Predigt zu Röm.
1, 13-17 am 15.7.07 in Würzburg St. Stephan zum Gemeindefest „Komm, wir reisen
durch die Welt“
von Pfarrer Jürgen Dolling
Liebe Gemeinde,
„ich schäme mich des Evangeliums
nicht, denn es ist eine Kraft Gottes, die selig macht alle, die daran glauben.“
Diesen Satz habe ich in acht Jahre
lang jedes Jahr einmal ausgelegt bekommen, und zwar in meiner Forchheimer Zeit
vom damaligen Vertrauensmann der Kirchengemeinde St. Johannis. Dieser Satz war
sein Konfirmationsspruch und in jedem Jahr hat er ihn an die Konfirmanden
weitergegeben, bevor wir in die Kirche eingezogen sind. „Mein
Konfirmationsspruch hat mich getragen – denn das Evangelium ist wirklich eine
Kraft -, und er hat mich dazu gebracht, mich für die Kirche einzusetzen. Ich
wünsche Euch, daß Ihr das genauso erfahren könnt im
Leben“, so hat er es dann meistens den Jugendlichen gesagt. Wenige Worte, aber
ein Glaubensbekenntnis.
Manchmal telefoniere ich noch mit
ihm. Er ist heute ein alter Mann, der nur noch mit Mühe laufen kann. Seine Frau
lebt im Altersheim und ist kaum noch ansprechbar. Ich erinnere ihn dann jedesmal an diesen Bibelspruch, und ich wünsche ihm, daß er jetzt selber diese Kraft Gottes geschenkt bekommt,
die alle selig macht, die daran glauben.
Und damit sind wir mitten drin in diesem
Leben und in der Botschaft des Apostels Paulus: Ein kleiner Mann, geradezu von
mickriger Gestalt, der – wie er es selber einmal sagt - eine klägliche Stimme
besaß. Aber wenn man dann trotzdem redet, sogar auf dem Areopag in Athen, wo
nur die größten Redner etwas zu sagen haben, der dort in aller Öffentlichkeit
seinen Glauben bezeugt, auch gegenüber den Göttern der Griechen, die man sogar
namenlos auf Sockel stellt um ja keinen zu vergessen – da muß
man schon einen besonderen Antrieb haben, ein besonderes Interesse und mehr als
Motivation. Paulus nennt das seinen Auftrag. „Geht hin in alle Welt und macht
zu Jüngern alle Völker“, so wird es dann im Matthäusevangelium formuliert
werden. Paulus hat diesen Auftrag schon lange vorher gelebt, mit seinen Reisen
und seinen Predigten. Ja, er war damals schon eine Art Pfarrer, und er war ein
guter. Einer, der mitgelitten und sich vor keiner
Arbeit gedrückt hat. Einer, der ein Gegenüber war und auch Kritik deutlich zu
Papier gebracht hat. Und einer, der sich gesorgt hat um das Klima in der
Gemeinde genauso wie um einzelne Christen – dazu muß
man nur einmal den Philemonbrief lesen, seinen
kürzesten Brief, der so voller Liebe zu dem Sklaven Onesimus
ist.
Aber ich will nicht abschweifen zu
anderen Briefen, sonst wird so eine Predigt zu Paulus viel zu lang. Bleiben wir
bei den Römern. Dorthin, nach Rom, ist Paulus am Ende seines Lebens gekommen.
Es war eine Odyssee: In Jerusalem hatte man ihn gefangen genommen, über Cäsarea verschifft, sie erlitten Schiffbruch und retteten
sich auf die Insel Malta. Und dann war er in Rom als Gefangener, wo er wohl zu
Tode kam – wie, das lässt sich wissenschaftlich nicht mehr klären, es sei denn,
das im vergangenen Jahr in Rom entdeckte Grab enthält wirklich seine Überreste.
Aber das muß erst die Wissenschaft klären.
