Prof. Dr. Joachim Track
Eine Kirche?! – Zur
gegenwärtigen ökumenischen Lage
Dank für die Einladung!
Unter dem Titel „Eine
Kirche?! – Zur gegenwärtigen ökumenischen Lage“ möchte ich sie am heutigen
Abend des Reformationsfestes auf einen Weg mitnehmen. Wir gehen erstens aus von
dem „ökumenischen Aufbruch“, den wir leider nicht vor uns, sondern erst einmal
hinter uns haben. Dann wollen wir uns in der gegenwärtigen Situation umschauen
unter der Überschrift „Ökumenischen
Ernüchterung“ und die Tendenzen und Hintergründe dieser Ernüchterung erörtern.
Schließlich lädt sie ein dritter Teil unter der Überschrift „Im Unterwegs von
der einen Kirche zu der einen Kirche - Ökumenische Perspektiven“ in die Zukunft
zu schauen und ökumenische Schritte zu wagen.
1. Der ökumenische
Aufbruch
Was immer man über das vergangene 20. Jahrhundert in seinen schrecklichen und dunklen Seiten sagen mag und muss, zu seinen hellen Seiten gehört der ökumenische Aufbruch, der sich vor allem in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts vollzogen hat. In allen bleibenden Unterschieden und aktuellen Kontroversen ist ein neues ökumenisches Bewusstsein, eine neue Offenheit der Kirchen für einander entstanden, vor Ort in den Gemeinden, in den einzelnen Diözesen und Kirchen, auf Weltebene. Ebenso vielfältig sind die Dimensionen ökumenischer Begegnung in der theologischen Arbeit, im gemeinsamen Gebet und in der Feier des Gottesdienstes, in Zusammenarbeit in Projekten, um die Not in der Welt zu lindern, in gemeinsamen Antworten auf die Herausforderungen der Zeit. Deutlich wurde erkannt, dass die unterschiedlichen Konfessionen nicht nur einen Reichtum darstellen, sondern die gegenseitige Abgrenzung der Kirchen voneinander und vor allem ihr Streit ein Ärgernis sind. Der Streit der Konfessionen, unter Christen und Christinnen, in Europa, den wir im Zuge der Mission in andere Kontinente getragen haben, hat unendlich viel Leid über die Menschen gebracht: Trennungen, Entfremdungen, Feindschaften und Kriege. Nicht zuletzt haben uns die Erfahrungen der beiden Weltkriege, die Erfahrung unter und mit dem Naziregime vor Augen geführt, dass an der Stelle konfessioneller Streitigkeiten gemeinsames Bekenntnis zu Jesus Christus, gemeinsames Friedenszeugnis, gemeinsame Verantwortungsübernahme in der Welt und für die Welt gefordert sind.
Nicht, dass es die Einheit der Kirche, die eine katholische Kirche als eine Institution je gegeben hätte! Ein solches Bild der Einheit ist eine Fiktion. Immer schon stellten die christlichen Gemeinden und (Teil-) Kirchen eine durchaus auch spannungsreiche Vielfalt dar. Schon das Neue Testament gibt davon beredtes Zeugnis. Doch ist solche Vielfalt zu unterscheiden von der Geschichte der Trennungen in der weiteren Entwicklung des Christentums. Es kam zu Trennungen mit gegenseitiger Abgrenzung und Ausgrenzung. Man konnte in der anderen Gestalt von Kirchesein nicht mehr eine andere Gestalt von Kirche sehen, die man respektierte, auch wenn man kritische Anfragen hatte, sondern man verurteilte diese andere Gestalt von Kirche. Es wurde über andere gesagt: Das ist ein Verständnis des Evangelium und des Kircheseins, das dem Evangelium widerspricht, darum anathema sit, verurteilt, verdammt sei hier und jetzt und in Ewigkeit, wer so glaubt und lehrt, so Kirche Jesu Christi sein will.
Das, so wurde erkannt, macht das Christuszeugnis der Kirchen unglaubwürdig. Dem Christuszeugnis in der Welt steht entgegen, dass wir die geschichtliche Verschiedenheit unserer Kirchen oft mehr gegeneinander als miteinander leben. Reue und Trauer über diese Geschichte, Sehnsucht und Hoffnung auf ein neues ökumenisches Miteinander und die Bereitschaft zu einer ökumenischen Verständigung kennzeichneten diesen ökumenischen Aufbruch.
So ist gegen Ende des 19. Jahrhunderts und dann vor allem im 20. Jahrhundert in allen bleibenden Unterschieden und aktuellen Kontroversen ein neues ökumenisches Bewusstsein, eine neue Offenheit der Kirchen für einander entstanden, vor Ort in den Gemeinden, in den einzelnen Diözesen und Kirchen, auf Weltebene. Es wurde nicht mehr gegeneinander geredet und nur übereinander geredet, sondern miteinander gesprochen. Wir reden miteinander, feiern miteinander Gottesdienste, arbeiten zusammen. Das gilt trotz aller Rückschläge, die es in der ökumenischen Bewegung auch gegeben hat, gibt und geben wird.
Vielfältig sind die Dimensionen ökumenischer Begegnung in der theologischen Arbeit, im gemeinsamen Gebet und in der Feier des Gottesdienstes, in Zusammenarbeit in Projekten, um die Not in der Welt zu lindern, in gemeinsamen Antworten auf die Herausforderungen der Zeit. Deutlich wurde erkannt, dass die unterschiedlichen Konfessionen nicht nur einen Reichtum darstellen, sondern die gegenseitige Abgrenzung der Kirchen voneinander und vor allem ihr Streit ein Ärgernis sind. Deutlich wurde auch erkannt, dass innerhalb der Konfessionen Kirchen sich nicht provinziell abschließen können.
Solche Einsicht führte auf protestantischer Seite zur Gründung des ÖRK (wichtig wurden in besonderer Weise auch die Überlegungen Von D. Bonhoeffer zu einen christlichen Friedenskonzil) und zur Gründung der konfessionellen Weltbünde (insbesondere LWB und RWB). und, nicht zuletzt durch die Erfahrung der beiden Weltkriege bestärkt,. Es kam zu intensiven Gesprächen zwischen den Konfessionen.
