet sich die bekannte Anekdote: Wenn die Engel im Himmel vor dem lieben Gott musizieren, so spielen sie Bach. Aber wenn sie unter sich sind, dann spielen sie Mozart. Und der liebe Gott lauscht hinter der Tür und hört ihnen zu. Mozarts Musik, das will er damit sagen, das ist die pure heitere Musizierfreude. Auch zur Freude Gottes.

 

Selbst in seiner gewaltigen, mehr als 8500 Seiten umfassenden „Kirchlichen Dogmatik“ kommt Karl Barth auf Mozart zu sprechen, und zwar im Band über die Lehre von der Schöpfung. Mozart, schreibt Barth, habe „etwas von der in ihrer Totalität guten Schöpfung etwas gewusst, was die wirklichen Kirchenväter samt den Reformatoren, was die Orthodoxen und die Liberalen, die von der natürlichen Theologie, die mit dem „Worte Gottes“ gewaltig Bewaffneten und erst recht die Existenzialisten so nicht gewusst oder wenigstens nicht zur Aussprache und zur Geltung zu bringen gewusst haben, was aber auch die anderen großen Musiker vor und nach ihm so nicht gewusst haben“.

 

Ein gewaltiger Satz! Aber der Gedanke ist klar: In Mozarts Musik lobt die Schöpfung, loben die Geschöpfe ihren Schöpfer. „Te Deum laudamus!“ Das ist nicht nur der musikalische  Höhepunkt unseres heutigen Gottesdienstes. Das soll unseren  alltäglichen und den sonntäglichen Gottesdienst bestimmen. Mozarts Musik möchte uns dazu ebenso anleiten wie der 34. Psalm, aus dem ich eben gelesen habe.

 

Die einleitenden Psalmworte in Luthers poetisch-rhythmischer Sprache sind vielen vertraut: Ich will den Herrn loben allezeit Sein Lob soll immerdar in meinem Munde sein.

Folgen wir dem, was Karl Barth über Wolfgang Amadeus Mozart sagt, dann geht es nicht um Loben hie und da, sondern darum, dass die Totalität meiner Geschöpflichkeit zum Lob wird. Einfach gesagt: dass ich gewissermaßen ein wandelndes Gotteslob bin. Nun sagt sich das wohl leichter, als es ist.

 

Schaut man sich Nachrichtensendungen oder politische Magazine im Fernsehen an, dann begegnen wir auf Schritt und Tritt den Unzulänglichkeiten des Lebens und der Welt. Wirtschaftskrise, Bankenkrise, düstere Prognosen für die Arbeitslosenzahlen, Angst vor einer möglichen Geldentwertung – das alles ist keine große Motivation zu einem TE DEUM. Und dazu kommen für viele Menschen ganz persönliche Sorgen. Krankheit und Hinfälligkeit der Eltern, die aber nicht ins Seniorenheim umziehen wollen, ein drückender Kredit, die brenzlige schulische Lage des Sohnes, die Beziehungsprobleme der Tochter, das latente Mobbing im Betrieb, der Streit mit einem Nachbarn – es gibt ja so vieles, was uns nicht zum Loben zumute sein lässt.

 

Und dann kommt es zu dem, was der Motivationstrainer Erich Lejeune die „meist gesprochene Fremdsprache“ nennt: zum Jammern . Mit Jammern macht man sich allgemein verständlich, weil alle anderen auch etwas zu jammern haben. Jammern verbindet.

 

Jammern prägt aber auch. Jammern kann sich leicht zu einer Grundhaltung ausgestalten. Und dann macht es grämlich. Unbestreitbar tut Jammern manchmal der Seele auch ganz wohl. Aber wenn es sich zur Totalität meiner Geschöpflichkeit auswächst, dann werde ich leicht zu einem wandelnden Jammerlappen oder Klageweib. Und nun ahnen Sie, worum es mir, worum es dem 34. Psalm und worum es auch Wolfgang Amadeus Mozart geht.Bin ich in meiner Grundausrichtung meiner Existenz ein wandelndes Gotteslob oder ein wandelndes Klageweib? Nun mag jemand sagen: Das ist doch eine absurde Alternative. Man ist eben an einem Tag so und an einem anderen so drauf. Aber darum geht es nicht. Es geht um die Grundhaltung meines Lebens.

 

Psalm 34 reichert das Gotteslob durch Errettungsgeschichten an:

Als ich den Herrn suchte, antwortete er mir

Und errettete mich aus aller meiner Furcht.

Als einer im Elend rief, hörte der Herr

Und half ihm aus allen seinen Nöten.

Eigene Erfahrungen und Zeugnisse anderer geben dem Psalmbeter Grund, den Herrn allezeit zu loben. Ganz gewiss hat er auch andere Erfahrungen gemacht in seinem Leben. Er spricht selbst von Furcht und vom Elend, das andere getroffen hat. Kein menschliches Leben ist von Furcht und Elend frei. Der entscheidende Punkt ist, was mich nachhaltig prägt: die Furcht oder die Errettung, das Elend oder die Hilfe aus dem Elend.

