Predigt zu Spr. 2,1-11 am 27.9.09 in Würzburg St.Stephan
von Pfarrer Jürgen Dolling
(mit Taufe Clemens Stübs, gleichzeitig Wahlsonntag)
Liebe Gemeinde,
an diesem Sonntag ist für die Predigt eigentlich das Evangelium, die Auferweckung des Lazarus, vorgesehen. Es wäre sicher reizvoll, den Zusammenhängen zwischen dieser Geschichte und den Themen des Wahlsonntags heute nachzuspüren. Aber stattdessen möchte ich über die Weisheit reden - ein Abschnitt aus dem Buch der Sprüche Kapitel 2, wo am Ende der Taufspruch für Clemens steht.
Das Buch der Sprüche ist eigentlich eine ganze Spruchsammlung. Man muß sich dazu einen Vater vorstellen, der sich um seinen Sohn sorgt und ihn erziehen will. Er lebt in einer Welt, die sich ein ganzes Stück von Gott entfernt hat. Und er möchte seinem Sohn helfen, Halt, Orientierung und Lebenssinn zu finden.
Eigentlich sehr passend zu unserer Gesellschaft heute. Wir haben Religionsfreiheit, und das ist sehr gut so. Glaube und Religion sind aber für viele nicht mehr lebensbestimmend. Wenn das Gespräch auf Glaubensfragen kommt, hört man nur ganz selten persönliche Überzeugungen. Manchmal hat jemand sehr schöne Erfahrungen gemacht mit den Menschen, die den eigenen Glauben geprägt haben. Manche erzählen auch von ihren Glaubensproblemen im Zusammenhang mit schwierigen Erlebnissen. Und wieder andere schimpfen über die reiche Kirche und über den Zölibat.
Andere suchen Kraftorte auf oder vertrauen den Tarotkarten oder lassen ihr Leben von Prophetinnen oder Propheten bestimmen.
Wo Freiheit ist, da ist eben viel möglich! Aber nicht alles tut uns wirklich gut.
Das ist auch die Erkenntnis des Vaters, die er seinem Sohn weitergeben will. Im Buch der Sprüche Kap. 2 heißt es:
„Mein Sohn, wenn du meine Rede annimmst und
meine Gebote behältst, sodass dein Ohr auf Weisheit Acht hat, und du dein Herz
der Einsicht zuneigst, ja, wenn du nach Vernunft rufst und deine Stimme nach
Einsicht erhebst, wenn du sie suchst wie Silber und nach ihr forschst wie nach
Schätzen:
dann wirst du die Furcht des HERRN verstehen
und die Erkenntnis Gottes finden. Denn der HERR gibt Weisheit, und aus seinem
Munde kommt Erkenntnis und Einsicht. Er lässt es den Aufrichtigen gelingen und
beschirmt die Frommen. Er behütet, die recht tun, und bewahrt den Weg seiner
Frommen.
Dann wirst du verstehen Gerechtigkeit und
Recht und Frömmigkeit und jeden guten Weg. Denn Weisheit wird in dein Herz
eingehen, und Erkenntnis wird deiner Seele lieblich sein, Besonnenheit wird
dich bewahren und Einsicht dich behüten.“
Das ist eine Erziehung für alle Sinne: das Ohr, das Herz, der Verstand, die Stimme und der ganze Körper sind beteiligt. Und es ist ein Plädoyer dafür, auch sinnlich zu glauben. Denn unsere Sinne sind wie Türen, die Zugänge schaffen können zu unserem Inneren und zu unserer Seele. Und die wird geprägt durch alles, was wir zulassen. Worte zum Beispiel. Schon ganz früh, noch vor der Geburt, ist ein kleines Kind vertraut mit der Stimme seiner Mutter und den Umgebungsgeräuschen. Je älter man wird, desto weniger gut hört man zwar. Aber man hört hin, kann einordnen, Dinge beurteilen, sich freuen an besonders schöner Musik. Oder man kann sich die Ohren zudröhnen, so daß man gar nichts anderes mehr wahrnehmen kann. Oder man kann die Ohren verschließen, wenn man nichts anderes hören will als das, was einem angenehm ist. Da will uns die Bibel wieder öffnen, sensibel machen, sinnlich machen. „Lebe achtsam“, heißt es! Achtsamkeit bedeutet: bewußt leben, öfter einmal inne halten und sich fragen: wie lebst Du eigentlich? Was ist Dir wichtig? Was versäumst Du gerade? Bist noch auf dem Weg, den Du Dir vorgenommen hattest zu gehen? Eine solche Lebenshaltung zeichnet „weise“ Menschen aus. Sie wissen um ihre Möglichkeiten im Leben und um ihre Grenzen. Sie überfordern sich nicht, aber sie fordern sich dann, wenn es um wichtige Dinge im Leben geht. Sie leben gern und intensiv. Und sie leben mit Pausen, mit Selbstbesinnung, und sie leben ganz bewußt. Das sind weise Menschen – wir können, wenn wir wollen, auch solche Menschen sein. Achtsamkeit gehört dazu und ein Herz, das sich der Einsicht zuneigt - die sie nicht „hat“, weil Einsicht oft flüchtig und nicht greifbar ist. Aber ein Herz, das sich „zuneigen“ kann, das ist wichtig, aber es ist manchmal