Die römisch-katholische Kirche tat sich mit diesem ökumenischen Aufbruch zunächst schwer. Das 19. Jahrhundert (Vatikanum I) ist von Auseinandersetzung und Absetzung von der Neuzeit und den Kirchen der Reformation geprägt. Das 20.Jahrhundert ist dann ein Jahrhundert, in dem sich die römisch-katholische Kirche mit der Ökumene auseinandergesetzt, an ihr abgearbeitet und sich für sie geöffnet hat. Es beginnt mit einer offiziellen Gegnerschaft. In der Enzyklika „mortalium animos“ aus dem Jahr 1928 sah man in der ökumenischen Bewegung ein gefährliches und schädliches Unternehmen. Als einziges Ziel der Einheit der Christen ist - gegen die Bewegung des Ökumenismus - festzuhalten: die Rückkehr aller getrennten Brüder zur wahren Kirche Jesu Christi, der (Römisch)- Katholischen Kirche, von der sie sich unseligerweise getrennt haben. Die Bedingung aber für eine solche Rückkehr ist – und da wehrt man sich ganz entschieden gegen eine Hierarchie der Wahrheiten – nicht die Unterscheidung zwischen grundlegenden und nicht grundlegenden Wahrheiten, sondern die Zustimmung zu allen Glaubensaussagen, also auch zu den Dogmen von der unbefleckten Empfängnis der Gottesmutter Maria, dem unfehlbaren Lehramt des Papstes. Sie sind nicht weniger Dogma und zu glauben als die altkirchlichen Bekenntnisse und Lehraussagen über Trinität oder über die Menschwerdung Gottes in Jesus Christus. Wenn man sich um ökumenische Fragen bemühte, dann in dieser Phase allenfalls um die Aufarbeitung der Spaltung mit den Ostkirchen.
Sieht man auf diese Anfänge, so ist der Weg weit, den die römisch - katholische Kirche in 20. Jahrhundert gegangen ist, in der theologischen Öffnung für die Bibelwissenschaften, für dogmengeschichtliche Forschungen, für die Einsicht in die Hierarchie der Wahrheiten, die Dogmenhermeneutik, aber auch in praktischer Hinsicht in der Öffnung für Begegnung und Zusammenarbeit, bis hin dazu, dass es im zweiten Vaticanum ein Ökumenismusdekret gibt, In diesem Dekret geht man zwar immer noch von der Rückkehr in die „Katholische“ Kirche aus, aber in eine Katholische Kirche, die zu Buße und Veränderung bereit ist. Aber es hat sich doch durch das Ökumenismusdekret eine Öffnung vollzogen zum Dialog, zum gemeinsamen Bekennen des Glaubens in der Welt, zum gemeinsamen Handeln, Beten und Feiern des Gottesdienstes.
Ein Ergebnis dieses Dialoges ist die Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre und die und die mit ihr verbundene Gemeinsame Offizielle Feststellung. Die Unterzeichnung der Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre ist ein „ökumenischer Meilenstein“, wie sie Papst Johannes Paul II zu recht gekennzeichnet hat. Am 31. Oktober 1999 ist in Augsburg gelungen, was fast 500 Jahre vorher auf dem Reichstag zu Augsburg und nachfolgenden Gesprächen gescheitert war: Eine Verständigung zwischen der römisch-katholischen Kirche und den aus der Reformation entstandenen Kirchen. Die Gemeinsame Erklärung (GE) zur Rechtfertigungslehre ist das erste gemeinsam offizielle Verständigungsdokument zwischen der römisch- katholischen Kirche und einer Kirche der Reformation, hier den Kirchen des Lutherischen Weltbundes. Verständigung wurde in der Frage gesucht und gefunden, in der die Reformation ihren theologischen Grund hatte: der Auseinandersetzung um das Verständnis der Rechtfertigungseinsicht. Die Katholische Kirche und der Lutherische Weltbund haben, so wird im Annex ausgeführt, den Dialog als gleichberechtigte Partner („par cum pari“) begonnen und geführt. (Anhang(Annex) zur Gemeinsamen Offiziellen Feststellung 4). Gegenseitig wurden die geordneten Verfahren, zu Lehrentscheidungen zu kommen, anerkannt. Die GE ist das Ergebnis eines Dialogs zwischen Kirchen.(GE Nr. 5).Auch wenn es dann die Fußnote gibt, die darauf aufmerksam macht, dass hier unterschiedliche Kirchenverständnisse vorliegen: „In dieser Erklärung gibt das Wort „Kirche“ das jeweilige Selbstverständnis der beteiligten Kirchen wieder, ohne alle damit verbundenen ekklesiologischen Fragen entscheiden zu wollen.“ Ich komme später noch einmal darauf zurück. Besonders wichtig, in der Gemeinsamen Offiziellen Feststellung wird neu das Ziel der Ökumene, auch neu gegenüber dem Ökumenismusdekret, formuliert: Ziel ist es „zu einer vollen Kirchengemeinschaft, einer Einheit in Verschiedenheit zu gelangen, in der die verbleibende Unterschiede miteinander „versöhnt“ würden und keine trennende Kraft mehr hätten.“ Das Ziel der Ökumene ist eine Kirchengemeinschaft in einer sichtbaren Einheit in versöhnter Verschiedenheit. In dieser „Einheit in versöhnter Verschiedenheit“ erlaubt ein gemeinsames Verständnis des Evangeliums, „die verbleibenden Unterschiede in den Glaubensauffassungen und den geschichtlichen Ausprägungen nicht mehr als trennende Widersprüche, sondern als sich gegenseitig bereichernde und herausfordernde Vielfalt gemeinsamen Glaubens und Bekennens zu verstehen. Wir haben voneinander gelernt und zunehmend den Reichtum und die Fülle der Traditionen in der Weltchristenheit entdeckt. Wir wissen heute, dass wir nicht wie die anderen werden müssen und trotzdem Einheit glauben und leben können. Wir spüren aber zugleich deutlicher als zuvor, dass wir nicht bleiben können, die wir sind, wenn wir in der Welt das Zeugnis der Versöhnung und des Friedens Gottes ausrichten wollen.“
2. Ökumenische Ernüchterung
Es war allen, die am Prozess der Gemeinsamen Erklärung beteiligt waren, klar dass auch nach der Unterzeichnung der Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre noch eine Reihe von schwierigen Fragen anstanden, die in der Gemeinsamen Erklärung selbst als zu klärende Fragen benannt wurden: das Verhältnis von Wort Gottes und kirchlicher Lehre sowie die Lehre von der Kirche, von der Autorität in ihr, von ihrer Einheit, vom Amt und von den Sakramenten, schließlich von der Beziehung zwischen Rechtfertigung und (Sozial-)Ethik
So hat es Anfragen und Befürchtungen gegeben, ob die Einigung im Verständnis der Rechtfertigung wirklich tragend sein wird für eine zukünftige Einigung, insbesondere über das Kirchen –und Amtsverständnis. Von evangelischer Seite wurde der röm. katholischen Kirche unterstellt. es handele sich bei ihrem Entgegenkommen doch letztlich nur eine imperiale Strategie einer Rückkehr- oder Integrationsökumene. Uns, die wir das ausgehandelt haben, wurde ein zu vorschnelles und unbedachtes Einlassen auf die katholische Seite vorgeworfen. Es wurde vermutet und uns unterstellt, dass wir protestantische Positionen aufgegeben haben etwa in Fragen des Rechtfertigungs- und Kirchenverständnisses, in der Frage des Papstes als Sprecher der Christenheit. Auch auf katholischer Seite fragte man sich umgekehrt, ob man, bei den Einigungsgesprächen nicht zu weit gegangen ist. Solche Fragen von der Art, wo bleibt die eigene Identität, stellen sich üblicher- und auch notwendigerweise bei einem Ringen um ein gemeinsames Verständnis.
