Würzburg St. Stephan – Predigt am 2. Advent 2007
Dekan Dr. Günter Breitenbach
Seht auf und erhebt eure Häupter
weil sich eure Erlösung naht. Lk. 21, 28
Liebe Gemeinde,
der Wochenspruch für den 2. Advent hat in mir die Erinnerung an ein Gemälde wachgerufen. So intensiv, dass ich es Ihnen heute zeigen und es mit Ihnen betrachten möchte. Es stammt von Wassily Kandinsky, dem russischen Pionier der klassischen Moderne. Im Jahr 1911 hat er es in Murnau am Staffelsee gemalt. Heute hängt es in München im Lembachhaus. Der Titel klingt technisch und überhaupt nicht adventlich: „Improvisation 19“.
Aber für mich persönlich trägt es den Titel: In Erwartung.
Seht auf, erhebt eure Häupter,
weil sich eure Erlösung naht.
Diese adventliche Zeitaussage Jesu habe ich im Hinterkopf, wenn ich jetzt mit Ihnen Kandinsky´s Gemälde betrachte.
Ø
Es sind zuerst die großen Gestalten rechts
auf dem Bild, die mich ansprechen. Hoch
aufgerichtet stehen sie da. Erhobenen Hauptes. Gespannt. Schauend. Lauschend.
Ganz Aufmerksamkeit sind sie, ganz Hingabe. In Erwartung.
Aber worauf sehen sie hin?
Was ist es, das sie so voll in Anspruch nimmt?
Der Künstler zeigt es uns nicht.
Im Gegenteil, er zieht am rechten Bildrand eine senkrechte Linie.
Dahinter eine undefinierbare Farbe.
Hier ist offenbar eine Grenze erreicht,
über die die Kunst nicht hinauskommt.
Und doch ist da nicht nichts.
Sondern etwas, was dem Künstler und uns jetzt (noch) nicht zugänglich ist.
Aber die, die da stehen, die hören nicht auf, danach Ausschau zu halten. Sie
strecken sich danach aus. Sie sind Zeugen, dass es bereits jetzt den Ausblick
gibt in eine noch verborgene andere Welt.
Ø
In demselben Jahr, in dem dieses Bild entstand,
schrieb Kandinsky sein Buch „Das Geistige in der Kunst“.
“In unserer Seele ist ein Sprung“, so schreibt der Künstler.
Menschen, die materialistischen Anschauungen verhaftet sind, hat er vor Augen.
Gesellschaftlicher Zerfall und die technische Entgötterung der Welt.
Die Kunst müsse demgegenüber der Entwicklung und Verfeinerung der Menschenseele
dienen, die Malerei ebenso wie Literatur und Musik. Auf das Geistige solle sie
die Augen lenken, die Suche nach neuen Werten und neuer Sinngebung inspirieren,
den inneren Blick über die äußeren Grenzen hinaus lenken. Nur durch das Gefühl
könne der ins Morgen führende Geist erkannt werden. Die Mittel der Kunst, das
Wort, der Klang, die Malerei – sie seien Hilfen, sich diesem Morgen zu öffnen.
Seher sollten sie sein, die Künstler.
Wahre Kunst habe eine prophetische Kraft.
Sie wende sich ab „von dem seelenberaubten Inhalt des gegenwärtigen Lebens und
wende sich zu Stoffen und Umgebungen, die freie Hand lassen dem
nichtmateriellen Streben und Suchen der durstigen Seele.“
Ø
Liebe Gemeinde,
nun will ich gewiss Kandinsky nicht für die christliche Adventsbotschaft
vereinnahmen, auch wenn er seine Prägung durch die russ.-orth.
Kirche und ihre Ikonenmalerei nie verleugnet hat. Aber die Haltung, die adventliche Menschen prägt, hat er uns meines Erachtens in
überzeugender Weise vor Augen gemalt: Seht auf und erhebt eure Häupter.
Und Jesus sagt uns, warum es Sinn hat, sich so auszustrecken, so aufmerksam zu
sein und so erhobenen Hauptes: Weil sich eure Erlösung naht.