Manchmal stelle ich ihn mir vor, wie
er in da in Rom auf seiner Pritsche sitzt und sich erinnert an sein reiches
Leben, reich an Lebenserfahrung und erfüllt von einem lebendigen Glauben an
Gott den Herrn. Es ist freilich auch ein moderner Paulus, der heute vielleicht
folgendes zu sagen hätte:
Ja, nun bin ich hier in Rom. Ein
Gefangener, aber trotzdem frei. Ich darf meine Kammer verlassen, Freunde
besuchen und es geht mir wesentlich besser als die Gefängnisaufenthalte, die
ich zuvor erlebt habe. Man erkennt mich an als römischen Bürger. Und ich habe
Glaubensgeschwister, die mich unterstützen. So wird mich Gott auch durch diese
Zeit hindurchführen. Was kann man mir schon vorwerfen? Vielleicht, daß ich manchmal die alten Ordnungen durcheinander bringe,
einen neuen, den christlichen Glauben verkündige. Aber hier in Rom ist man
tolerant. Viel zu tolerant. Alles darf sein, solange man sich dem Kaiser
unterwirft. Später wird man hier eine Kirche etablieren, die sich auf meinen
Kollegen, den Apostel Petrus beruft. Das Jahr 2008 wird vom Papst zu einem
Paulus-Jahr ausgerufen werden, und man verehrt mich als Heiligen der Theologen
und Zeltmacher. Nun ja. Ich weiß nicht, wie ich das finden soll. Schon bei den
Korinthern habe ich jeden Personenkult abgelehnt. Man soll einen Menschen nur
danach beurteilen, ob er auf Christus und auf den lebendigen Gott hinweist. Das
genügt für den christlichen Glauben. Und die Streitereien und Haarspaltereien,
wer denn nun zur wahren Kirche dazu gehört und wer nicht, das halte ich für den
größten Unsinn, den sich die Christen gegenseitig antun können. Man sollte sich
vielmehr um die Verkündigung und um Nächstenliebe kümmern. Ausgrenzungen
bringen nur böses Blut und verbauen das freie und getroste Leben, das Christus
vorgelebt und verkündigt hat. Ja, er ist mein Vorbild, meine Richtschnur und
mein Gott, der mir durch das Kreuz vorangeht. Davon wird mich nichts mehr
abbringen, egal was geschieht. Er hat mich damals auf dem Weg nach Damaskus so
sehr gepackt, daß ich zeitlebens nicht mehr davon
losgekommen bin. Und das ist auch gut so. Was habe ich früher nicht alles
falsch gemacht: Die Menschen habe ich verfolgt, die ja auch nur ihren Glauben
leben wollten. Ich habe die Liebe verleugnet, deren Quelle ja nur Gott der Herr
sein kann. Ich habe versäumt, über meine Überzeugungen nachzudenken und mich
für ein liebevolles Leben zu entscheiden. Dann aber hat Gott es für mich
entschieden, und das hat mich ein Leben lang angetrieben, mich für Christus und
für die christlichen Gemeinden einzusetzen. Da habe ich viel gesehen und kennen
gelernt. Reiche und Arme, Junge und Alte, Frauen und Männer. Später hat man mir
oft vorgeworfen, daß ich Frauen diskriminiere. Ich
gebe zu, daß manche Stellungnahmen wenig fein gewesen
sind. Ich dachte so, wie damals viele dachten. Aber ich habe auch den Glauben
von Frauen respektiert, ich achtete ihre Prophezeiungen etliche Frauen haben
mich unterstützt. Heute würde ich darüber vielleicht auch anders urteilen und anders
reden, und es ist gut, daß das in Eurer Kirche so
geschieht. Das Evangelium muß allen Menschen auf alle
nur möglichen Weisen verkündigt werden, es muß
befreien und die Menschen zu Gott führen. Keine Schranken soll es geben, nicht
zwischen Frauen und Männern und auch keine, die die Menschen durch ihre Moral-
und Gesellschaftsvorstellungen für ihre Zeit machen. „Ich bin ein Schuldner der
Griechen und der Nichtgriechen, der Weisen und der Nichtweisen“, das habe ich
damals schon an die Römer geschrieben. Vielleicht war ich selber zu kurzsichtig,
um die richtigen Konsequenzen zu ziehen. Aber es ist gut, wenn das in jeder
Zeit Christen tun. Denn wir schulden anderen etwas, wir schulden anderen Liebe!