Ich selbst habe aufgrund der Einigung gehofft, dass wir weiter voranschreiten können und zu einem gemeinsamen Verständnis in versöhnter Verschiedenheit im Blick auf das Kirchenverständnis, die Amtsfrage und das Verständnis von Abendmahl/Eucharistie kommen.
Allerdings habe ich auch von Anfang gefürchtet, und dies auch gesagt, dass auch auf katholischer Seite, nach dem man sich der Gemeinsamen Erklärung deutlich bewegt hatte, die Identitätsfrage gestellt wird und Rückwärtsbewegungen einsetzen werden. Die Erfahrungen zeigen ja, dass sich die Ökumene meist nur im Modus der Echternacher Springprozession vorwärts bewegt: zwei Schritte vor, ein Schritte zurück. Leider ist es so gekommen. Von römisch-katholischer Seite wurden in den vergangenen Jahren verschiedene vom Vatikan erlassene Dokumente vorgelegt, die die lutherisch/römisch- katholischen Beziehungen mit enttäuschenden Überraschungen überschattet haben. Dies gilt insbesondere für die von der römisch-katholischen Kongregation für die Glaubenslehre herausgegebene Erklärung „Dominus Jesus“ im Blick auf das Verständnis von „Kirchen“ und „kirchlichen Gemeinschaften“, die päpstliche Enzyklika zur Eucharistie „Ecclesia de Eucharistia“ und jetzt die „Antworten auf Fragen zu einigen Aspekten bezüglich der Lehre über die Kirche“ durch die Glaubenskongregation. Selbst, wenn sie für den innerkatholischen Gebrauch bestimmt waren, sind diese Dokumente für die anderen Kirchen doch enttäuschend, weil sie deren Sensibilität nicht berücksichtigten und so in der Praxis die Hoffnung zu bestreiten scheinen, dass die Unterzeichnung der GER den Weg ebnen könnte für weitere Schritte zu gegenseitigen Anerkennung und zur Kirchengemeinschaft. Das hat den grundsätzlichen Kritikern der GE nur Vorschub geleistet und zu einer „Abkühlung des ökumenischen Klimas“ geführt.
In der römisch – katholischen Kirche steht eine Entscheidung über den weiteren Weg an. Abgekürzt lässt sich das so formulieren: Im II. Vaticanum finden sich, bekanntlich nicht nur in Fragen des Verständnisses der Ökumene, zwei teilweise mit einander vermittelte, teilweise auch unvermittelt nebeneinander und in Spannung zueinander stehende Linien eines sich mehr öffnenden und eines sich traditionell eher abgrenzenden Glaubens- und Kirchenverständnisses. Im II. Vaticanum selbst und vor allem in der Zeit nach dem II. Vaticanum hat man versucht, diese Spannung weiter „auszubalancieren“, manchmal mit einer Akzentsetzung in die eine, manchmal mit einer Akzentsetzung in die andere Richtung. Das war und ist keine leichte „Integrationsaufgabe“ – nicht zuletzt in den gegenwärtigen Transformationsprozessen. Dies spiegelt sich auch wieder in dem, wozu man, jeweils jeweils von der Glaubenskongregation gebilligt, in der „Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre“ Ja sagen konnte[1] und wozu man in der Erklärung „Dominus Jesus“ und in den „Antworten auf Fragen zu einigen Aspekten bezüglich der Lehre über die Kirche“ meinte Nein sagen zu müssen. Die Spannung ist offenkundig. Es steht wohl eine Entscheidung an, wohin der weitere Weg der römisch- katholischen Kirche gehen soll. Das ist im Augenblick offen.
