Predigt zu Röm. 12,17-21 am 15.6.08 (4. Sonntag nach Trinitatis) in Würzburg St. Stephan
Liebe Gemeinde,
„Folgerungen für das Leben der Christen“ – so ist der letzte Teil des Römerbriefs in der Lutherbibel überschrieben, weil es eben nicht reicht, einfach nur vor sich hin zu leben und einfach nur für sich allein zu glauben.
Welche Folgerungen, welche Konsequenzen ziehen Sie für sich?
Hören wir auf den Apostel Paulus – es könnte gut sein, daß vielleicht eine seiner Folgerungen gerade auf Ihr Leben zutrifft:
Vergeltet niemand Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann. Ist's möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden. Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben (5. Mose 32,35): »Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr.« Vielmehr, »wenn deinen Feind hungert, gib ihm zu essen; dürstet ihn, gib ihm zu trinken. Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln« (Sprüche 25,21.22). Laß dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.
Das ist eines der schwersten Dinge, die der christliche Glaube von uns fordert: Feindesliebe. Bei Freunden ist das wesentlich einfacher! Und genau da unterscheiden sich unser Glaube und unsere Gemeinschaft als Christen von anderen – oder sie sollten sich jedenfalls unterscheiden! Denn es ist entscheidend, wie man mit denen umgeht, die einem das Leben schwer machen, die man nicht mag, die einem vielleicht weh getan haben.
König Fußball liefert gerade die besten Beispiele. Man freut sich, wenn die deutsche Mannschaft gewinnt. Wir feiern ja schließlich immer gerne mit. Aber wenn es 1:2 steht am Ende, ist die Stimmung schon gedämpft, und manche machen ihrem Frust einfach Luft: „In Heilbronn“, so stand es gestern in der Zeitung, „demolierte eine Gruppe Deutscher mit Eisenstangen ein Auto kroatischer Fans… In Spandau zerschlugen polnische Anhänger nach dem 1:1 ihrer Mannschaft gegen Österreich in einem Biergarten die Einrichtung.“
Nur Randnotizen, wie sie oft bei Fußballspielen zu verzeichnen sind, aber leider immer wieder Realität. Zwar glaube ich nicht, daß jemand von uns in der Gefahr steht, ein randalierender Hooligan zu werden. Aber die Mechanismen stecken in jedem von uns drin. Niemand verliert gern. Niemand will, daß das, womit er sich identifiziert, weniger wert ist, geschlagen wird – und sei es nur im Spiel auf dem Fußballfeld. Niemand von uns hat es gern, wenn ein anderer am Arbeitsplatz das Sagen hat und die Marschrichtung anders festlegt, als man es selber gerne hätte. Niemand von uns ist begeistert, wenn man als Familienmitglied nicht so akzeptiert ist und ungern gesehen wird. Niemand liebt die Unzufriedenheit mit sich selber, wenn man vielleicht gerade nicht auf der Sonnenseite des Lebens steht. Dann entsteht bei uns Frust, man leidet unter Einsamkeit und sucht sich Ventile, durch die der seelische Druck entweichen kann. Wir brauchen solche Ventile, auch als Christen! Denn niemand ist perfekt, niemand ist völlig ohne negativer Gefühle, und einfach ist es auch nicht, seine Feinde zu lieben.
Es gibt solche Ventile, sagt Paulus.
„Ist's möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden.“ Ein wunderbarer Satz, weil er so realistisch ist und keine übermenschliche Forderung. Da steht nicht: Ihr müßt mit allen Menschen im Frieden leben! Sondern: Ist’s möglich, soviel an euch liegt… Das heißt: Denk doch mal darüber nach, was Du tun kannst, um Schwierigkeiten im Miteinander zu überwinden. Das schafft Abstand. Und mit Abstand betrachtet werden Probleme oft etwas kleiner, man kann sie einordnen, selbst wenn sich manche nicht lösen lassen. Man kann dann aber einen Menschen vielleicht leichter ertragen, der einem das Leben schwer macht. Man läßt sich dann vielleicht nicht so leicht angreifen oder gar verletzen. Man muß nicht immer reagieren und das letzte Wort haben. Man muß nicht immer nur die Schwierigkeiten aufhäufen, sondern darf auch nach Dingen suchen, die schön sind und das Miteinander entspannen. Und man darf auch immer wieder darauf verzichten, Rache zu nehmen - auch wieder so ein Urtrieb des Menschen! Und es gibt gute Beispiele dafür. Sogar im Alten Testament:
„Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben (5. Mose 32,35): »Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr.«
Kennen Sie vielleicht diese Geschichte von dem jungen David, der vom Königshof fliehen muß und von Saul mit 3000 Mann verfolgt wird? David versteckt sich in einer Höhle. Wenig später kommt auch Saul zufällig zu dieser Höhle und legt sich schlafen. „Da sprachen die Männer Davids zu ihm: „Siehe, das ist der Tag, von dem der Herr zu dir gesagt hat: Siehe, ich will deinen Feind in deine Hände geben, daß du mit ihm tust, was dir gefällt. Und David stand auf und schnitt leise einen Zipfel vom Rock Sauls.“ (1. Sam. 24,5) - und mit diesem Zipfel hat er es dann geschafft, Saul umzustimmen. Nein, David tut ihm nichts zuleide. Er schont ihn und geht das Risiko ein, selber einen Schaden davon zu tragen. Eine gute Entscheidung, die zum Weiterleben im Frieden hilft.