auch gar nicht so einfach! Denn Einsicht verlangt Selbstkritik. Wenn ich da den Wahlkampf der letzten Wochen anschaue, dann ist da recht wenig von Selbstkritik zu spüren gewesen. Es gab kaum Diskussion und Wettstreit um politische Fragen, was in unserer Gesellschaft wichtig und notwendig ist. Das hat mich etwas enttäuscht. Es schien oft nur das wichtig zu sein, wie eine Person „rüberkommt“ und wieviele Videos davon auf youtube zu finden sind. Die gegenseitige Bespitzelung mit Videokameras und die Veröffentlichung an passender Stelle war vielleicht üblich, aber es war trotzdem kein guter Stil. Der Deutschlandtrend der Meinungsforschungsinstitute steht mehr im Vordergrund als die Frage nach den unbequemen Themen unserer Zeit. Wie man vielleicht die Gewaltbereitschaft an Schulen oder anderswo besser in den Griff bekommen könnte – nach der Betroffenheit kommt es immer auf einzelne Menschen an, Lehrerinnen und Lehrer, die eine Beziehung zu den Jugendlichen suchen, dazu Eltern, die sich engagieren für ihre Kinder – Gott sei Dank gibt es viele davon in unserm Land! Menschen, die sich fragen, wie man Kindern einen Lebens- und Lernraum schaffen kann, der nicht von Leistungsdruck sondern von Lebensfreude gekennzeichnet ist. Oder die Frage, wie man denn mit dem Atomabfall umgeht, der das Leben nicht nur unserer Kinder sondern das vieler Generationen danach noch gefährden kann. Oder wie es in Afghanistan weiter gehen könnte – da das Herz der Einsicht zuneigen, überhaupt ein Herz haben für diese Menschen, die dort unter soviel Gewalt und schwierigen Lebensbedingungen leiden – das ist ein guter Leitsatz, wenn auch kein Allheilmittel für diese Welt, die noch keine Erlösung kennt und noch kein umfassendes Heil. Kompromisse und ein Stück Befriedung, das wäre aber schon viel. Und ich glaube, daß auch unsere Soldaten dort ein Stück dazu beitragen wollen. Wir sollten auch sie in ihrer schwierigen Mission immer wieder in unsere Fürbitte einschließen. Neige dein Herz der Einsicht zu und rufe nach Vernunft – das ist noch immer aktuell! Und dann geschieht es, daß Gott in unserem Leben etwas tut, wenn er mich erkennen läßt, was gut und richtig für mich ist – in besonderen Augenblicken, die meinem Leben auch ganz neue Wendungen geben können.
Eine
grundsätzliche Wendung im Leben ist natürlich die Taufe. Wir machen uns das
bloß nicht so oft bewußt. Vielleicht sollten wir uns auch öfter einmal - wie
bei der schönen Anekdote zu Martin Luther – vor uns auf den Tisch malen: „Ich
bin getauft“! Das ist die Wertschätzung, die mir Gott schenkt. Das ist es, was
uns im tiefsten Grund prägt und trägt über alle Grenzen dieser Welt und was uns
allein liebevoll machen kann. An dieser Stelle, wo der Taufspruch für Clemens
beginnt, kommt auch noch einmal ein neuer Klang in diesen Bibelabschnitt: „Weisheit wird in dein Herz eingehen, und
Erkenntnis wird deiner Seele lieblich sein, Besonnenheit wird dich bewahren und
Einsicht dich behüten.“
Wenn man soweit ist, dann ist es gar nicht mehr die Frage, ob ein Mensch wirklich weise ist oder nicht. Man bemüht sich zwar darum und soll sich auch bemühen. Letztlich aber ist es so, daß man von Weisheit erfüllt werden muß. Und das tut Gott, wenn unseren Glauben stärkt, wenn er uns im Herzen berührt und es bewegt. Da geht er selber ein in unser Herz. Und das sind dann erst wahrhaft weise Menschen: Menschen, die Gott berührt hat. Und wer davon berührt worden ist, kann ein ganz neues Lebensgefühl entwickeln: er erkennt, wie nahe Gott ihm ist – auch jetzt, hier, in diesem Augenblick. Und das, so heißt es hier, wird der Seele „lieblich“ sein. Lieblich, wie der Duft einer Blume. Er ist flüchtig, ungreifbar, nicht festzuhalten. Aber in dem Augenblick, wo er einen erfüllt, bringt er Freude und Glück. Das ist das Liebliche, was einen beseelt, das Erfüllt-Sein mit der Liebe Gottes. Und das wird einen bewahren und behüten. Das ist der Zuspruch für Clemens. Eltern und Paten können viel für ein Kind tun. Aber behüten und bewahren kann es nur der lebendige Gott. Leben wir alle in der Gewißheit dieses Glaubens. Auch dann, und vielleicht besonders dann, wenn manches dagegen zu sprechen scheint. Gott wird sich immer am Ende durchsetzen. Liebevoll und wertschätzend. Denn das sind wir ihm wert.
Und der Friede Gottes….