Aber auch auf protestantischer Seite scheint Abstand von der Ökumene angesagt. .So wird auf protestantischer Seite das Ende der Konsensökumene verkündet und eingefordert. An die Stelle des „Konsensmodells“ soll ein „Differenzmodell“ treten.[2] Kritisch wird gefragt: Hilft die Orientierung am Konsensmodell, das in der Gefahr steht die Differenzen einzuebnen oder zu relativieren? Wäre es nicht besser, sich an einer wechselseitigen Anerkennung des Differenten zu orientieren? Statt durch falsche Nachgiebigkeit und eine Verschleierung des bleibend Differenten sollte man sich lieber am Vorbild der „Prinzipientreue“ der Römisch-katholischen Kirche orientieren und selbstbewusst die protestantische Grunddifferenz deutlich zur Geltung bringen. Ziel der Ökumene wäre dann die Anerkennung der bleibenden Differenz(en). Aufgabe ökumenischer Dialoge könnte es dann erstens sein, in einer Besinnung auf das eigene Verständnis des Evangeliums danach zu fragen, was aus der eigenen Sicht beim Anderen jeweils anerkannt werden kann, und zweitens einander gegenseitig mit dem je eigenen Verständnis des Evangeliums und der daraus abgeleiteten Theorie und Praxis zu konfrontieren. Dies kann sowohl zu einer Horizonterweiterung führen als auch den Blick für das Eigene schärfen.[3] Dies wird mit der Hoffnung versehen, dass sich, weil in der römisch-katholischen Kirche auch das Wort gepredigt wird und die Sakramente gereicht werden, doch dort durch das Wirken des Heiligen Geistes das Evangelium durchsetzen kann und hoffentlich wird (Herms). In diesem Zusammenhang wird gefordert: Statt sich vom katholischen Partner die Agenda vorgeben zu lassen, sollte die evangelische Seite deutlicher ihr Eigenprofil entfalten. Eine „Ökumene der Profile“ gilt es zu entwickeln
Dass solche Formulierungen auf katholischer Seite nicht gerade Freude hervorrufen, kann man unseren ökumenischen Dialogpartnern nicht verdenken.
Umgekehrt können wir vom Präsidenten des Einheitsrates Kardinal Kasper hören: „Mit den Reformationskirchen sind derzeit keine substanziellen Fortschritte möglich“[4]. Er begründet dies mit dem „sachliche(n) Grundproblem des Dialogs mit den Kirchengemeinschaften der reformatorischen Tradition“, da die „unterschiedlichen Ekklesiologien“ zu „unterschiedlichen ökumenischen Zielvorstellungen“ führten, die ihrerseits wiederum „zu unterschiedlichen Erwartungshaltungen und damit vom Wesen der Sache her zu wechselseitigen Enttäuschungen“ führten, „weil der Partner den jeweils eigenen Erwartungen nicht entspricht oder aufgrund seiner andersartigen ökumenischen Zielvorstellung gar nicht entsprechen kann“[5]. Solange die Fragen der Ekklesiologie nicht grundsätzlich gelöst seien, ermögliche dieses Patt keine substanziellen Fortschritte[6]. Der römisch-katholischen ökumenischen Zielvorstellung „der vollen sichtbaren Kirchengemeinschaft im Glauben, in den Sakramenten und in der Kirchenleitung“ widerspreche „das reformatorische Einheitsmodell“, das in der Leuenberger Konkordie von 1973 zum Ausdruck komme, welches einen Grundkonsens im Verständnis des Evangeliums voraussetze, um Kanzel- und Abendmahlsgemeinschaft zu ermöglichen sowie die Ämter wechselseitig anzuerkennen, die Kirchen aber bekenntnismäßig und institutionell getrennt lasse[7]. Hier werde nach Kasper der konfessionelle Pluralismus nicht mehr als Skandal, sondern unter Berufung auf das Neue Testament als legitim empfunden. Daher sei es verständlich, dass die evangelischen Kirchen auf eucharistische Gastbereitschaft drängten, was von der römisch-katholischen Kirche als Zumutung empfunden werden müsse, dem sie nicht entsprechen nicht entsprechen könne, weil es die Preisgabe ihres ekklesiologischen Selbstverständnisses bedeuten würde, wie umgekehrt die evangelischen Kirchen die ökumenische Zielvorstellung der römisch-katholischen Kirche als Zumutung verstehen, „weil sie die Anerkennung des Bischofs- und des Petrusamtes impliziert“[8].
Ökumene scheint tatsächlich, was die Ökumene zwischen der röm.-katholischen Kirche und den lutherischen Kirchen, den protestantischen Kirchen insgesamt anbelangt, zu einem gewissen Stillstand gekommen zu sein. Das gilt vor allem für die offizielle Ökumene auf kirchenleitenden Ebenen, aber es wirkt sich auch bis auf die gelebte Ökumene in den Gemeinden aus
3. Im
Unterwegs von der einen Kirche zu der einen Kirche - Ökumenische Perspektiven
Was ist in dieser Situation zu tun? Aufgeben, sich resigniert oder schadenfroh abwenden, heroisch weitermachen? Die Hoffnung auf die Basis setzen, weil die da oben doch nichts Rechtes zustandebringen?
1. Meine erste Antwort auf diese Fragen lautet:
Ökumene ist zu aller erst ein geistliches Geschehen, das im Leben der Kirche
Gestalt gewinnen will.
Die Frage kann nicht sein, ob wir uns für die Ökumene einsetzen oder von der Ökumene ablassen. Für mich steht am Anfang die Einsicht: „Auf dass all eins sind“ ist nach dem Johannesevangelium ein an uns ergehender Auftrag um der Verkündigung des Evangeliums willen. Gemeinsam sollen wir Christus bezeugen. Es geht um unser gemeinsames Zeugnis vor der Welt in den Herausforderungen der Zeit. Unser widersprüchliches Zeugnis dient Christus nicht, deshalb müssen wir um das gemeinsame Zeugnis ringen und davon nicht ablassen. Dabei gilt:
Zur Ökumene gehört eine Haltung:
Ökumene braucht Offenheit und Vertrauen. Ökumene lebt von Offenheit, sich auf einen Begegnung einzulassen. Sie setzt sie Neugier und Lernbereitschaft voraus. Ökumene braucht die Vermutung, dass der Andere, das Andere um seiner selbst willen interessant und darin gerade für mich, für uns interessant ist. Ökumene lebt von dem Vertrauen, dass wir einander entgegen bringen und zueinander haben. Gewiss gibt es kein ungebrochenes Vertrauen, aber ohne ein gewisses Anfangsvertrauen, dass der andere es gut mit uns meint in aller Gebrochenheit und allen Machtfragen, ohne ein solches Anfangsvertrauen auf beiden Seiten geht nichts in der Ökumene.
Ökumene braucht Klarheit. Das schließt auch die Entfaltung der jeweiligen eigenen Selbstverständnisse und Identitäten sowie die Benennung der bestehenden Differenzen, Kontroversen ein Darin liegt auch das Wahrheitsmoment der gegenwärtigen Rede von der Schärfung der Profile. Ökumene schliesst ein, dass man sich auch gegenseitig die Ehre der Konfrontation erweist.