Wir haben vorhin im Evangelium gehört, in welchem Zusammenhang dieses Wort Jesu
steht:
Jesus redet von den Vorzeichen des Endes der Welt
- von Zeichen an Sonne, Mond und Sternen,
- vom Brausen des Meeres,
- von Kräften des Himmels, die ins Wanken kommen.
- von den Menschen, die vergehen vor Furcht und Erwartung der Dinge, die kommen
sollen über die ganze Erde.
Genau dann, wenn alles aus den Fugen gerät, gerade dann, wenn keiner mehr Gutes erwartet, gilt es, adventlich
zu leben.
Wenn dies anfängt zu geschehen, sagt Jesus, dann seht auf und erhebt eure
Häupter,
weil sich eure Erlösung naht.
Denn der Menschensohn kommt mit großer Kraft und Herrlichkeit.
Liebe Gemeinde,
die adventliche Hoffnung ist also nichts
Harmloses.
Inmitten der Mächte der Welt ist sie die Ausrichtung auf die Macht, die
mächtiger ist als alles, was das Leben zerstört.
- Sich nicht lähme lassen durch bedrückende Perspektiven,
- Sich nicht aufwühlen lassen durch Visionen der Angst,
- sondern sich ausrichten auf den, dem Wind und Wellen gehorsam sind auf den
sich nahenden Erlöser.
- Nach ihm Ausschau halten -
im persönlichen Leben, aber auch in allen Sorgen um die Zukunft des blauen
Planeten.
Ø
Blau – das ist übrigens auch die Farbe,
in die Kandinsky seine Szene der Erwartung getaucht hat.
Blauer Klang – so hat er sein Werk im Untertitel genannt. Ein ganz intensives
Blau, mit trockenem Pinsel in breiten Streifen aufgetragen. Kandinsky hat er
verglichen mit einem tiefen Orgelton. „Je tiefer das
Blau wird“, so schreibt er, „desto mehr ruft es den Menschen in das Unendliche,
weckt in ihm die Sehnsucht nach dem Reinen, und schließlich Übersinnlichen.
Es ist die Farbe des Himmels, so wie wir ihn uns vorstellen beim Klange des
Wortes Himmel. Blau ist die typisch himmlische Farbe.“ An anderer Stelle fügt
er hinzu, dass das Blau uns nicht entgegen springt, sondern dass es uns
hineinzieht in die Tiefe seiner Wirklichkeit.
In der adventlichen Erwartung, liebe Gemeinde,
geraten wir also bereits in die Wirkmacht des Himmels, da leben wir bereits in
dem Raum, den wir noch nicht sehen, sondern nur erwarten können.
Ø
Freilich, Kandinskys Bild hat auch andere
Farben. Vor allem: die Welt der Menschen hat andere Farben. Wie stellt Wassily
Kandinsky die Menschen dar?
Sehen wir auf die linke Seite des Bildes. Da stehen sie, dicht gedrängt, in
großer Zahl. Deutlich kleiner sind sie dargestellt als die großen Seher am
rechten Bildrand. Kantig, eckig und bei weitem nicht so in Harmonie. Sie sind
ganz normale Menschen, kleine und große, Frauen und Männer. Ihre Farbe ist bunt
und oft nicht eindeutig. Gelb ist dabei, lichtvolles, warmes Gelb. Für
Kandinsky eine typisch irdische Farbe. Oft auch beunruhigend, aufdringlich, mit
scharfem Ton.
Ein verwaschenes Grün spielt hinein, für Kandinsky eine
Farbe der Langeweile, Unbeweglichkeit, Selbstzufriedenheit. Ja und dann das
Rot, ganz stark das Rot, lebendig, unruhig, kraftvoll, die Farbe der Emotionen,
zu denen wir fähig sind, Liebe und Hass, Zorn und Erregung, Glück und Schmerz.
Und dunkelrot über allem der Himmel.
So stehen sie da, die Menschen in ihrer Kreaturlichkeit,
voll Lebenswillen und doch so ausgeliefert, meist weit entfernt von dem, was
Gott an Möglichkeiten in ihre Seelen gelegt hat.