 

Für mich selbst hat sich in der Seelsorge immer wieder bewährt, Menschen, die mir im Gespräch den ganzen Jammer ihres Lebens ausgebreitet haben, zu sagen: Ja, Sie sind in einer wirklich bemitleidenswerten Lage. Aber gibt es denn vielleicht auch irgendetwas in Ihrem bisherigen Leben, für das Sie dankbar sein können? Haben Sie auch positive Lebenserfahrungen? Lassen Sie uns mal darüber nachdenken. Und nach einer Weile habe ich meinen Gesprächspartner dann ermuntert: Nehmen Sie sich doch einen Block und einen Stift und schreiben Sie das alles auf in den nächsten Tagen. Immer gleich, wenn Ihnen etwas einfällt. In einer Woche treffen wir uns wieder, und dann sprechen wir darüber. Meistens waren die Leute dann selbst erstaunt, für was sie alles zu danken haben und wie viel ihnen im Leben an Gutem an Gutem widerfahren war.

 

Wir drücken so leicht, wenn wir etwas Negatives erleben, die guten und geglückten Erfahrungen unseres Lebens weg. Und dann dominiert die Tristesse. Wir tun uns selbst leid, und andere tun uns auch leid. Und in Nullkommanichts wird Jammern zur Grundhaltung.

 

Psalm 34 zeigt, wie es anders geht: Loben macht sich am Dank fest. Ich erinnere mich selbst an Erfahrungen von Errettung und Hilfe, an all das, wofür ich dankbar sein darf. Es ist nicht die schlechteste Übung, dies aufzuschreiben und laufend zu ergänzen. Und wenn dann etwas kommt, das meine Stimmung niederdrückt und mir allen Anlass zum Jammern gibt, dann ist der rechte Zeitpunkt, in die eigenen Aufzeichnungen hineinzuschauen. So erhält man ein Gegengewicht aus der eigenen Lebenserfahrung gegen Trauer, Angst und schlechte Stimmung.

 

Über allem, was es in unserer Gesellschaft zu verbessern gilt, dürfen wir nicht vergessen, wofür wir dankbar sein dürfen:

 

In gleicher Weise lohnt sich die Erforschung des eigenen Lebens: Was habe ich alles zu danken? Wo ist mir Hilfe und Rettung widerfahren?

 

Es geht nicht darum, das Verbesserungswürdige wegzudrücken, sondern darum, im Dunkel des Lebens das Licht nicht zu vergessen. Die Erfahrung von Rettung und Hilfe stärkt die Zuversicht, dass ich, dass unsere Welt aus dem Dunkel herauskommt. Schließlich ist unsere Welt Gottes Schöpfung! Schließlich bin ich Gottes Geschöpf! Das Wissen um die Zugehörigkeit zu Gott als sein Geschöpf macht selbstbewusst. Ich bin wer! Ich bin sein Geschöpf! Schon dieses Selbstbewusstsein ist ein Stück Loben. An sich selbst verzweifeln ist Unglaube.

 

Psalm 34 sagt:  Der Engel des Herrn lagert sich um die her,  die ihn fürchten, und hilft ihnen heraus.

Das ist so viel wie: Der Engel des Herrn umgibt und trägt, die Ehrfurcht vor ihm haben, die: die ihm vertrauen. Ein schönes Bild. Gott vertrauen heißt: zutiefst davon überzeugt und gewiss sein, dass ich in der Obhut Gottes stehe. Sein Engel umgibt mich. Es gab profane Zeiten, in denen auch in der Glaubenswelt die Engel abgeschafft, „entmythologisiert“ wurden.  Heute ist das Gespür für die Symbolik wieder gewachsen. Einem bekümmerten Menschen einen Engel schenken, das kommt gut an und bedarf keines großen Kommentars. Behüt dich Gott! Der Engel des Herrn umgibt, die auf Gott vertrauen.

 

Liebe Gemeinde, Gottesdienst ist immer Hören und Loben. Wir hören Gottes Wort, dass wir seine geliebten Geschöpfe sind. Wir sind durch Christus errettet und erlöst. Und er umgibt uns mit seinem Engel. Dafür dürfen wir ihm dankbar sein. Und wir hören, dass unsere Welt seine Schöpfung ist. Auch dafür dürfen wir ihm dankbar sein. Aus dieser Selbstvergewisserung und aus der Dankbarkeit erwächst die Kraft, aus Glauben das eigene Leben und diese Welt zu bejahen und zu gestalten.

Unsere Psalmverse enden mit der Einladung: Schmecket und sehet, wie freundlich der Herr ist.  Wohl dem, der auf ihn trauet.

Die Freundlichkeit des Herrn erfüllt uns mit allen Sinnen. Wir hören sie in seinem Wort. Wir sehen sie in Rettung und Hilfe. Und wir schmecken sie: Auch das ist eine symbolische Sprache. Die Freundlichkeit des Herrn soll unseren ganzen Leib erfüllen. Im Abendmahl erkennen wir diese Freundlichkeit des Herrn. Unsere Erlösung und Rettung wird uns im Abendmahl stärkend zuteil. Auch da vernehme ich: Als einer, der Gott vertraut und ihm sein Leben anvertraut, gehöre ich zu Gott. Ich bin sein Geschöpf und von ihm geliebt.

 

Das Loben Gottes ist ein deutliches Zeugnis gegen Resignation. Es ist ein Ja zu sich selbst und zu unserer Welt. Dazu lädt uns Psalm 34 ein. Dies entfaltet ebenso Wolfgang Amadeus Mozart mit seiner Musik. Lassen wir uns dazu mit unserem ganzen Leben einladen und in das Lob Gottes einstimmen! Amen.