Ökumene braucht Geduld und Entschlossenheit, die sich dem Glauben verdanken. Auch wenn wir die Gemeinschaft der Kirchen, ihre Einheit in versöhnter Verschiedenheit nicht „machen“ können, sondern sie Geschenk des Wirken des Heiligen Geistes ist, wollen wir in der Bitte um das Wirken des Heiligen Geistes das tun, was an uns ist.
Ökumene erfordert konkrete Arbeit:
· Die Pflege, die Rezeption des Ereichten muss in allen Bereichen vorangehen. Ökumene muss und will ins Leben kommen auf allen Ebenen. Die Verpflichtung zur Ökumene ist unwiderruflich, wie es Papst Johannes Paul II formuliert hat. Ökumene braucht ein gutes Gedächtnis des bereits gemeinsam in den ökumenische Dialogen und Verständigungsprozessen Erreichten. Sie braucht den Mut und die Hartnäckigkeit an das Ereichte zu erinnern und daran festzuhalten
· Es gilt die gegenseitige Wahrnehmung zu intensivieren. Wir sind vielfach, leider nicht überall, über die Phase der Pflege von Vorurteilen (und Horrorstories) jeweils über den anderen hinaus. Dennoch habe ich den Eindruck, dass die Wahrnehmung der jeweils anderen Seite in ihrer Selbstinterpretation gestärkt werden muss. Es geht um eine Ökumene, die den anderen nicht an seinen Defiziten festmachen will, sondern seine Potentiale achtet, und sich dem Widerständigen auch selbstkritisch stellt. Kurzum um eine Ökumene gegenseitigen Respektes.
· Die Ökumene bedarf der Pflege und des Ausbaus institutioneller Formen. Das beginnt bei dem Mitbedenken der Auffassungen des anderen bei eigenen Entscheidungen. Das führt zu vorherige Konsultationen der betroffenen Anderen in wichtigen Entscheidungen, wie ich das schon 1999 beim Festakt in Augsburg vorgeschlagen habe. Das hat die Einrichtung von gemeinsamen „Kirchenräten“ vor Ort und weltweit zum Ziel.
Ökumene ist nur möglich, wenn wir bereit sind zur Umkehr, wenn wir bereit sind selbstkritische Fragen an unsere Vergangenheit, in unserer Gegenwart, für die Zukunft zu stellen. Nur so wird ein dynamischer Prozess in Gang gesetzt wird, der zu einer weiteren Verständigung und gegenseitigen Anerkennung als selbständige Kirchen in einer Einheit in versöhnter Verschiedenheit führt. Damit will und soll eine ökumenische Situation überwunden werden, die Fortschritt in der Ökumene nur als Konversion zur eigenen Konfession verstehen kann.
2. Meine zweite Antwort lautet: Wir müssen unsere Wahrheitsansprüche (und die damit verbundene theologische Hermeneutik) diskutieren.
Konsensökumene ist nicht der Ort des
Kompromisses, sondern der Wahrheitssuche und Wahrheitsereignung.[9] Nach römisch-katholischer, besonders von Papst
Benedikt hervorgehobener Auffassung, wird die Gestalt des Kircheseins
der römisch-katholischen Kirche und der in den ersten drei Jahrhunderten
grundgelegten und dann in der römisch-katholischen Kirche weiter geführten
Lehrentwicklung als eine geschichtliche Führung des Heiligen Geistes
verstanden. Damit wird aber ein Offenbarungsverständnis samt seiner
hermeneutischen Implikationen in Anspruch genommen, das sich als
diskussionsbedürftig erweist. Auch wir glauben, dass unser Verständnis des
Evangeliums, der Kirche und ihrer Gestalt wahr ist, aus rechtem Hören auf die
Schrift, das Wort Gottes erwachsen ist
Auch wir glauben, dass unsere Bekenntnisschriften die Schrift angemessen
auslegen. Wir erheben dafür einen Wahrheitsanspruch. Aber nach evangelischem
Verständnis gilt: Wir leben aus der Verheißung, dass das Wort Gottes sich in
seiner Wahrheit in uns durchsetzt und wir wissen zugleich, dass wir das
Verständnis des Evangeliums in unserer geschichtlichen Situation und in unserem
geschichtlichen Verständnis nur bedingt erfassen und entfalten. Das nimmt uns
in die Verantwortung für eine dem Evangelium entsprechende Bezeugung und
Entfaltung des Glaubens. Es fordert uns aber auch immer wieder heraus, offen zu
sein für eine Korrektur unseres Redens
und unseres Verständnisses von Offenbarung[10].
Solche Korrekturbereitschaft vermisse ich in den offiziellen
römisch-katholischen Äußerungen.[11]
Deshalb ist aus theologischen Gründen um der in Erfahrung des Glaubens gewonnenen und erkannten Wahrheit des Evangeliums willen, nötig, die eigene Perspektive stark zu machen und sich zugleich für andere Einsichten und Erfahrungen offen zu halten, die eigenen Perspektive selbstkritisch zu reflektieren.[12]
Meine
dritte Antwort lautet: Wir glauben an die „eine, heilige, allgemeine
(katholische) und apostolische Kirche.“ Diese Einheit wird uns geschenkt, in
der Gott in der Kraft des Evangeliums immer wieder Glauben weckt und in die
Gemeinschaft des Glaubens ruft. Die
Einheit der Kirche ist so zugleich Gabe und Aufgabe in unserem Unterwegs
zwischen den Zeiten. Wir kommen von dieser geschenkten Einheit her und gehen
auf sie zu. Das darf und soll unsere
ökumenische Zusammenarbeit bestimmen.