Ø
Hinter ihnen, diffus, bräunlich, weißlich, weitere Gestalten. Ob das ihre Vorgeschichten sind,
oder sind es die vielen Dinge, die auf sie einstürmen und die sie kaum
entschlüsseln können Tag für Tag?
Und was das da oben ist, das in einer starken Bewegung auf sie zukommt?
Ob es etwas Heilvolles ist? Noch ist es von einer dunklen Hülle umgeben. Wir
sehen darin nur Farben. Aber es ist wieder das Gelb, das Grün, das Weiß und das
Rot. Zeichen am Himmel –
- Neues kommt mit Macht –aber ist das Neue, das kommt, wirklich schon
Zukunft/Erlösung?
Ø
Was hoffen lässt, ist die rechte Gestalt in
der Menschengruppe
Es scheint eine Frau zu sein.
Sie schaut auf die adventlichen Seher. Sie hat den
Arm ausgestreckt und weist die anderen auf den Blauen Bereich und auf die
Schauenden hin.
Da schaut – schaut auf die, die die Häupter erheben!
Und unversehends, während sie zeigt und schaut, wird
auch sie selbst schon teilweise vom Blau erfasst, ja das Blau fließt in sie
hinein, hüllt sie ein, zusammen mit allen, die bei ihr stehen.
Ø
Liebe Gemeinde,
dies ist wohl eher ein realistische Standortbestimmung für uns im Advent.
Die da rechts, das sind die Propheten, die großen Beter, die unverzagt
Hoffenden, die, die sich schon weit geöffnet haben für den Kommenden Herrn.
Wir sind nicht wie sie, aber sie machen uns Mut. Wir stehen beieinander und
sagen zueinander: da, schau!
Und mit einem Mal sind wir mit umhüllt, von adventlicher
Hoffnung.
Ganz egal, was hinter uns liegt und was wir im Hinterkopf haben, ganz egal, wie
irdisch, allzu irdisch unser Leben ist,
ganz egal, was mit Macht auf uns zukommt persönlich und global, in den nächsten
Tagen, Monaten, Jahren.
Seht auf, erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.
Ø
Liebe Gemeinde,
der zweite Advent führt uns in die Weite adventlicher
Hoffnung ein.
Nachdem der 1. Advent eine Tür geöffnet hat, trägt der 2. Adventssonntag die
Botschaft vom machtvollen Kommen des Erlösers in unsere unerlöste Welt hinein.
Trotz Unruhe und Angst, Leid und Tod ruft uns der Erlöser zu: Kopf hoch, halte
durch, die Rettung ist näher als du denkst.
Blick nicht zu Boden, sondern schau auf.
Zieh nicht den Kopf ein, sondern erhebe dein Haupt.
Igle dich nicht ein, sondern richte dich aus.
Lass dich nicht lähmen von dem, was bisher dein Leben war, lebe in der
Erwartung. Schau auch nicht nur zurück auf das Kommen Jesu damals und dort in
diese Welt.
Richte dich aus auf seine Wiederkunft, und auf sein Kommen heute zu dir, auf
deine Erlösung.
Rechne damit, dass er in deiner Erwartung schon heute gegenwärtig ist, so wie
das Blau in Kandinsky´s Bild.
Am 3. Advent wird es dann darum gehen, wie wir dem Kommenden Herrn in unserem
Leben den Weg bereiten können. Und wie wir durchhalten, wenn der Weg lang wird.
Und am 4. Advent heißt es nur noch:
Freut euch, der Herr ist nahe.
Liebe Gemeinde,
man kann sich der Adventsbotschaft auf unterschiedliche Art nähern.
Man kann sich auf ganz verschiedene Weise von ihr ansprechen lassen.
Heute habe wir es einmal versucht mit einem auf den ersten Blick überhaupt nicht adventlichen Bild.
Aber jetzt lassen wir auch dieses hinter uns und erheben unsere Häupter, weil sich unsere Erlösung hat.
Denn der Friede Gottes ist höher als unsere Vernunft.
Er bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Amen.