In der heutigen Gesellschaft sind es vielleicht besonders die Alten oder die
Kranken, für die man nicht mehr alle Kosten übernimmt. Sie wirken manchmal wie
Ballast – aber sind wir nicht auch Schuldner der Alten, damit sie ihren
Lebensabend ohne Vorwürfe leben und auch die Barmherzigkeit Gottes durch die
Zuwendung anderer Menschen erfahren dürfen? Und wir sind auch Schuldner der
Kinder. Wir dürfen nicht zulassen, daß sie in einer
veränderten, ausgebeuteten und kollabierenden Welt leben. Sondern wir müssen
uns einsetzen für Frieden und den Schutz der Natur. Wir schulden fremden
Menschen auch eine offene und liebevolle Gemeinde. Wie leben wir das Evangelium
Jesu Christi? Schämen wir uns etwa, von unserem Glauben zu reden? Oder freuen
wir uns einfach daran, daß es unsere Kraft ist, die
nicht nur uns sondern auch anderen zum Leben helfen will? Sie soll uns selig
machen! Das ist das besondere daran. Wir sollten diese Kraft des Evangeliums
leben in aller Wahrheit und Freiheit. Es braucht keine Rechthaberei, keinen Streit
oder Missgunst. Das gibt es schon viel zuviel auf unserer Welt. Und wir haben
doch mit St. Stephan eine Gemeinde, die aus ganz besonderen, liebenswerten
Menschen besteht. Sie haben ihre Ecken und Kanten, sie haben ihre Grenzen, aber
auch ihre Gaben. Und die will ich entdecken. Daran will ich mich heute freuen.
Und darauf will aufbauen. Auf den Eltern und dem Personal im Kindergarten, die
ihren Kindern etwas von Gott erzählen und mit ihnen beten. Ich baue auf die,
die hier in der Kirche Musik machen, egal ob Große oder Kleine, und die darin
Gott loben oder sich einfach am Leben freuen. Und ich will Gemeinde erleben
jedes Mal, wenn wir hier zusammen kommen und miteinander im Abendmahlskreis
stehen als Menschen, die sich gegenseitig achten und die Vergebung weitergeben mit
Worten und im Umgang miteinander. Da will ich mir bewusst sein, daß wir als Schwestern und Brüder zusammen gehören, einfach
deshalb, weil wir auf den Namen desselben Herrn getauft sind und an ihn
glauben. Und da baue ich darauf, daß dieser Glaube
unser Fundament ist, auch dann, wenn es uns schlecht geht und wenn wir an
Grenzen dieses irdischen Lebens kommen. Und ich weiß, daß
wir diese Grenzen überwinden können, mit der Kraft Gottes, die selig macht
alle, die daran glauben.
Das ist einer meiner Kernsätze, ein
Vermächtnis, daß Ihr weitertragen
müsst – dafür ist es aufgeschrieben in der Heiligen Schrift. Wenn es nur
aufgeschrieben bleibt auf einem Stück Papier, dann nützt es nichts. Es muß lebendig werden, durch Euch!
So, liebe Gemeinde, so stelle ich
mir diesen alten Apostel Paulus vor. Ein kleiner Mann mit einer großen Botschaft.
Ein Mensch, geprägt von seiner Zeit, aber noch viel mehr begeistert vom
zeitlosen Evangelium Jesu Christi.
Denselben Auftrag haben wir in
unserer Zeit, daß wir aus dieser frohen Botschaft
leben. Auch heute sind wir von unbekannten Göttern umgeben, es gibt genug
Schwierigkeiten im Umgang miteinander, auch im Verhältnis zu anderen
christlichen Kirchen. Wir wissen mehr über die Auswirkungen des Klimawandels
und wir beeinflussen ihn doch durch unsere Lebensweise. Wir wollen Frieden,
aber wir erleben doch immer wieder Krieg und Zerstörung. Aber wir erleben auch
– und das ist wichtig – wenn wir aufmerksam und sensibel bleiben, die Schönheit
dieser Welt, die Gnade Gottes und Liebe zwischen Menschen, wo man sie manchmal gar
nicht vermutet. Und manchmal können wir auch aktiv etwas dazu tun, daß wir dem Geist Gottes Raum geben und seine Liebe fördern,
durch Worte, durch Mithilfe und durch unseren Glauben.
Damit erweisen wir uns als würdige
Erben des kleinen Völkerapostels und seines großen Glaubens:
„Ich schäme mich des Evangeliums
nicht, denn es ist eine Kraft Gottes, die selig macht alle, die daran glauben“!
Und der Friede Gottes, der höher ist
als alle menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus
Christus, unserm Herrn. Amen.