In der
gegenwärtigen Situation des Dialoges gilt es unser, das lutherische
Verständnis von Kirche deutlich zu
entfalten. Aus meiner Sicht lässt in der gebotenen Kürze dazu formulieren:
Grundlegend hat die lutherische Reformation hervorgehoben: Jesus Christus ist das Subjekt der Kirche. In Jesus Christus begegnen wir dem erwählenden, versöhnenden und befreienden Handeln des dreieinen Gottes, der uns zum Glauben ruft und uns den Glauben schenkt, der uns Gemeinschaft mit sich selbst und untereinander eröffnet. Die Gemeinschaft Gottes mit den Menschen begründet die Gemeinschaft der Glaubenden untereinander und beruft sie zur Gemeinschaft mit der Welt. Kirche ist nicht Kirche aus eigener oder in eigener Vollmacht, sondern aufgrund der Verheißung Gottes. Mit dieser Bestimmung geht eine Abwehr aller Versuche einher, die vorfindlichen empirischen Kirchen in eine Beziehung zu Christus zu bringen, die die Differenz zwischen Christus und empirischer Kirche einzieht. Kirche ist der Ort, an dem Christus wirkt, uns Heil und Gnade widerfahren.
Kirche wird nach lutherischer Auffassung konstituiert durch die Weisen, durch die Gott gegenwärtig sein will, durch Wort und Sakrament (CA VII). Kirche steht unter der Verheißung des Evangeliums und der Gegenwart Gottes. Solche Gegenwart Gottes führt in neue Erfahrung gelingenden Lebens wider alle Erfahrung, in die Erfahrung von Wahrheit, Freiheit, Geborgenheit und Liebe. Sie schafft Bereitschaft, Mut und Geduld zum Leben mit anderen und für andere. In diesem Sinn gilt, dass alle Zeit eine heilige christliche Kirche sein und bleiben müsse (CA VII).
Glaube ist einerseits unvertretbar der Glaube jedes einzelnen Menschen. Er stellt jeden und jede Einzelne in die Gemeinschaft mit Gott und in die Verantwortung seines Lebens. Andererseits führt der Glaube in die Gemeinschaft. Im Glauben werden wir fähig, andere anzunehmen und anderen zu vergeben, wie wir selbst angenommen sind und uns vergeben wird. Glaube eröffnet eine Gemeinschaft, in der sich Menschen gegenseitig neu wahrnehmen und anerkennen können, sich aneinander freuen können und füreinander da sind. Er führt in die Gemeinschaft der gemeinsamen Feier des Gottesdienstes, die Gemeinschaft des Gebetes, des Lobes Gottes, des Hörens und Auslegens des Wortes Gottes, der Feier der Sakramente, die Gemeinschaft des Dienstes. So gehören der unvertretbare Glaube des Einzelnen und die Berufung in die Gemeinschaft des Glaubens gleichursprünglich zusammen. Gemeinde Jesu Christi ist nicht ein nachträglicher Zusammenschluß von Glaubenden, sondernder Ort, an dem Glaube vermittelt und gelebt wird. In diesem Sinne bestimmen die Bekenntnisschriften die Kirche als die Versammlung der Glaubenden (CA VII und CA VIII) Kirche ist die Gemeinschaft der Glaubenden, die durch Jesus Christus zu neuer Gemeinschaft mit Gott, zu neuer Gemeinschaft untereinander und zu neuem Leben befreit ist. Kirche ist nicht Produkt und Resultat des Handelns von Menschen, auch nicht von glaubenden Menschen. Kirche ist die Gemeinschaft von Glaubenden, die aufgrund ihres von Gott gewirkten Glaubens und im Glauben an Jesus Christus zusammengeschlossen sind.
In dieser Gemeinschaft des Glaubens gibt es Unterschiede und Vielfalt, aber diese Unterschiede werden nicht gegeneinander ausgespielt. Genau dies meint das in der Reformation sehr geschätzte Bild von der Gemeinschaft der Glaubenden als Leib Christi. Die Glieder dieses Leibes erfahren sich als aufeinander verwiesen. Die unterschiedlichen Gaben, seien es natürliche Gaben oder Gaben geistlicher Erfahrung, werden füreinander in Dienst genommen. Die Vielfalt, modern gesprochen Pluralität, ist im leibhaften Gottes Kommen in diese Welt, in seiner Bitte um unser Einverständnis, in der Vielfalt der Schöpfung, in unserer Endlichkeit und unserer Geschichtlichkeit, aber auch in unserem Widerspruch gegen Gott begründet. Darum ist sie immer beides: Zeugnis der Fülle des Lebens und des Glaubens und Anlaß zu Spannungen. Sie ist Gewinn und Last, Ausdruck versöhnter Verschiedenheit und unversöhnter Unterschiedenheit. Das öffnet für die Vielfalt und setzt der Beliebigkeit Grenzen, nimmt die Verantwortlichkeit und den Streit ernst. Kirche ist herausgefordert, diese Pluralität ernst zu nehmen und sich ihrer anzunehmen. So gehören zur Gemeinschaft der Glaubenden die Freude an dieser Vielfalt und Pluralität, in der der/die einzelne in seiner individuellen Lebensgestalt, in seinem Anderssein geachtet wird, und zugleich die Freude an der Einheit.
Diese Einheit ist zu allererst von Gott her geschenkte durch Wort und Sakrament geschaffenen Einheit. „Zur wahren Einigkeit der christlichen Kirchen ist es genug (satis est), dass nach reinem Verstand das Evangelium gepredigt wird und die Sakrament dem göttlichen Wort gemäß gereicht werden. Und nicht notwendig zur wahren Einheit ist, „dass allenthalben gleichförmige Zeremonien von den Menschen eingesetzt werden“ (CA VII). Die Einheit der Kirche ist nur dadurch wahrnehmbar, dass wahrgenommen wird, was Kirche als Kirche in ihrer Einheit konstituiert, nämlich die Verkündigung des Evangeliums durch Predigt und Sakrament.
Die zutreffende Aussage, dass für die Kirche nichts anderes als Wort und Sakrament konstitutiv sind und darum es zur wahren Einheit von Kirche nicht notwendig ist, dass allenthalben gleichförmige Zeremonien von den Menschen eingesetzt werden (CA VII), bedarf freilich, so zeigt die Wirkungsgeschichte in mehrfacher Hinsicht, der Praezisierung. Diese Aussage ist gegenüber dem Missverständnis zu schützen, dass die „Zeremonien“ und die Gestaltfragen beliebig seien. Wort und Sakrament sind keine formalen Größen, sondern ein bestimmtes Wort, das an uns ergeht, eine bestimmte Gabe, die uns zugesagt wird. Von daher ergeben sich für Auftrag und Gestalt, für die Lebensäußerungen von Kirche Richtlinien und Kriterien. Wir haben Freiheit in der Gestaltung, aber nicht Freiheit von einer angemessenen Gestaltung. Das erfordert neue Aufmerksamkeit für die Gestaltfrage Das ist uns aufgrund der geschichtlichen Erfahrungen und in den ökumenischen Dialogen neu deutlich geworden. Das verbindet uns auch mit dem in der katholischen Kirche immer schon gegeben Fragen nach der rechten Gestalt und Gestaltung von Kirche.