Aber es kommt schon auch immer auf die Situation an. Als David vor dem Riesen Goliath steht nur mit seiner Steinschleuder bewaffnet, da entscheidet er anders. Wenn er da an dieser Stelle nicht gekämpft hätte, dann hätte es den Tod bedeutet für ihn und für sein Volk.
„Ist’s möglich, soviel an Euch ist, haltet Frieden mit jedermann…“
Ein schwieriges Thema, wo es auch Grenzen gibt, und wo man nicht darum herum kommt, sich zu entscheiden. Die deutschen Soldaten in Afghanistan und anderswo stehen vor demselben Problem. Und nicht immer weiß man so genau, ob man den Riesen Goliath vor sich hat, oder ob es besser ist, bloß einen Rockzipfel abzuschneiden.
Von Gott erzählt das Alte Testament übrigens genau dasselbe Dilemma. Gott ist da ein liebender Gott, und darum manchmal auch ein eifernder und ein zorniger Gott. Einer, der etwas gegen die Bosheit der Menschen tut, aber nach der Sintflut dann doch sagt: „Ich will hinfort nicht mehr schlagen alles, was da lebt, wie ich getan habe.“ (1. Mose 8,21). Ein Gott, der den Mörder Kain mit einem Schutzzeichen versieht, damit ihn niemand erschlägt, der ihn findet (1. Mose 4, 15). Was bedeutet das in unserer Welt, wo es das Gefangenenlager in Guantanamo gibt, wo den Attentätern des 11. September 2001 der Prozeß gemacht wird, wo man angesichts solcher Taten offen oder heimlich die Todesstrafe fordert und in den USA und woanders auch vollzieht?
„Die Rache ist mein, ich will vergelten, spricht der Herr!“ – ein Satz, der entlastet, der nichts entschuldigt, aber der auch dazu hilft, nicht selber schuldig zu werden an anderen Menschen. Gebe Gott, daß wir immer wieder auch in der Politik Wege finden, konsequent zu sein, der Bosheit und der Gewalt zu wehren, aber eben nicht immer mit den gleichen Mitteln zurück zu schlagen und nicht immer alles zu tun, was möglich ist. Wir müssen lernen, daß der Friede nicht mit immer höheren Rüstungsausgaben und Raketenschutzschilden zu gewinnen ist, sondern nur mit gerechteren Strukturen und mit einer gerechteren Verteilung von Wasser und Nahrungsmitteln auf dieser Erde. Und das gilt auch im Konfliktfall: „wenn deinen Feind hungert, gib ihm zu essen; dürstet ihn, gib ihm zu trinken. Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln« (Sprüche 25,21.22). Laß dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“
Erinnern Sie sich noch an die Diskussionen darum, ob die Olympischen Spiele in einem Staat wie China stattfinden dürfen? Ich muß zugeben, ich habe im ersten Moment auch geschwankt und an die Panzer auf dem Platz des himmlischen Friedens in Peking gedacht, die die Demonstranten niedergemetzelt haben. Aber heute denke ich, daß es eine gute Entscheidung war, den Geist von Olympia gerade in einen solchen Staat hineinzutragen. Damit sammelt man feurige Kohlen auf dem Haupt der anderen – man zwingt sie geradezu, sich anzustrengen, weniger gewalttätig zu sein, mehr sich nach außen zu öffnen. Und das ist ein Schritt in die richtige Richtung.
„Überwinde das Böse mit Gutem!“ – das ist ein wunderbarer Leitsatz von Paulus. Er hat das selber erst lernen müssen. Mit Wut und Schnauben ist er zuerst selber gegen die Christen vorgegangen, bis zu dem Tag, an dem Gott sein Leben veränderte. Damit ist Paulus ein gutes Vorbild für ein konsequentes Leben aus dem Glauben. Er ist kein Heiliger, der immer alles richtig gemacht hat. Vorher nicht, und auch nicht später, als er sich zum Beispiel mit Petrus überwarf. Aber er ist einer gewesen, der erkannt hat, worum es im Christentum geht. Nicht nur um das Heil der Seele, nicht nur um eine persönliche Beziehung zu Gott. Sondern auch, daß die anderen Menschen um einen herum etwas davon haben, mir etwas von meinem Glauben abspüren können. Wir leben zwar nicht im Paradies, aber im Glauben und auch im Glauben daran, daß letztlich das Böse mit Gutem überwunden werden kann und überwunden wird. Das Kreuz weist uns den Weg. Es bedeutet auch Leid und manchmal Schmerz. Aber es führt uns den Weg zu Gott und zu seinem Frieden, der höher ist als all unsere menschliche Vernunft. Er bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus, unserm Herrn. Amen.