Im II. Vaticanum wurde umgekehrt auch eine Tür geöffnet auf das lutherische Kirchenverständnis hin. In der Kirchenkonstitution des II. Vatikanums wurde nach meiner Auffassung eine Selbstrelativierung vollzogen. Von der rom.- katholischen Kirche wird nun nicht mehr gesagt, sie ist („est“) die Kirche Jesu Christi. sondern die Kirche Jesus Christi ist verwirklicht („subsistit in“) in der katholischen Kirche, die vom Nachfolger Petri und den Bischöfen in Gemeinschaft mit ihm geleitet wird. Auch daran bleibt aus lutherischer Sicht vieles diskussionsbedürftig. Zwar wird anderen Kirchen das Kirchesein nicht abgesprochen und den kirchlichen Gemeinschaften unter Anerkennung der Spendung des Sakraments der Taufe zugesprochen, dass Gott auch die anderen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaft zu Mitteln des Heils machen kann und in ihnen Menschen die frohe Botschaft des Heils vernehmen. Es bleibt jedoch die Auffassung, dass die Kirche in ihrer Fülle ( nur) in der röm.- katholischen Kirche gegeben sei. In den neueren Interpretationen der Konzilstexte in Dominus Jesus und den Antworten der Glaubenskongregation wird auch diese Öffnung wieder zurückgenommen, wenn nicht ganz so doch sehr deutlich. Die wahre Kirche Jesu Christi ist allein in der katholischen Kirche verwirklicht, so lesen wir unter anderem. In der Frage der Fülle gibt es dann Abstufungen. Wenn die römisch-katholische Kirche ihre Auffassungen zum Kirchenverständnis in der gegenwärtigen Situation zum alleinigen und unhintergehbaren Maßstab macht, dann ist der Dialog zu Ende. Dann gibt es nur Zustimmung oder Ablehnung, aber kein gemeinsames Ringen um die Wahrheit, keinen Diskurs über die Auffassungen, die jeweils der einen oder anderen Seite als unhintergehbar erscheinen. Es findet kein Bemühen um sorgfältiges Verstehen des anderen in seiner Theorie und Praxis, auch der Anfragen, die sich daraus an die eigene konfessionellen Identität ergeben, statt. Unvermeidlich werden durch solche Auffassungen andere Kirchen abgewertet und in ihrer Auffassung, Glieder am Leibe Christi zu sein, beschädigt. Zugleich führt dies auch zu einer Selbstisolierung der katholischen Kirche inmitten der weltweiten Christenheit. Fragwürdig ist nicht, dass die röm.- katholische Kirche ihre Auffassungen entfaltet vom Verständnis von Kirche, ihre Perspektive und Kriterien, jedenfalls so, wie es die (Mehrheit der) Glaubenskongregation sieht. Auch wir haben unsere Perspektive und unsere Sicht von Kirche und halten sie für angemessen, besser begründet, dem Evangelium mehr entsprechend, sonst würden wir sie nicht vertreten. Das Problem liegt darin, wenn eine Seite hier unhintergehbare Kriterien festlegt, ist das Ringen um das rechte Verständnis des Evangeliums, um die Wahrheit schon entschieden, bevor es überhaupt begonnen hat. Das ist kein Weg, der weiterführt in den anstehenden Dialogen über das Kirchen- und Amtsverständnis..
In der Gemeinsamen Erklärung konnten wir noch formulieren: Ziel der ökumenischen Bemühungen ist es, dass wir zu „einer vollen Kirchengemeinschaft, einer Einheit in Verschiedenheit (zu) gelangen, in der die verbleibende Unterschiede miteinander `versöhnt´ würden und keine trennende Kraft mehr hätten.“[13] In dieser „Einheit in versöhnter Verschiedenheit“ erlaubt es ein gemeinsames Verständnis des Evangeliums, die verbleibenden Unterschiede in den Glaubensauffassungen und den geschichtlichen Ausprägungen nicht mehr als trennende Widersprüche, sondern als sich gegenseitig bereichernde und herausfordernde Vielfalt gemeinsamen Glaubens und Bekennens zu verstehen.
Wir können nur hoffen, dass sich solche Einsicht das ökumenische Handeln aller christlichen Kirchen bestimmen möge und das kirchliche Leben vor Ort, zwischen den Kirchen und weltweit von diesem Geist getragen wird. Glaube bleibt unvertretbar Sache des Einzelnen in seiner Geschichte mit Gott. Diese Unmittelbarkeit des Einzelnen vor Gott und seine Verantwortlichkeit sind zu stärken. Zugleich bedarf der Glaube einer Gemeinschaft, die das Zeugnis des Glaubens weiterträgt, einen Raum erfahrbarer Orientierung und Praxis des Glaubens bietet, in dem der Einzelne Halt und Geborgenheit finden und der Glaube in der Gemeinschaft Gestalt finden kann. So sind Einzelne und die Gemeinschaft des Glaubens aneinander verwiesen und können sich doch auch gegenseitig frei lassen. Zum Glauben gehört, dass sich der Glaube als Glaube in anderen wiedererkennt, gemeinsame Erfahrungen, Überzeugungen und gemeinsame Praxis sich einstellen.. Ebenso gehört zum Glauben die Pluralität als Zeugnis für die unterschiedlichen Geschichten, die Gott mit den Menschen hat, als Zeugnis der Fülle, des Reichtums, lebendiger, versöhnter oder versöhnungsbereiter Verschiedenheit. Die Einheit in – versöhnter - Verschiedenheit ist die Bedingung und Chance der Ökumene. So entsprechen wir der Autorität des unser Einverständnis suchenden und erbittenden Christus, dem Versöhnungshandeln des dreieinen Gottes. Darum ist nach meiner Auffassung das „Modell der Einheit in versöhnter Verschiedenheit“ das Modell, das ökumenische Zukunft hat und das wir in der Ökumene stark machen sollen. Ausgehend von dem gemeinsamen Grund, dem Bekenntnis zum dreieinen Gott und seinem Heilshandeln in Jesus Christus, ist zu prüfen, ob in der Auslegung dieses Bekenntnisses in der Lehre und Praxis der anderen Kirche ein Verständnis des Evangeliums und eine Gestalt des Christsein und Kircheseins erkannt werden kann, die dem eigenen Verständnis in aller Unterschiedlichkeit nicht grundlegend widerspricht, sondern entspricht. Das schliesst sowohl die Einsicht in die eigene und fremde geschichtliche Bedingtheit des Verstehens als auch neues Verstehen der eigenen und anderen Auslegung in ihren als berechtigt erkannten Intentionen ein. An diesem Ziel ist gegen alle Widerstände festzuhalten.
Ökumene lebt davon, dass es Menschen gibt, die so frei sind, vielleicht kann man auch sagen, so verrückt sind, die Hoffnung nicht aufzugeben. Ökumene lebt von Menschen, die nicht schon alles wissen, was geht und vor allem was nicht geht. Sie lebt von Menschen, die sich von Gott verrücken lassen aus ihren alten Geleisen, die nicht Gefangene ihrer Ernüchterungen und Enttäuschungen und Verletzungen bleiben. Menschen, die sich trotz aller Erfahrung nicht davon abbringen lassen, noch für diese Welt hoffen. Ökumene lebt von Menschen, die glauben dass Offenheit für den anderen, Bereitschaft zu Verständigung und Versöhnung, die Liebe diese Welt verändern wird, dass das der Weg ist, den Gott für uns Jesus Christus eröffnet und den er mit uns gehen will. Es gilt so frei zu sein, noch eine Vision für diese Welt, für die Ökumene zu haben und sie sich im Namen Gottes nicht nehmen zu lassen.
[1] So heißt es im Anhang zur Gemeinsamen Offiziellen Feststellung, z. B. „Wir haben den Dialog als gleichberechtigte Partner (`par cum pari´) begonnen und geführt“, „Die Rechtfertigungslehre ist Maßstab oder Prüfstein des christlichen Glaubens. Keine Lehre darf diesem Kriterium widersprechen.“
[2] Vgl. u. a. U. H. J. Körtner, Wohin steuert die Ökumene? Vom Konsens- zum Differenzmodell, Göttingen 2005
[3] Vgl. hierzu insbesondere E. Herms, Die Einheit der Christen in der Gemeinschaft der Kirchen. Die ökumenische Bewegung der römischen Kirche im Lichte der reformatorischen Theologie. Antwort auf den Rahner-Plan, Göttingen 1984; ders., Der Dialog zwischen Päpstlichem Einheitsrat und LWB 1965 – 1998. Ausgangsperspektiven, Verlauf, Ergebnis,, ThLZ 123,1998, Sp. 657 – 714..
[4] W. Kasper, Kein Grund zur Resignation. Die katholische Kirche und ihre ökumenischen Beziehungen, in: HK 57/Heft 12 (2003) 605-610, hier 608.
[5] A.a.O. 608.
[6] A.a.O. 609.
[7] Ebd. – Zur gründlichen Auseinandersetzung mit W. Kasper siehe H. Leipold, Einheit auf dem Prüfstand. Zum Zielkonflikt im ökumenischen Dialog. Ein Plädoyer für das Leuenberger Modell der Kirchengemeinschaft, in: F. Schönemann – Th. Maaßen (Hrsg.), Prüft alles, und das Gute behaltet. Festschrift Hans-Martin Barth, Frankfurt a. M. 2004, S. 83-132.
[8] Ebd.
[9] Zu Recht hat Edmund Schlink darauf aufmerksam gemacht, dass jede Dogmatik in gewissem Sinn eine ökumenische Dogmatik ist. Jede Dogmatik möchte die eine Wahrheit des christlichen Glaubens entfalten. Wenn sich Dogmatik so versteht, dass sie die Wahrheit des christlichen Glaubens für die eine Kirche vertritt, so will sie eine katholische, die ganze Kirche betreffende Dogmatik sein, wenn sie die Heilstat des Evangeliums auslegen will, so will sie eine evangelische Dogmatik sein, wenn sie den Lobpreis Gottes im Bekenntnis und in der Lehre zur Sprache bringt, so will sie immer eine orthodoxe Dogmatik sein. Dies gilt auch für theologische Hermeneutik. Vgl. E. Schlink, Ökumenische Dogmatik. Grundzüge, Göttingen, 1983, S. 51
[10] So sehr ich der Auffassung bin, dass Luthers Erfassung des Wesens der Rechtfertigungseinsicht die Sache selbst trifft, ist doch die genauere Entfaltung und Bestimmung des Verständnisses der Rechtfertigungseinsicht und ihrer Stellung und Geltung im Ganzen der christlichen Theologie und der kirchlichen Praxis immer auch ein offener Prozess.
[11] Eine Ausnahme stellen die jüngst von Kardinal Lehmann bei der Eröffnung der Deutschen Katholischen Bischofskonferenz vorgelegten Erörterungen zur den „„Antworten auf Fragen zu einigen Aspekten bezüglich der Lehre über die Kirche“.
[12] Dies gilt nicht zuletzt angesichts der „ökumenischen Positionierung“ der Konfessionen, die auch die Kirchen der Reformation von den Anfang an bestimmt. Von Anfang an haben sich die entstehenden Kirchen der Reformation in ihrer Lehre und Praxis sowohl diachron als auch synchron, von ihrem Verständnis von Gottes Heilshandeln, ihrem Verständnis von Kirche her ökumenisch „positioniert“ und ihre Zielvorstellungen entwickelt, wie dies aus dem Selbstverständnis der Confessio Augustana deutlich wird.
[13] So formuliert es die in Augsburg unterzeichnete Gemeinsame Offizielle Feststellung.